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Abjed (islamischer Buchstabenzauber), Suahelibezeichnung für das
arabische
Abdjad, Abudjad, d.h. das arabische Alphabet, nicht aber in seiner jetzt
meist üblichen Ordnung, sondern in der Reihenfolge der Zahlenwerte der
Buchstaben. Diese Form ist die ältere und entspricht der des hebräischen
und aramäischen Alphabetes. Diese Reihenfolge und diese Zahlenwerte
spielen
eine große Rolle im islamischen Zauberwesen, ja das A. ist heute
geradezu
die Hauptform des islamischen Zaubers in Afrika. Da nun der Islam (s.d.)
diesem seinem höheren Zauber seine Hauptstoßkraft und seine Erfolge in
Afrika verdankt, muß das Schema hier kurz entwickelt werden. - Die
wichtigsten
Elemente des islamischen Zauberwesens sind antik (jüdisch-hellenistisch)
und nur mühsam dem islamischen Denken angepaßt, dann allerdings in
dessen
speziellen Formen selbständig weiter entwickelt. Zwar verbietet der
Islam
die Magie, die Zauberei (sihr), aber durch die Fiktion, daß alle
Zauberriten
im Namen Allahs vollzogen werden und daß ihm ja auch die im islamischen
System anerkannten niederen Geister (Djinnen) unterstehen, findet das
ganze heidnische Zauberwesen als etwas religiös Indifferentes doch
Aufnahme
im Islam. Die Riten sind in der ganzen islamischen Welt einheitlich; man
zaubert mit den gleichen Elementen in Indien wie am Tsadsee, die
spezielle
Form der Riten und Amulette ist gelegentlich verschieden, aber das ist
lokale Praxis; das Prinzip ist gleich. Wohl kommen Anpassungen des
Islams
an altheidnischen Zauber vor, im wesentlichen aber ist der islamische
Zauber gelehrter, an Bücher, zum mindesten an die Schrift geknüpfter Import, der für wirksamer oder
vornehmer gilt als die Praktiken des einheimischen Stammeszauberers.
Schon
vom Islam übernommen ist das Prinzip des Buchstabenzaubers, der Amulette
himala (davon Amulett), hedjab, tilsam (daher Talisman), hirz (davon
suah.
Herithi), der Beschwörung, da'wa, ein Wort, das
häufig
mit dem arab. Dawa Medizin zusammenfließt,
wie ja überhaupt die Volksmedizin meist nichts anderes als Zauberriten
enthält. Eine wichtige vorislamische Grundlage dieser Übungen ist die
antike Astrologie. Auch der Islam kennt 7 Planeten und teilt sie genau wie der
Hellenismus und unser Mittelalter in männliche und -weibliche ein - nur
Merkur ist zweigeschlechtig -, auch er hat die Verbindung der Planeten
mit den 12 Tierkreisbildern übernommen. Jeder Planet hat 2 "Häuser",
Sonne
und Mond dagegen nur je eins. Sonne und Löwe im persischen Wappen sind
z. B. eine solche und zwar glückverheißende Konstellation. Nun besteht
diese Astrologie heutzutage nur noch in barbarisierter Form, d.h. es
wird
nicht mehr der wirkliche Stand zu gegebener Stunde beobachtet, aber die
Astrologie ist doch insofern die Basis des ganzen Systems, als eine
schematische
Verbindung astrologischer Daten mit den Buchstaben und Zahlen
eingetreten
ist und z. B. deren Konjunktion dann ebenso bewertet wird wie früher die
astrologische Konstellation am Himmel. Natürlich gibt es hier vielerlei
Kombinationen und zahlreiche gedruckte Bücher; denn ohne Buch, Kitab,
ist diese Wissenschaft nicht auszuüben. Daß rudimentäre Formen dieser
Praxis selbst unter den wenig gebildeten Mohammedanern unserer Kolonien
noch lebendig sind, beweisen z. B. die Texte in Veltens "Sitten und
Gebräuche
der Suaheli" und fast jede Handschrift aus Togo und Kamerun. Im
Islam ist nun besonders die Zahlen- und Buchstabenspekulation in Blüte
gekommen. Jedem Buchstaben des A. entspricht nicht nur eine Zahl,
sondern
auch ein Planet, ein Sternbild, ein Dämon, ein Engel, einer der 99
"schönsten"
Namen Allahs, ein Element, ein Parfüm usw. Wollen zwei Leute heiraten,
so werden ihre Namen daraufhin geprüft, ob sie in diesem zauberisch-
astrologischen
Sinn zusammenstimmen. Wenn nicht, muß ev. die Frau den Namen ändern,
oder
die Ehe unterbleibt. In ähnlicher Weise wird auch gewahrsagt. Es gibt
einfache, und komplizierte Systeme von "Häusern" mit bestimmten
Bedeutungen,
Reichtum, Reise, Kinderreichtum usw. und indem man unter Verwertung des
Zahlenwertes des Namens des Fragestellers auszählt, kann man so ziemlich
auf alle bei solchen Gelegenheiten gestellten Fragen eine Antwort
erhalten.
Derartige Zaubertafeln nennt man arab. Djadwal,
wie übrigens auch alle Zauberquadrate genannt werden. Eine besonders
beliebte
Methode ist das Schlagen des Sandes (Darb al-raml), ein Überrest der
antiken
Geomantik; man hat das alte System der 16 "Häuser" auf bestimmte Striche
und Punktgruppen übertragen usw. und kann nun damit eine Variation des
astrologischen Fragesystems durchführen. Diese Praxis ist im ganzen
islamischen
Afrika noch heutigentags lebendig. - Die häufigsten Anwendungen des
A.zaubers
erscheinen völlig von der antiken Basis gelöst. Es ist der Zauber mit
den 99 übrigens verschieden überlieferten Namen Gottes, mit Koranversen
und anderen als wirkungsvoll geltenden religiösen Texten des Islams. Die
Namen Allahs haben nämlich auch wieder einen Zahlenwert, wenn man ihre
Buchstaben addiert. Andere Namen mit gleichem Zahlenwert stehen in
innerem
Konnex mit ihnen. Auch die Zahl ihrer Buchstaben ist von Bedeutung. Die
4 Buchstaben resp. Konsonanten des Wortes Allah,
die gleiche Anzahl bei Mohammed, die
vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen usw.- all das gestattet
zauberische
Kombinationen. Sehr wirkungsvoll besonders als Amulette sind natürlich Koranverse, deren
Zahlenwert
dann wieder ermittelt wird. Bei Da'wa's, d.h. Beschwörungen, kann man
aus dem Zahlenwert einer Formel errechnen, wie oft man sie rezitieren
muß, bei Amuletten schreibt man oft nur die Zahl resp. die Zahlen
bestimmter
Formeln oder Namen, deren Kombination für die bestimmten Zwecke als
günstig
gilt. Will man des Segens körperlich teilhaftig werden, so schreibt man
mit einem unschädlichen Farbstoff die betreffenden Zahlen oder Formeln
in eine Schale, gießt Wasser dazu und trinkt dann mit dem Wasser die
aufgelösten
Schriftzeichen (Wasserzauber). Die
Variation ist hier unbegrenzt. - Man begreift, daß dies System auf alle
Zaubergebräuche ausgedehnt werden kann. Bei Schadenzauber bringt man den
Namen oder irgendein Stück der betreffenden Person in einen solchen
Zusammenhang,
desgleichen bei Liebeszauber. Eine besondere Rolle spielen Aphrodisiaka
und die Volksmedizin. Als Zauberer fungiert gern ein Landesfremder, die
Riten
sind immer sehr kompliziert, und ihre Wirksamkeit hängt von ihrer
peinlichen
Erfüllung ab. Dabei werden gewisse Tiere oder Tierteile, gewisse Steine
und Parfüms, bestimmte Orte und Zeiten, ein bestimmter Grad ritueller
Reinheit, eigentümliche Kleidung oder Nacktheit genau vorgeschrieben,
und dunkle Worte, Sprüche und Zeichen verwandt. Das Unverständliche,
Dunkle,
Geheimnisvolle ist unerläßlich. Dem primitiven Menschen ist schon alles,
was mit Schreiben zusammenhängt, eine Art von Zauberei,
weshalb gerade in Afrika Buch- und Schriftzauber so verbreitet sind. Vom
Koran sind einzelne Suren (Kapitel) besonders
beliebt,
so die 1. Sure (Fatiha), die überhaupt die Stelle unseres
Vaterunsers
vertritt, die 35. (Ya sin - mystische Anfangsbuchstaben, daher auch
beliebter
Personennamen -), aber auch
einzelne
Verse, so der Thronvers (II, 256). In
ähnlicher Weise werden bestimmte Verse der Burda, des verbreitetsten
Lobgedichtes
auf Mohammed, benutzt. Auch die Namen der Badrkämpfer (Ahl Badrin), der berühmtesten Genossen
Mohammeds,
sind ein in unseren Kolonien weitverbreitetes Amulett, das in Buchform,
namentlich bei Reisen oft in die Kleider genäht wird. Auch die
Mujarrabadi-al-Deribi,
d. h. die Mudjarra-bad, d.h. erprobten Rezepte des Deirabi seien hier
genannt (in Ostafrika sehr
gebräuchlich).
Islamische Zauberliteratur wird in Kairo und Bombay lithographiert,
nicht
gedruckt, um den Anschein der wirksameren Handschrift zu erzeugen, und
massenhaft nach Afrika exportiert. Die Büchlein beginnen häufig mit
einer
Erzählung, die die Wirksamkeit ihres Ritus besonders empfiehlt. Bestimmte Da'wa's haben
eigene Namen, wie Djaldjalutijje oder Dimjatijje usw. In unseren
Kolonien
wird der in ihnen vorgeschriebene oft ganz unverständlich wiedergegebene
Ritus wohl nie ausgeübt, aber der Besitz solcher Bücher dokumentiert die
Glaubwürdigkeit der betrügerischen Machenschaften ihrer Besitzer. Die
islamische Zauberei ist das Hauptausbeutungsinstrument der
Wanderprediger.
Mit Amulettschreiben kommt man ohne einen Pfennig in der Tasche vom Tsadsee
bis nach Kairo. Die Praktiken sind meist unschädlich, jedenfalls
harmloser
als die der heidnischen Medizinmänner,
da die Wirksamkeit eben hauptsächlich im A. liegt.
Literatur: Hauptwerk: E. Doutté, Magie et Religion dans l'Afrique du Nord.
Alger 1909 (gültig für das ganze islamische Afrika). Herklots, Qanoon-e-Islam.
Madras 1863. 201 ff. - Velten, Sitten und
Gebräuche der Suaheli. Göttingen 1903. - Becker, Der Islam II, 31 ff. - Hughes,
Dictionary of Islam. London 1895. Art. Da'wa. C. H. Becker.
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