Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 10 f.

Adel ist ein Stand, der durch Ehren- und andere Rechte vor den übrigen Volksgenossen ausgezeichnet ist und eine besondere Klasse bildet. Die Übertragung dieses dem europäischen Kulturkreise angehörenden Begriffs auf die Gesellschaft der Naturvölker ist vielfach möglich, da die Entwicklung des europäischen A. in Zuständen der primitiveren Gesellschaften ihre Parallelen findet. Die Entstehung des A. setzt eine gewisse Volkszahl voraus und verlangt ferner, daß die ursprüngliche Gleichheit der mutterrechtlichen Sippen (s.d.) aufhört, was meist mit dem Übergang zum Vaterrecht zusammenfällt. Schon wenn einzelne Sippen sich durch feststehende Heiratsbeziehungen von den anderen abzusondern beginnen und auf Grund von verwandtschaftlichen Beziehungen zu der herrschenden Sippe ein traditionelles Anrecht auf die Häuptlingschaft beanspruchen, kann man von der Bildung eines A. sprechen, da hier die soziale Schichtung und eine gewisse Erblichkeit des Ranges hervortreten. Wie die Sippe, so können auch die Männerbünde (s.d.) durch erworbene Vorzüge oder durch Reichtum ihrer Mitglieder einen A. ergeben, wie überhaupt Vorzüge, zumal kriegerische und Reichtum, besonders da zur Bildung eines A. führen können, wo die vollentwickelte Macht des Häuptlings kräftige Anhänger braucht und emporhebt. Hier entsteht aus den im Namen des Häuptlings die einzelnen Landesteile verwaltenden Unterhäuptlingen ein Feudaladel, während an seinem Hofe aus verschiedenen Elementen, darunter selbst Sklaven, ein Beamten- und Hofadel erwächst. - Weit leichter als innerhalb einer bestimmten Gesellschaft entwickelt sich der A. als Ergebnis kriegerischer Eroberung. Die Sieger bilden die bevorzugte Schicht des neu entstehenden Volkes, und dieser A. hat dann wohl stets feudalistische Merkmale. Der zunächst persönliche A. wird sehr leicht erblich, und die Nachkommen suchen sich dann in dieser Stellung zu erhalten und schließen sich gegen das übrige Volk (die Unterworfenen) durch Ebenbürtigkeitsgesetze, Endogamie, Pflege der Tradition u. a. ab, ohne freilich auf die Dauer das Herabsinken der Angehörigen ihres Standes in die Unterschicht und das Heraufsteigen andrer Elemente aus dieser in die bevorzugte Oberschicht hindern zu können. Anderseits pflegt der A. auch besonders die genealogischen Überlieferungen und schafft damit, wenn auch vielleicht unbewußt, die Anfänge der Geschichte. - Die Anschauungen, die mit der Bildung des A. verbunden sind, werden auch gelegentlich auf das Fortleben nach dem Tode übertragen, die Seelen der Adligen leben z.B. in menschlicher Gestalt fort, die der Unterschicht in Tieren usw. - Äußerlich ist der A. durch eine große Zahl willkürlich gewählter Abzeichen kenntlich wie die Tatauierung (s.d.), die z. B. das Wappentier darstellt, Besonderheiten der Kleidung usw. Auch körperlich kann der Angehörige des A. kenntlich sein, so durch hellere oder andere Hautfarbe, höheren Wuchs, größere körperliche Gewandtheit als Ausdruck andrer Abstammung, kräftigerer Ernährung oder besserer Ausbildung; die mit der bevorzugten Stellung zusammenhängende Untätigkeit läßt freilich gelegentlich auch die Korpulenz (Polynesien) und krallenartige Fingernägel (z. B. Westafrika) zum anerkannten Abzeichen des A. werden.

Thilenius.