Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 6 f

Abtreibung der Leibesfrucht ist allen Naturvölkern bekannt und gilt mit sehr seltenen Ausnahmen (Südbantu) nicht als rechtswidrig. Die Motive für die A. fallen zum Teil mit denen für die Kindesmorde (s.d.) zusammen. Weitere ergeben sich aus persönlichen Wünschen der Frauen oder den Sitten und Anschauungen des Volkes. Die Scheu vor der Mühe des Säugens, die Befürchtung durch eine neue Schwangerschaft die Milch für das vorher geborene und während mehrerer Jahre zu säugende Kind zu verlieren (Afrika), kann zur A. führen; ebenso Eitelkeit, Eifersucht, der Wunsch, das Verbot des Geschlechtsverkehrs während einer Schwangerschaft zu umgehn, auch der Groll gegen den Gatten, der durch die Zerstörung seiner Hoffnung bestraft werden soll. Wo die Keuschheit der Mädchen vor der Ehe oder doch vor dem Reifefeste (Ovambo) verlangt wird, ist Furcht vor Schande ein Motiv; anderwärts sollen die Folgen vor- oder außerehelichen Verkehrs mit Fremden, zumal Weißen, zerstört werden, etwa weil man die Mischlinge, nicht wünscht oder die Erfahrung gemacht zu haben glaubt, daß die Entbindung der Farbigen von einem weißen Mischling die Gesundheit der Mutter besonders gefährdet (z.B. wenn das normale Becken der kleinwüchsigen Mutter zu klein ist für den Durchtritt des Kindes). Auf hygienische Vorstellungen geht die A. einer im Verkehr mit einem kranken, greisen oder schwächlichen Manne empfangenen Leibesfrucht zurück (Massai). - Ausgeführt wird die A. von alten Weibern oder mit deren Beihilfe. Man verwendet meist innerliche Mittel (Trinken gekochten Seewassers, Essen großer Mengen von rotem Pfeffer, geheim gehaltene Spezifika), die gelegentlich mit Zauberhandlungen verbunden werden; auch äußere Mittel wie gewaltsame Bewegungen, Massage und Kneten des Bauches oder die Reizung und Erweiterung der Genitalien sind bekannt.

Literatur: W. Schneider, Die Naturvölker. 1885. - H. Ploß u. M. Bartels, Das Weib. 1908.

Thilenius.