|
Ackerbau, die bewußt betriebene Ausnutzung der oberflächlichen
Schichten
des Erdbodens, d. i. des Ackerbodens, durch den Anbau von
Kulturgewächsen
zwecks Erzeugung von Rohstoffen für die Ernährung
und Bekleidung des Menschen sowie für zahlreiche Gewerbe und Industrien.
Die Aufnahme des A. bildet einen Schritt von ungeheurer Tragweite in der
kulturellen Entwicklung des Menschengeschlechts: den Übergang von den
niederen Stufen des Sammlers und Jägers zur regelmäßigen,
systematischen,
zielbewußten Arbeit, vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit. a) Ackerbau der
Eingeborenen. Die Art des A.s, die Formen der Bodennutzung bei den
Eingeborenen
der Kolonien sind abhängig von der
Kulturstufe
der einzelnen Stämme, von der
geographischen
Lage ihrer Wohnsitze und den älteren oder neueren Einflüssen von außen.
Sie sind ferner abhängig von Klima und Bodenbeschaffenheit, von den
Bedürfnissen
der betreffenden Stämme und von deren spezifischer Veranlagung. Demgemäß
finden sich alle Übergänge von den primitivsten Formen (z.B. bei den Pygmäen
[s.d.] des zentralafrikanischen Waldgebiets und den Bewohnern des Innern
von Kaiser-Wilhelmsland) bis
zu einer hoch vervollkommneten
Technik. Letztere findet sich namentlich bei afrikanischen
Gebirgsvölkern,
die durch natürliche Einengung und Beschränktheit an nutzungsfähigem
Ackerboden
zu intensivstem Anbau gezwungen sind (so z.B. die Wamatengo [s.d.] und verschiedene andere
Bergbewohner
in Ostafrika, die Kabure [s.d.] in Nordtogo, einzelne Stämme in
Nordkamerun
usw.). Von den Bergvölkern wird der A. bisweilen auch mit Bewässerung
betrieben (z.B. bei den Wadschagga [s.d.] am Kilimandscharo). - Der gesamte A. der
Eingeborenen
besteht heute noch im Hackfe1dbau, d.h. die Bodenbearbeitung erfolgt ausschließlich
durch Handarbeit mit der Hacke. Pflugkultur ist - abgesehen von
landwirtschaftlichen
Versuchsstationen und Schulen
- noch nirgends in Gebrauch. - Das im tropischen Afrika vorherrschende
System des A.s läßt sich am besten als "wilde Feldgraswirtschaft"
bezeichnen,
wobei allerdings zahlreiche, den örtlichen Bedingungen, den Neigungen
der Eingeborenen und ihrer landwirtschaftlichen Begabung und auch der
Bevölkerungsdichte angepaßte Formen dieser Wirtschaftsmethode
unterschieden
werden müssen. Im allgemeinen wird in der Weise verfahren, daß ein
Ackerstück
von der Größe, wie es zum jährlichen Unterhalt einer Familie
erforderlich
ist, so lange mit Feldfrüchten bebaut wird, als einigermaßen lohnende
Erträge daraus erzielt werden. Alsdann wird es der natürlichen
Wiederbewachsung
überlassen, um nach einer Reihe von Jahren wieder in Bebauung genommen
zu werden. Von einer regelmäßigen Düngung in unserm Sinne ist nur in den
seltensten Fällen die Rede (s.
Düngung).
- Innerhalb der Bebauungsperiode hat man zwischen typischer Einfelderwirtschaft
und geregeltem Fruchtwechsel zu
unterscheiden. Gehäufter eingliederiger Anbau, z. B. von Sorghumhirse oder Mais (3-5 Jahre oder auch länger) ist nicht selten;
darauf Brache, d.h. natürliche
Wiederbewachsung
("Steppenbrache"). Wenn das Land wieder in Bebauung genommen werden
soll,
wird die neu gebildete Vegetation
verascht
("Brandkultur") (s. Grasbrände).
In den meisten Gebieten ist den Eingeborenen die wohltätige Wirkung
eines
regelmäßigen Fruchtwechsels bekannt; Einschaltung von Leguminosen
erfolgt
dabei häufig. - Einzelne Systeme verraten ein hohes Maß von Erfahrung,
Naturbeobachtung und landwirtschaftlicher Begabung. In vielen Gebieten
ist jedoch Erziehung zum rationellen A. erforderlich, um erhöhte Erträge
zu erzielen und neue Exportkulturen einzuführen (z.B. den Baumwollbau). Die Verbesserung der Methodik des
A.s und die Unterweisung der Eingeborenen liegt den Ackerbauschulen (s.d.), dem
landwirtschaftlichen
Versuchswesen (s.d.) und den Bezirkslandwirten (s.d.) ob. S.a. Wirtschaft
der Eingeborenen. b) Ackerbau der Europäer. Soweit nicht Klima,
Boden und die Eigenart gewisser Kulturen (z.B. Baumwolle, Sisalhanf u.a.m.) besondere Methoden verlangen,
lehnt sich der Ackerbau in europäischen Betrieben eng an den der Heimat
an. Das gilt insbesondere für Südwestafrika.
Im übrigen s. Landwirtschaft.
Literatur: Ed. Hahn: Das Alter d.
wirtschaftl.
Kultur d. Menschheit, Heidelbg. 1905. - Ders., Künstl. Bewässerung im
Ackerbau, ZGErdk. zu Berlin, Berlin 1906 S. 640 ff, 673 ff. - Zahlreiche
Aufsätze in Mitt. a. d. d. Schutzgeb., KolBl., Tropenpfl. und
"Pflanzer",
sowie in d. Landwirtschaftl. Beil. zum Amtsblatt f. DSWA. (seit 1911).
- Lambrecht, Landwirtsch. d. Eingeb. im Kilossabezirk, Berichte über
Land-
und Forstwirtsch. Bd. I, 1903. - Golf, Ackerbau in Deutsch-Südwestafrika,
Kol. Abhandl. Heft 47/50, Berlin
1911. - Hanisch, Schmidt und v. Wallenberg-Pachaly,Ostafrikanische
Landwirtschaft,
Arb. d. Deutschen Landwirtsch. Gesellsch. Heft 230, Berl. 1912. -
Gaisser,
Die Produktion d.
Eingeborenen des
Bezirks Sokode-Bassari, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. Bd. 25, Heft, 4, 1913.
- Für Kiautschou: Tropenpflanzer
1910. - G. Wegener in: H. Meyer, Das deutsche Kolonialreich,
Bd. II (1910) S. 526 -(daselbst weitere Literaturnachweise).
Busse. |