Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 21 f

Afrikanische Gesellschaft und Afrikafonds. Auf Anregung des Vorstandes der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, insbesondere ihres Vorsitzenden, des Prof. Dr. Bastian, Direktor des Museums für Völkerkunde, und Dr. G. Neumayers, des späteren Begründers der Seewarte in Hamburg, wurde mit Hilfe von Aufrufen an die Kaufmannschaft, die naturwissenschaftlichen und die geographischen Vereine Deutschlands im April 1873 die "Deuts che Gesellschaft zur Erforschung Äquatorialafrikas" oder kurz die "Afrikanische Gesellschaft" genannt, gegründet, deren Zweck die wissenschaftliche Erschließung der noch unbekannten Gebiete Zentralafrikas bilden und deren Sitz in Berlin sein sollte. Aus den Beiträgen ihrer Mitglieder, aus Zuwendungen deutscher Fürsten und der freien Hansastädte sowie aus den Beihilfen, die das Reich gewährte, hat die Gesellschaft die Loangoexpedition (1873/75) unter Güßfeldt, Falkenstein und Pechuel-Loesche nach den Gebieten nördlich der Kongomündung O. Lenz (s.d.) nach dem Ogowe- und Gabungebiet, den Ornithologen Reichenow (s.d.) nach Kamerun, Pogge nach Angola, v. Bary nach der Sahara entsandt. Vom 12.-14. Sept. 1876 fand auf Einladung Leopold II. von Belgien in Brüssel jene denkwürdige internationale Konferenz von Forschungsreisenden statt, die der König als Deckmantel für seine Kolonialpläne benutzte. Aus ihr ging die "lnternationale Afrikanische Association" hervor, welche angeblich bezweckte, die unzivilisierten Völker Afrikas auf eine höhere Stufe zu heben, die Ansiedelung, den Ackerbau und die Industrie zu fördern, die afrikanischen Verkehrsmittel zu verbessern, den Handel zu heben und die Lehren des Christentums an Stelle des Heidentums zu setzen. In der Folge bildeten sich auf Grund der in Brüssel gefaßten Beschlüsse in verschiedenen Ländern Nationalkomitees und Gesellschaften, welche sich an die Internationale Association mehr oder weniger eng anschlossen. So trat auch in Berlin am 18. Dez. 1876 die "Deutsche Afrikanische Gesellschaft" zu dem Zweck ins Leben, "auf die Erschließung Afrikas für Kultur, Handel und Verkehr sowie auf die friedliche Beseitigung des Sklavenhandels hinzuwirken". Da für zwei Gesellschaften, die ähnliche, ja bis zu einem gewissen Grad gleiche Ziele verfolgten und in deren Vorständen meist die gleichen Freunde der Afrikaforschung saßen, in Deutschland kein Raum war, erschien bald eine Verschmelzung der beiden genannten Vereine geboten. Am 29. April 1878 ging aus ihnen die "Afrikanische Gesellschaft in Deutschland" hervor, die bis zum Jahre 1889 zahlreiche Unternehmungen nach den verschiedensten Teilen Afrikas in die Wege leitete. Es geschah dies hauptsächlich mit Hilfe der vom Bundesrat und dem Reichstag "für die auf die Erschließung Inner- Afrikas gerichteten wissenschaftlichen Unternehmungen" bewilligten Mittel, des sog. "Afrikafonds", der allmählich eine Höhe von 200000 M pro Jahr erreichte, zeitweilig auf 150000 M herabgesetzt, aber seit 1913 wieder auf 200 000 M erhöht wurde. Seine Verwaltung war anfänglich dem Reichsamt des Innern unterstellt, wurde aber 1880 auf direktes Eingreifen des Reichskanzlers dem Ausw. Amt übertragen, weil Fürst Bismarck die von der A. G. bereits in die Wege geleitete Entsendung Dr. A. Steckers von Tripolis nach Bornu mißbilligte, da "in der Wüste es nichts zu erforschen gäbe". Die wesentlichsten von der Gesellschaft ausgesandten Expeditionen waren: Schütt nach Angola, Rohlfs (s.d.) nach der Oase Kufra, Buchner nach Angola, Lenz nach Marokko und Timbuktu, Böhm (s.d ), Kaiser (s.d.) und Reichard (s.d.) durch Ostafrika nach dem Tanganjikasee und Katanga, Rohlfs und Stecker nach Abessinien, Flegel (s.d.), Gürig, Semon, Hartert und Staudinger (s.d.) nach dem Niger (s.d.) und den Haussaländern, Pogge und Wissmann nach Angola und dem oberen Kongo, Schulze, Wolff (s.d.), Büttner (s.d.), Kund (s.d.) und Tappenbeck (s.d.) nach dem südlichen Kongobecken. Mit dem Eintritt des Reiches in eine aktive Kolonialpolitik und der Gründung des Kongostaates erfuhr der Betrieb der deutschen Afrikaforschung eine wesentliche Veränderung seiner Grundbedingungen. Fürst Bismarck hatte es übel vermerkt, daß von seiten der Gesellschaft noch eine große Expedition - die oben genannte Schulzesche - nach dem Kongostaat gerichtet worden war, als bereits die deutschen Kolonialerwerbungen an der Westküste Afrikas im Gange waren. Er entzog ihr daher die Zuschüsse aus dem Afrikafonds. Das Reich nahm die wissenschaftliche Erforschung und die praktische Erschließung der neuen Schutzgebiete in Afrika mit Hilfe des Afrikafonds selbst in die Hand (s.a. Landeskundliche Kommission des RKA.). Da für die Gesellschaft somit kein genügender Spielraum für eine eigene Tätigkeit übrig blieb und ihre Mitgliederbeiträge auch für solche Zwecke längst nicht allein ausreichten, erfolgte am 11. Dez. 1887 die Auflösung der Gesellschaft. War doch auch die bei ihrer Begründung ins Auge gefaßte Hauptaufgabe, die Aufhellung des unbekannten Äquatorial-Afrika, unter ihrer erfolgreichen Mitwirkung im wesentlichen gelöst. - Veröffentlichungen: Korrespondenzblatt der Afrikanischen Gesellschaft Bd. 1 Nr. 1-20; Bd. 2 Nr. 21- 33; 1873/76 u. 1877/78. Mitteilungen der Afrikanischen Gesellschaft, 5 Bde, 1878/89.

Danckelman.