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Das Projekt in der Presse

Neue Presse Frankfurt vom 19.09.1997

FAZ Sonntagszeitung No.12 vom 27.03.1994

Namibia Magazin 1992, Heft 4

 


















 

 


Frankfurter Allgemeine-Sonntagszeitung No.12 vom 27.03.1994

Auf Bildplatte: Graf Götzen mit erlegtem Nashorn

goetzen.jpg (53668 Byte)

Fotoarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft wiederentdeckt / Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek will Sammlung vor dem Verfall retten

Ein gut sortiertes Bildarchiv ist das nicht, was da in einem Drahtverhau im dritten Stock der Stadt- und Universitätsbibliothek lagert. Graue und braune Pappschachteln in verschiedenen Größen stehen ungeordnet auf den Metallregalen der Afrika-Abteilung. In den etwa 3 000 Kartons befindet sich eine der größten Sammlungen von Fotodokumenten aus der kurzen deutschen Kolonialzeit von 1884 bis 1919, das fast völlig in Vergessenheit geratene Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG).
Die mehr als 50 000 Fotoplatten, Papierabzüge, Dias und Filme sind vor einigen Monaten in die Universitätsbibliothek zurückgekehrt, nachdem sie 30 Jahre lang im Frobenius-Institut in der Liebigstraße untergebracht waren. Dort spürten sie 1990 Uwe Jäschke und Imre Demhardt auf. Die beiden Mitarbeiter des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeographie der Johann Wolfgang Goethe-Universität suchten damals Bildmaterial für ihre Doktorarbeiten, als ihnen Irmgard Wolcke-Renk, die Leiterin der Afrika-Abteilung der Universitätsbibliothek, von der Sammlung erzählte.

Die DKG, 1887 gegründet, warb für das deutsche Engagement in Übersee und unterstützte die Deutschen dort. Nach dem Verlust der Kolonien kümmerte sich die Organisation um die Rückkehrer. 1891 begann die Berliner Zentrale der Gesellschaft, gezielt Bilder zu erwerben.
Als "eine richtig bunte Mischung" beschreibt Wolcke-Renk die Themenvielfalt. "Eingeborene, Hütten und Sitten", heißt es zum Beispiel auf einer der Schachteln. Der Blick der Europäer auf die fremden Kulturen ist freilich nur ein Schwerpunkt der Sammlung. Die Kolonisten hielten auch fest, wie sich die Gebiete unter ihrer Regie veränderten, lichteten Brücken ab, dokumentierten das Vordringen der Eisenbahnen. Bilder von Expeditionen finden sich ebenso wie Fotos aus den Nachlässen von Kolonialbeamten.

Irmgard Wolcke-Renk und der "Entdecker" der Sammlung, Uwe Jäschke, vermuten, das Frobenius-Institut habe damals unterschätzt, wie schwierig es sein würde, die Kästchen-Kollektion zu ordnen. "Der erste Anblick war überwältigend und deprimierend zugleich", erinnert sich Jäschke an den Moment, als er die Schachteln in vier großen Rollschränken fand. Viele Bildplatten hatten das Hin und Her nicht heil überstanden. In manchen Schachteln lagen nur noch Bruchstücke. Außerdem hatten den Platten inzwischen chemische Prozesse zugesetzt.

Schnell war Jäschke klar, daß die Sammlung dringend vor dem weiteren Verfall bewahrt werden müsse. Mit Hilfe eines tragbaren Computers durchforstete der Wirtschaftsgeograph die Fotodokumente, um sich einen Überblick zu verschaffen. "Zwei Prozent der Bestände sind schon unwiederbringlich zerstört", schätzt Jäschke. Die Stadt- und Universitätsbibliothek will jetzt retten, was zu retten ist. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten "Kolonialen Bildprojekt" sollen zunächst die 11 000 Glasplatten verfilmt werden. 89 000 DM stehen zur Verfügung. Schwierigkeiten bereitet nicht nur der schlechte Zustand der Glasplatten, sondern auch ihre Größenvielfalt.

Kontakte mit zwei Spezialfirmen hat die Bibliothek schon geknüpft. Im April sollen die ersten Platten verfilmt werden, sagt der stellvertretende Leiter der Bibliothek, Wilhelm Richard Schmidt. "Ich bin mir nicht sicher, ob das Geld für alle Platten reichen wird", räumt er allerdings ein. Doch Ende dieses Jahres soll das Projekt abgeschlossen sein. Wissenschaftler, die in der Bildsammlung herumstöbern wollen, müssen sich solange noch gedulden. Denn wegen des prekären Zustands vieler Bildplatten werde sie den Schlüssel zu der Sammlung vorerst nur sehr "restriktiv" herausgeben, sagt Irmgard Wolcke-Renk. Nach der Verfilmung will die Bibliothek versuchen, die Bilder wieder zu ordnen und zu katalogisieren. Geld für das dafür notwendige Personal sei allerdings nicht in Sicht, beklagt Wilhelm Richard Schmidt. "Bei dem eiligen Umzug 1943 ist vieles durcheinandergeworfen worden", erläutert Uwe Jäschke, der die Sammlung inzwischen "liebgewonnen" hat. Meistens wisse man gar nicht so recht, was in den Kartons stecke. Das Nummernsystem des Archivs habe er noch nicht vollständig entschlüsselt. Die Angaben auf den Schachteln, wenn vorhanden, helfen oft nicht weiter.
Zur Bestätigung nimmt er ein bräunliches Kästchen aus dem Regal. "Allg." steht auf dem Deckel, mit dem Bleistift verzeichnet und kaum noch lesbar. Ob der Inhalt des Pappkartons beispielhaft ist für die noch unerschlossene Sammlung? Der Titel einer der in Zeitungspapier eingewickelten Bildplatten lautet: "Graf Götzen mit einem erlegten Nashorn."

FAZ, 27.03.1994, HOLGER HANK