Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 22

Afrikanische Sprachen. Nordafrikanische Sprachen, wie das Ägyptische, das Nubische, das Libysche, sind seit uralter Zeit Schrift- und Kultursprachen gewesen. Durch die Überflutung mit dem Arabischen sind sie aber zurückgedrängt und zum Teil ausgestorben. Erst durch die moderne Wissenschaft hat man wieder gelernt sich mit ihnen zu beschäftigen. So ist heute das Ägyptische wieder eine gut bekannte Sprache, zu dessen Verständnis seine allerdings auch ausgestorbene Tochtersprache, das Koptische, wesentlich beigetragen hat, und man hat begonnen, nubische und libysche Inschriften zu lesen. Der moderne Handelsverkehr, die Mission und die wissenschaftliche Forschung brachten es mit sich, daß man auch den noch lebenden afrikanischen Sprachen sein Interesse zuwandte. Wir nennen die flektierenden Sprachen, wie sie von meist hellfarbigen Völkern, besonders in Nordafrika gesprochen werden, Hamitensprachen (s. Hamitische Sprachen). Durch die Entdeckungsfahrten der Portugiesen, der Spanier, Holländer und Engländer und durch die Tätigkeit der Missionen wurde Europa allmählich mit den fernsten Küsten Afrikas bekannt, und es stellte sich heraus, daß außer der genannten noch andere Sprachgruppen vorhanden sind, die ganz anderen Bau zeigen. Wir unterscheiden heute außer den Hamitensprachen: 1. die Sudansprachen (s.d.), die von Oberguinea bis Abessinien und Nubien reichen, auch die Sprachen der Pygmäen scheinen hierzu zu gehören. 2. Die Bantusprachen (s.d.) in Zentral- und Südafrika. 3. Die Buschmannsprachen in Südafrika, die sich trotz mancher Eigentümlichkeiten an die Sudansprachen anschließen. 4. Allerlei Mischsprachen, wie sie sich aus dem Zusammenwohnen ergeben. In historischer Zeit sind wiederholt asiatische (semitische) Sprachen in Afrika eingedrungen, das Punische breitete sich durch karthagische Macht und karthagischen Handel aus, das Äthiopische gelangte aus Südarabien nach Abessinien und bildete eine Reihe von Tochtersprachen, das Arabische drang bis nach Marokko vor und tritt bis heute erobernd im Sudan und in Ostafrika auf. Im ganzen zählt B. Struck heute 514 Sprachen und 319 Dialekte in Afrika.

Literatur: R. N. Cust, A Sketch of Modern Languages of Africa. Lond. 1883. - R. N. Cust, Essay of the Progress of African Philology up to the Year 1893. Lond. 1893. - C. R. Lepsius, Nubische Grammatik. Berl. 1880. - C. Meinhof, Die moderne Sprachforschung in Afrika. Mit Sprachenkarte von B. Struck. Berl. 1910. - F. Müller, Grundriß der Sprachwissenschaft. Wien 1877. -

s. Bantussprachen, Eingeborenensprachen, Hamitische Sprachen, Hottentottensprachen, ferner Duala, Ewe, Herero, Nama, Oshindonga, Osikuanjama, Suaheli.

Meinhof.