Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 4 f.

Abjed (islamischer Buchstabenzauber), Suahelibezeichnung für das arabische Abdjad, Abudjad, d.h. das arabische Alphabet, nicht aber in seiner jetzt meist üblichen Ordnung, sondern in der Reihenfolge der Zahlenwerte der Buchstaben. Diese Form ist die ältere und entspricht der des hebräischen und aramäischen Alphabetes. Diese Reihenfolge und diese Zahlenwerte spielen eine große Rolle im islamischen Zauberwesen, ja das A. ist heute geradezu die Hauptform des islamischen Zaubers in Afrika. Da nun der Islam (s.d.) diesem seinem höheren Zauber seine Hauptstoßkraft und seine Erfolge in Afrika verdankt, muß das Schema hier kurz entwickelt werden. - Die wichtigsten Elemente des islamischen Zauberwesens sind antik (jüdisch-hellenistisch) und nur mühsam dem islamischen Denken angepaßt, dann allerdings in dessen speziellen Formen selbständig weiter entwickelt. Zwar verbietet der Islam die Magie, die Zauberei (sihr), aber durch die Fiktion, daß alle Zauberriten im Namen Allahs vollzogen werden und daß ihm ja auch die im islamischen System anerkannten niederen Geister (Djinnen) unterstehen, findet das ganze heidnische Zauberwesen als etwas religiös Indifferentes doch Aufnahme im Islam. Die Riten sind in der ganzen islamischen Welt einheitlich; man zaubert mit den gleichen Elementen in Indien wie am Tsadsee, die spezielle Form der Riten und Amulette ist gelegentlich verschieden, aber das ist lokale Praxis; das Prinzip ist gleich. Wohl kommen Anpassungen des Islams an altheidnischen Zauber vor, im wesentlichen aber ist der islamische Zauber gelehrter, an Bücher, zum mindesten an die Schrift geknüpfter Import, der für wirksamer oder vornehmer gilt als die Praktiken des einheimischen Stammeszauberers. Schon vom Islam übernommen ist das Prinzip des Buchstabenzaubers, der Amulette himala (davon Amulett), hedjab, tilsam (daher Talisman), hirz (davon suah. Herithi), der Beschwörung, da'wa, ein Wort, das häufig mit dem arab. Dawa Medizin zusammenfließt, wie ja überhaupt die Volksmedizin meist nichts anderes als Zauberriten enthält. Eine wichtige vorislamische Grundlage dieser Übungen ist die antike Astrologie. Auch der Islam kennt 7 Planeten und teilt sie genau wie der Hellenismus und unser Mittelalter in männliche und -weibliche ein - nur Merkur ist zweigeschlechtig -, auch er hat die Verbindung der Planeten mit den 12 Tierkreisbildern übernommen. Jeder Planet hat 2 "Häuser", Sonne und Mond dagegen nur je eins. Sonne und Löwe im persischen Wappen sind z. B. eine solche und zwar glückverheißende Konstellation. Nun besteht diese Astrologie heutzutage nur noch in barbarisierter Form, d.h. es wird nicht mehr der wirkliche Stand zu gegebener Stunde beobachtet, aber die Astrologie ist doch insofern die Basis des ganzen Systems, als eine schematische Verbindung astrologischer Daten mit den Buchstaben und Zahlen eingetreten ist und z. B. deren Konjunktion dann ebenso bewertet wird wie früher die astrologische Konstellation am Himmel. Natürlich gibt es hier vielerlei Kombinationen und zahlreiche gedruckte Bücher; denn ohne Buch, Kitab, ist diese Wissenschaft nicht auszuüben. Daß rudimentäre Formen dieser Praxis selbst unter den wenig gebildeten Mohammedanern unserer Kolonien noch lebendig sind, beweisen z. B. die Texte in Veltens "Sitten und Gebräuche der Suaheli" und fast jede Handschrift aus Togo und Kamerun. Im Islam ist nun besonders die Zahlen- und Buchstabenspekulation in Blüte gekommen. Jedem Buchstaben des A. entspricht nicht nur eine Zahl, sondern auch ein Planet, ein Sternbild, ein Dämon, ein Engel, einer der 99 "schönsten" Namen Allahs, ein Element, ein Parfüm usw. Wollen zwei Leute heiraten, so werden ihre Namen daraufhin geprüft, ob sie in diesem zauberisch- astrologischen Sinn zusammenstimmen. Wenn nicht, muß ev. die Frau den Namen ändern, oder die Ehe unterbleibt. In ähnlicher Weise wird auch gewahrsagt. Es gibt einfache, und komplizierte Systeme von "Häusern" mit bestimmten Bedeutungen, Reichtum, Reise, Kinderreichtum usw. und indem man unter Verwertung des Zahlenwertes des Namens des Fragestellers auszählt, kann man so ziemlich auf alle bei solchen Gelegenheiten gestellten Fragen eine Antwort erhalten. Derartige Zaubertafeln nennt man arab. Djadwal, wie übrigens auch alle Zauberquadrate genannt werden. Eine besonders beliebte Methode ist das Schlagen des Sandes (Darb al-raml), ein Überrest der antiken Geomantik; man hat das alte System der 16 "Häuser" auf bestimmte Striche und Punktgruppen übertragen usw. und kann nun damit eine Variation des astrologischen Fragesystems durchführen. Diese Praxis ist im ganzen islamischen Afrika noch heutigentags lebendig. - Die häufigsten Anwendungen des A.zaubers erscheinen völlig von der antiken Basis gelöst. Es ist der Zauber mit den 99 übrigens verschieden überlieferten Namen Gottes, mit Koranversen und anderen als wirkungsvoll geltenden religiösen Texten des Islams. Die Namen Allahs haben nämlich auch wieder einen Zahlenwert, wenn man ihre Buchstaben addiert. Andere Namen mit gleichem Zahlenwert stehen in innerem Konnex mit ihnen. Auch die Zahl ihrer Buchstaben ist von Bedeutung. Die 4 Buchstaben resp. Konsonanten des Wortes Allah, die gleiche Anzahl bei Mohammed, die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen usw.- all das gestattet zauberische Kombinationen. Sehr wirkungsvoll besonders als Amulette sind natürlich Koranverse, deren Zahlenwert dann wieder ermittelt wird. Bei Da'wa's, d.h. Beschwörungen, kann man aus dem Zahlenwert einer Formel errechnen, wie oft man sie rezitieren muß, bei Amuletten schreibt man oft nur die Zahl resp. die Zahlen bestimmter Formeln oder Namen, deren Kombination für die bestimmten Zwecke als günstig gilt. Will man des Segens körperlich teilhaftig werden, so schreibt man mit einem unschädlichen Farbstoff die betreffenden Zahlen oder Formeln in eine Schale, gießt Wasser dazu und trinkt dann mit dem Wasser die aufgelösten Schriftzeichen (Wasserzauber). Die Variation ist hier unbegrenzt. - Man begreift, daß dies System auf alle Zaubergebräuche ausgedehnt werden kann. Bei Schadenzauber bringt man den Namen oder irgendein Stück der betreffenden Person in einen solchen Zusammenhang, desgleichen bei Liebeszauber. Eine besondere Rolle spielen Aphrodisiaka und die Volksmedizin. Als Zauberer fungiert gern ein Landesfremder, die Riten sind immer sehr kompliziert, und ihre Wirksamkeit hängt von ihrer peinlichen Erfüllung ab. Dabei werden gewisse Tiere oder Tierteile, gewisse Steine und Parfüms, bestimmte Orte und Zeiten, ein bestimmter Grad ritueller Reinheit, eigentümliche Kleidung oder Nacktheit genau vorgeschrieben, und dunkle Worte, Sprüche und Zeichen verwandt. Das Unverständliche, Dunkle, Geheimnisvolle ist unerläßlich. Dem primitiven Menschen ist schon alles, was mit Schreiben zusammenhängt, eine Art von Zauberei, weshalb gerade in Afrika Buch- und Schriftzauber so verbreitet sind. Vom Koran sind einzelne Suren (Kapitel) besonders beliebt, so die 1. Sure (Fatiha), die überhaupt die Stelle unseres Vaterunsers vertritt, die 35. (Ya sin - mystische Anfangsbuchstaben, daher auch beliebter Personennamen -), aber auch einzelne Verse, so der Thronvers (II, 256). In ähnlicher Weise werden bestimmte Verse der Burda, des verbreitetsten Lobgedichtes auf Mohammed, benutzt. Auch die Namen der Badrkämpfer (Ahl Badrin), der berühmtesten Genossen Mohammeds, sind ein in unseren Kolonien weitverbreitetes Amulett, das in Buchform, namentlich bei Reisen oft in die Kleider genäht wird. Auch die Mujarrabadi-al-Deribi, d. h. die Mudjarra-bad, d.h. erprobten Rezepte des Deirabi seien hier genannt (in Ostafrika sehr gebräuchlich). Islamische Zauberliteratur wird in Kairo und Bombay lithographiert, nicht gedruckt, um den Anschein der wirksameren Handschrift zu erzeugen, und massenhaft nach Afrika exportiert. Die Büchlein beginnen häufig mit einer Erzählung, die die Wirksamkeit ihres Ritus besonders empfiehlt. Bestimmte Da'wa's haben eigene Namen, wie Djaldjalutijje oder Dimjatijje usw. In unseren Kolonien wird der in ihnen vorgeschriebene oft ganz unverständlich wiedergegebene Ritus wohl nie ausgeübt, aber der Besitz solcher Bücher dokumentiert die Glaubwürdigkeit der betrügerischen Machenschaften ihrer Besitzer. Die islamische Zauberei ist das Hauptausbeutungsinstrument der Wanderprediger. Mit Amulettschreiben kommt man ohne einen Pfennig in der Tasche vom Tsadsee bis nach Kairo. Die Praktiken sind meist unschädlich, jedenfalls harmloser als die der heidnischen Medizinmänner, da die Wirksamkeit eben hauptsächlich im A. liegt.

Literatur: Hauptwerk: E. Doutté, Magie et Religion dans l'Afrique du Nord. Alger 1909 (gültig für das ganze islamische Afrika). Herklots, Qanoon-e-Islam. Madras 1863. 201 ff. - Velten, Sitten und Gebräuche der Suaheli. Göttingen 1903. - Becker, Der Islam II, 31 ff. - Hughes, Dictionary of Islam. London 1895. Art. Da'wa. C. H. Becker.