Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 8 f.

Ackerbau, die bewußt betriebene Ausnutzung der oberflächlichen Schichten des Erdbodens, d. i. des Ackerbodens, durch den Anbau von Kulturgewächsen zwecks Erzeugung von Rohstoffen für die Ernährung und Bekleidung des Menschen sowie für zahlreiche Gewerbe und Industrien. Die Aufnahme des A. bildet einen Schritt von ungeheurer Tragweite in der kulturellen Entwicklung des Menschengeschlechts: den Übergang von den niederen Stufen des Sammlers und Jägers zur regelmäßigen, systematischen, zielbewußten Arbeit, vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit. a) Ackerbau der Eingeborenen. Die Art des A.s, die Formen der Bodennutzung bei den Eingeborenen der Kolonien sind abhängig von der Kulturstufe der einzelnen Stämme, von der geographischen Lage ihrer Wohnsitze und den älteren oder neueren Einflüssen von außen. Sie sind ferner abhängig von Klima und Bodenbeschaffenheit, von den Bedürfnissen der betreffenden Stämme und von deren spezifischer Veranlagung. Demgemäß finden sich alle Übergänge von den primitivsten Formen (z.B. bei den Pygmäen [s.d.] des zentralafrikanischen Waldgebiets und den Bewohnern des Innern von Kaiser-Wilhelmsland) bis zu einer hoch vervollkommneten Technik. Letztere findet sich namentlich bei afrikanischen Gebirgsvölkern, die durch natürliche Einengung und Beschränktheit an nutzungsfähigem Ackerboden zu intensivstem Anbau gezwungen sind (so z.B. die Wamatengo [s.d.] und verschiedene andere Bergbewohner in Ostafrika, die Kabure [s.d.] in Nordtogo, einzelne Stämme in Nordkamerun usw.). Von den Bergvölkern wird der A. bisweilen auch mit Bewässerung betrieben (z.B. bei den Wadschagga [s.d.] am Kilimandscharo). - Der gesamte A. der Eingeborenen besteht heute noch im Hackfe1dbau, d.h. die Bodenbearbeitung erfolgt ausschließlich durch Handarbeit mit der Hacke. Pflugkultur ist - abgesehen von landwirtschaftlichen Versuchsstationen und Schulen - noch nirgends in Gebrauch. - Das im tropischen Afrika vorherrschende System des A.s läßt sich am besten als "wilde Feldgraswirtschaft" bezeichnen, wobei allerdings zahlreiche, den örtlichen Bedingungen, den Neigungen der Eingeborenen und ihrer landwirtschaftlichen Begabung und auch der Bevölkerungsdichte angepaßte Formen dieser Wirtschaftsmethode unterschieden werden müssen. Im allgemeinen wird in der Weise verfahren, daß ein Ackerstück von der Größe, wie es zum jährlichen Unterhalt einer Familie erforderlich ist, so lange mit Feldfrüchten bebaut wird, als einigermaßen lohnende Erträge daraus erzielt werden. Alsdann wird es der natürlichen Wiederbewachsung überlassen, um nach einer Reihe von Jahren wieder in Bebauung genommen zu werden. Von einer regelmäßigen Düngung in unserm Sinne ist nur in den seltensten Fällen die Rede (s. Düngung). - Innerhalb der Bebauungsperiode hat man zwischen typischer Einfelderwirtschaft und geregeltem Fruchtwechsel zu unterscheiden. Gehäufter eingliederiger Anbau, z. B. von Sorghumhirse oder Mais (3-5 Jahre oder auch länger) ist nicht selten; darauf Brache, d.h. natürliche Wiederbewachsung ("Steppenbrache"). Wenn das Land wieder in Bebauung genommen werden soll, wird die neu gebildete Vegetation verascht ("Brandkultur") (s. Grasbrände). In den meisten Gebieten ist den Eingeborenen die wohltätige Wirkung eines regelmäßigen Fruchtwechsels bekannt; Einschaltung von Leguminosen erfolgt dabei häufig. - Einzelne Systeme verraten ein hohes Maß von Erfahrung, Naturbeobachtung und landwirtschaftlicher Begabung. In vielen Gebieten ist jedoch Erziehung zum rationellen A. erforderlich, um erhöhte Erträge zu erzielen und neue Exportkulturen einzuführen (z.B. den Baumwollbau). Die Verbesserung der Methodik des A.s und die Unterweisung der Eingeborenen liegt den Ackerbauschulen (s.d.), dem landwirtschaftlichen Versuchswesen (s.d.) und den Bezirkslandwirten (s.d.) ob. S.a. Wirtschaft der Eingeborenen. b) Ackerbau der Europäer. Soweit nicht Klima, Boden und die Eigenart gewisser Kulturen (z.B. Baumwolle, Sisalhanf u.a.m.) besondere Methoden verlangen, lehnt sich der Ackerbau in europäischen Betrieben eng an den der Heimat an. Das gilt insbesondere für Südwestafrika. Im übrigen s. Landwirtschaft.

Literatur: Ed. Hahn: Das Alter d. wirtschaftl. Kultur d. Menschheit, Heidelbg. 1905. - Ders., Künstl. Bewässerung im Ackerbau, ZGErdk. zu Berlin, Berlin 1906 S. 640 ff, 673 ff. - Zahlreiche Aufsätze in Mitt. a. d. d. Schutzgeb., KolBl., Tropenpfl. und "Pflanzer", sowie in d. Landwirtschaftl. Beil. zum Amtsblatt f. DSWA. (seit 1911). - Lambrecht, Landwirtsch. d. Eingeb. im Kilossabezirk, Berichte über Land- und Forstwirtsch. Bd. I, 1903. - Golf, Ackerbau in Deutsch-Südwestafrika, Kol. Abhandl. Heft 47/50, Berlin 1911. - Hanisch, Schmidt und v. Wallenberg-Pachaly,Ostafrikanische Landwirtschaft, Arb. d. Deutschen Landwirtsch. Gesellsch. Heft 230, Berl. 1912. - Gaisser, Die Produktion d. Eingeborenen des Bezirks Sokode-Bassari, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. Bd. 25, Heft, 4, 1913. - Für Kiautschou: Tropenpflanzer 1910. - G. Wegener in: H. Meyer, Das deutsche Kolonialreich, Bd. II (1910) S. 526 -(daselbst weitere Literaturnachweise).

Busse.