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Das Projekt in der Presse

Neue Presse Frankfurt vom 19.09.1997

FAZ Sonntagszeitung No.12 vom 27.03.1994

Namibia Magazin 1992, Heft 4



















Frankfurt - Neue Presse vom 19.09.1997

Eine fremde Zeit mit ihren Augen sehen

Seit knapp fünf Jahren ordnet Irmgard Wolcke-Renk das Archiv der ehemaligen Deutschen Kolonialgesellschaft: rund 55000 Bilder.

von Beate Palmert-Adorff

Frankfurt. Im Hinterzimmer der Afrika-Abteilung der Universitätsbibliothek hat Irmgard Wolcke-Renk eine wahre Sisyphusarbeit zu bewältigen: Das Ordnen und Sichern von 55000 Negativen, Glasplatten, Dias und Fotos aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Scheinbar willkürlich stapeln sich dort unscheinbare graue und grüne Pappkartons mit fragmentarischen Schriftzügen. Sie bergen die einzigartigen Zeugnisse einer längst vergangenen Epoche.
Als die Frankfurter Universität nach dem zweiten Weltkrieg das Vermächtnis der längst aufgelösten Gesellschaft erhielt - 15000 Bücher und rund 55 000 Bilder - interessierte sich noch niemand für alte Fotografien. Die Bücher wurden schnell in den allgemeinen Bestand der Hochschulbibliothek integriert und bilden den Grundstock der heutigen Afrika- und Ozeanien-Abteilung. Die Bilder gerieten fast völlig in Vergessenheit. 30 Jahre lagerten sie in den Archiven des Frobenius-Instituts, bis zwei Mitarbeiter der Universität sie auf der Suche nach Material für ihre Doktorarbeit hervorkramten.

Fotos aus allen Kolonialgebieten

Imre Demhardt und Uwe Jäschke, der noch immer bei dem Projekt mitarbeitet, entdeckten wertvolle alte Großplatten-Negative, handkolorierte Großdias und die frühesten Farbdias aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Sämtliche Gebiete, in denen das deutsche Reich koloniale Interessen hatte sind in der Sammlung vorhanden: Togo, Kamerun, Deutsch- Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania, Ruanda, Burundi), China, Papua-Neuguinea, Marshall-Inseln, Samoa, Siedlungsgebiete in Lateinamerika, Australien und sogar Bilder einer Indienreise.
Die Fotografen haben nahezu alles für die Daheimgebliebenen auf Glas und später auch Film festgehalten: Bizarre Köcherbäume und Felsen in Namibia, Sisal-Ernte in den afrikanischen Kolonien, Ochsenkarren in China, Expeditionen mit schwarzen Lastenträgern ins Landesinnere Ostafrikas, Einheimische unter Palmen, schwarze Siedlungen und weiße Verwaltungsgebäude. Imposante Forts und die bürgerlich-spießige Einrichtung eines Kolonialbüros findet man ebenso, wie Lepra-Kranke in einer Missionsstation, Kinder in der Schule, Eisenbahner mit stolz geschwellter Brust vor ihrer Lokomotive mitten in der Namibischen Wüste und das eindrucksvolle Portrait von Snewe, dem Häuptling der Bondelzwartshottentotten. Auch "Graf Götzen mit einem erlegten Nashorn", wie die Beschriftung auf einem vergilbten Papierumschlag verrät, liegt in der Pappschachtel und wartet auf historisch-kritische Auswertung. "Das breite Spektrum der Sammlung ist in Deutschland sicher einmalig", sagt Irmgard Wolcke-Renk, "allerdings ist sie in einem erbärmlichen Zustand". Die Originale haben unter den häufigen Transporten gelitten.
Von den Nazis wurden sie 1943 eiligst in Kisten verpackt und in einem Thüringer Bergwerk gelagert. Nach dem Krieg schafften die Amerikaner sie in ihr Depot in Frankfurt. Von dort gelangten sie in den Besitz der Universität, die sie 1963 als Dauerleihgabe ans Frobenius-Institut gab.

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Abb.1: Um 1892 oder noch früher entstand das Foto von Snewe, dem Oberhäuptling der Bondelzwartshottentotten bei Warmbad in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Das Foto ist ein Beispiel für die Kunst der frühen Portrait-Fotographen und gehört zu den Lieblingsbildern von Archivleiterin Irmgard Wolcke-Reck.

Viele Bildplatten sind zerbrochen, andere sind verklebt oder ausgebleicht, chemische Prozesse haben die Filmschicht angegriffen. Außerdem wurden fast alle Deckel der Kästen vertauscht, die Beschriftung stimmt in über der Hälfte der Fälle nicht mehr, Bildinformationen oder Zettel sind falls sie je vorhanden waren, verschwunden. "Wenn überhaupt sind einige dürftige und oft kaum leserliche Hinweise an den Bildern selbst vorhanden", sagt Wolcke-Renk.Wie bei einem Puzzle fügen die Mitarbeiter nun Bild um Bild zusammen. Allmählich ergeben sich Serien und thematische Zusammenhänge. Viele Bilder sind dem Fotografen oder einer bestimmten Reisegesellschaft zuzuordnen. Wolcke-Renk: "Manchmal erkennen wir nur an der Kleidung, daß die Aufnahme vor dem ersten Weltkrieg entstanden sein muß." Teilweise gibt es aber auch sinnvolle, geschlossene Serien. Ein solcher Glücksfall ist die Fotosammlung des Oberst von Schleinitz, der ein eifriger und ausgezeichneter Fotograf war. Er lichtete in Ostafrika alles ab: Menschen, Landschaften, Architektur und technische Einrichtungen. Auch sich selbst ließ er gerne fotografieren: Zum Beispiel auf einem Maultier sitzend mit einem Askari, einem schwarzen Soldat in der deutschen Truppe. Auf einem anderen blickt er, dem Fotografen den Rücken zugewandt, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, auf eine Hügelkette, die ins Landesinnere führt, vor sich eine lange Kolonne schwarzer Träger. Ganz Kolonialherr. Begeistert ist die Geologin und Anglistin von der Beobachtungsgabe der frühen Fotografen. "Je älter ein Bild ist, desto besser ist es durchdacht." Außerdem ist ihr aufgefallen: "Nur wenige Bilder sind abwertend." Besonders angetan ist sie von den Portraits von Einheimischen: "Sie sind ausdrucksstark und einfühlsam und außerdem technisch perfekt."

90 Prozent der Originale gesichert

Inzwischen sind weit über 90 Prozent der Originale auf Sicherungsfilme übertragen. Die alten Papierabzüge bleiben liegen, bis die Originale archiviert und geordnet sind. Wolcke-Renk: "Wir hatten Glück, daß wir zwei Stiftungen für unsere Arbeit interessieren konnten, die uns das Geld für die technische Ausrüstung und die Hilfskräfte zum Erfassen und Einordnen des Materials gaben."

Abb.2: Gruppenfoto mit Einheimischen und Deutschen vor dem Wirtschaftshof des Kulturamtes in Daressalam (Tansania). Maulesel und Ochsengespann sind um 1903 die wichtigsten Fortbewegungsmittel.

Abb.3: Das Foto wurde vermutlich beim Bau der Bahnstrecke in Kamerun aufgenommen und zeigt Arbeiter, die ihren Lohn direkt an der Baustelle abholen.

Knapp die Hälfte ist numeriert, beschrieben und im Computer." Ohne die Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wäre allerdings schon der wichtigste Schritt das Material zu sichern, nicht bezahlbar gewesen. Sie finanziert die Massenverfilmung des Materials. Wobei laut Wolcke-Renk "Massenverfilmung nicht so recht zutrifft": Jedes einzelne Original muß vor der Aufnahme gereinigt und einzeln belichtet werden, damit möglichst viele Informationen übertragen werden. Der nächste Schritt, nach der Archivierung und Einteilung in Sachgebiete ist der Aufbau eines Katalogs im Internet. "Obwohl wir noch lange nicht fertig sind, bräuchten wir Hilfe von Wissenschaftlern anderer Disziplinen." Möglicherweise könnte ein Historiker oder Völkerkundler ein Bild sofort zuordnen, über dem das Bibliotheksteam lange tüftelt um dann doch bei einer allgemeinen Beschreibung wie "Indianer aus Lateinamerika in Tracht" zu bleiben. So fehlt ihnen beispielsweise für die "Kronprinzenreise nach Indien" der entscheidende Hinweis darauf, ob es sich tatsächlich um den deutschen Kronprinzen handelt, um die kleine Fotoserie historisch korrekt einzuordnen.Bei der Frage warum sie immer noch mit der gleichen Begeisterung wie vor fünf Jahren ihre Feierabende opfert um das Archiv endlich der Allgemeinheit zuführen zu können, zögert die Wissenschaftlerin nicht mit ihrer Antwort: "Die Faszination, eine uns ganz fremde Zeit mit ihren Augen zu sehen. Man lernt, die eigenen Anschauungen nicht immer als einzig gültige Meßlatte anzulegen."