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Akklimatisation. 1. A. der Menschen. 2. A. der
Pflanzen. 3. A. der Zuchttiere.
1. A. der Menschen. Unter A. verstehen wir die gesundheitlich
befriedigende Anpassung an fremdes Klima, und zwar nicht bloß die
Anpassung
des Individuums, sondern auch der Nachkommenschaft, der Rasse, so daß
diese ohne Mischung mit fremdem Blut weiter gedeiht und ihre
charakteristischen
Eigenschaften ohne wesentliche Änderung von Geschlecht zu Geschlecht
bewahrt
(s.a. Anpassung). Die A. von Nordeuropäern, insbesondere von Germanen,
ist bisher in größerem Maßstabe nur in der gemäßigten Zone (Nordamerika)
und in subtropischen Gebieten (Südamerika, Südafrika, Australien)
gelungen.
In den Tropen finden wir trotz vielfacher Ansätze nur ganz vereinzelte
und zum größten Teil nicht einmal einwandfrei festgestellte Beispiele
dafür. Daher wurde in der wissenschaftlichen Welt die Möglichkeit der
A. der germanischen Passe in den Tropen von den meisten Autoren bis vor
kurzem verneint. In der neuesten Zeit hat die Frage aber ein anderes
Gesicht
bekommen. Wir haben erst seit kurzer Zeit unterscheiden gelernt zwischen
den Wirkungen des Tropenklimas im eigentlichen Sinne, d.h. den
meteorologischen
Einflüssen auf die menschliche Gesundheit in den Tropen und den
tropischen
Infektionskrankheiten, deren parasitäre, auf der Einwanderung krank machender Kleinlebewesen
oder auch größerer Schmarotzer in den Körper beruhende Natur zum größten
Teil uns erst seit wenigen Jahren bekannt ist. Man führte früher diese
in ihren Erscheinungen zum Teil längst bekannten Krankheitsformen auf
klimatische Einwirkungen zurück und hielt auch in den Fällen, in denen
man die parasitäre Natur der Krankheiten mutmaßte oder sogar schon
erkannt
hatte, die Krankheitserreger für notwendige und unvermeidliche
Klimaprodukte.
Jetzt wissen wir, daß dem nicht so ist. Die Erreger der tropischen
Infektionskrankheiten
sind durchaus keine notwendige, sondern mehr eine zufällige, wenn auch
weitverbreitete Beigabe des Tropenklimas. Je mehr diese Verhältnisse
erforscht
worden sind, desto mehr hat die Zahl und Bedeutung der
Gesundheitsschädigungen
auf rein klimatischer Grundlage eingeschränkt werden müssen, und es
fragt
sich jetzt, ob es überhaupt klimatische Schädigungen gibt, die die A.
in den Tropen verhindern, ohne daß tropische Infektionskrankheiten dabei
mitwirken. Wenn man diese Frage verneint, wird man mindestens für die
Tropenländer, in denen Infektionskrankheiten keine Rolle spielen, und
wenn man den Kampf gegen die tropischen Infektionskrankheiten für
aussichtsreich
hält, für die Zukunft und theoretisch für alle Tropenländer die
Möglichkeit
der Akklimatisation von Germanen in den Tropen zugeben müssen. - Die
Infektionskrankheit,
die für die A. am meisten in Betracht kommt, ist die Malaria (s.d.). Sie
verursacht die meisten Todesfälle, bringt längeres Siechtum, zwingt zu
vorzeitiger Rückkehr nach Europa und befällt mit Vorliebe auch die
Kinder,
deren Gesundheit und Entwicklung sie schwer beeinträchtigt. Die sehr
ausgedehnte
ältere Literatur über die Frage der A. in den Tropen, die fast
ausschließlich
über schlechte Erfahrungen berichtet, bezieht sich überwiegend auf
tropische
Küstengegenden, in denen die Malaria sehr stark verbreitet ist und meist
in bösartiger Form herrscht. Die Krankheit herrscht aber auch vielfach
im Innern, und sie beeinflußt auch das Wohlergehen derer, die zwar in
malariafreien Tropengegenden, z.B. tropischen Hochländern, wohnen, sich
aber beim Durchmarsch von der Küste bis zu ihren Siedelungen mit Malaria
infiziert haben. Zwingen nun noch wirtschaftliche Rücksichten, von Zeit
zu Zeit die malariaverseuchte Küste wieder aufzusuchen, so kann die
Küstenmalaria
auch das Gedeihen und die A. in den malariafreien Binnengegenden in
Frage
stellen. Ähnlich verhält es sich mit der Wurmkrankheit
(Ankylostomiasis [s. Ankylostomum duodenale]), deren
Bedeutung
für die A. der Europäer in den Tropen erst spät erkannt ist, aber nicht
hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie ist nach der Malaria die
häufigste
und am weitesten verbreitete Ursache der sog. Tropenanämie (Blutarmut), die ganz sicher niemals durch das
Klima
an sich bedingt wird. Auch die Ankylostomenkrankheit bringt schwere
Schädigungen
in der Entwicklung der Kinder und soll auch moralische Degeneration verursachen (Faulheit, sexuelle
Entartung u. dgl.). Im tropischen Queensland, wo Malaria fehlt, hat die
Ankylostomiasis die A. der europäischen Einwanderer lange Zeit aufs
schwerste
bedroht. Nach der erfolgreichen Bekämpfung der Krankheit wächst dort ein
gesundes, sehr kräftiges Geschlecht heran. - Von den rein klimatischen
Schädigungen der Tropen kommen für die A. mehr die chronischen in
Betracht,
da man sich gegen die akuten (Sonnenstich, Hitzschlag u.a.) ohne große Belästigung des
täglichen
Lebens schützen kann. Als chronische Klimaschädigungen werden
Schlaflosigkeit,
zunehmende Nervosität, Herzschwäche, Darm- und Leberleiden, frühes
Altern
u. a. m. angeführt. Als Klimawirkungen, die die A. bei Kindern
schädigen,
gelten Zartheit, zu schnelles Wachstum, Verdauungsschwäche, zu frühe
Geschlechtsreife
u.a.m. Es fragt sich nun, ob diese Klimaschädigungen notwendig immer und
in allen Tropengegenden eintreten müssen. Wir müssen da zwischen
Küstengegenden
und Binnengegenden, zwischen Hochland und Tiefland unterscheiden. In
feuchtem
Küstenklima und namentlich dort,
wo die Schwankungen zwischen Tages- und Nachtwärme sehr gering sind,
zeigen
sich die klimatischen Schädigungen am stärksten und frühesten. Wo aber
kühlere Jahreszeiten und namentlich
verhältnismäßig kühle Nächte eine Unterbrechung der Hitzewirkung
bringen,
treten die Klimaschädigungen ganz entschieden erheblich zurück, und es
ist jedenfalls noch nicht bewiesen, daß die A. Weißer in solchen
Gegenden,
sofern sie einigermaßen frei von Malaria
und anderen tropischen Infektionskrankheiten
sind, unmöglich ist. Es gibt einige ältere deutsche Siedelungen in den
tropischen Hochländern, die heute noch, wenn auch nur in kleinen Resten,
vorhanden sind und beinahe gänzlich malariafrei sein sollen. Sie
befinden
sich im tropischen Amerika, nämlich in den mittelbrasilianischen Staaten
Espirito Santo, Minas Geraes, Sao Paulo, Rio, in Venezuela (Tovar), in
Peru (Pozzuzo) und Mexiko. Diese Ansiedelungen sind jetzt über 50 Jahre
alt. Es würde sehr zur Klärung der A.frage beitragen, wenn diese
Siedelungen
einmal gründlich anthropologisch und medizinisch untersucht würden.
Jetzt
haben wir nur dürftige und nicht einmal zuverlässige Angaben hierüber.
Vielversprechende Ansätze zu Siedelungen aus neuester Zeit finden sich
in einigen, fast malariafreien Gebieten des tropischen Zentralafrika,
so im Hochplateau von Uganda, im deutschen Kilimandscharogebiet und an
vielen
anderen Stellen des deutsch-ostafrikanischen Hochlands. Alle Anzeichen
sprechen dafür, daß die A. von europäischen Siedlern dort gelingen wird.
Aber auch in tropischen Niederungen, falls sie nur malariafrei sind,
scheint
die A. nicht ausgeschlossen zu sein. Das zeigt das Beispiel von
Queensland.
Auch in dem noch innerhalb der Tropenzone gelegenen Teil von Queensland
gedeihen Tausende von Engländern und Deutschen als Kleinbauern, die mit
ihren Familien dauernd schwere Feldarbeit verrichten. Nach allen
neueren,
kritischen Erfahrungen kommt es bei der A. im wesentlichen auf die
tropischen
Infektionskrankheiten an, das Klima spielt
keine ausschlaggebende Rolle. Da wir jetzt die Mittel in der Hand haben,
um die tropischen Infektionskrankheiten, insbesondere die Malaria, zu
bekämpfen und hoffen dürfen, daß diese Krankheiten in Zukunft mehr und
mehr zurückgedrängt werden, so dürfen wir auch hoffen, daß die Zahl der
Gebiete in den Tropen, wo eine A. von Europäern aussichtsvoll erscheint,
immer mehr zunehmen wird (s.a. Gesundheitspflege). Unsere Zeit hat
übrigens
noch nach einer anderen Richtung hin die Beurteilung der A.frage
geändert.
Die besseren Verkehrsverhältnisse erleichtern in ganz anderem Umfange
wie früher Besuch, Erholung, Kindererziehung in der Heimat und
Blutauffrischung
durch Heiraten zwischen Heimat und Kolonie.
Das wird auch in gesundheitlicher und rassenhygienischer Beziehung für
die Besiedelung unserer tropischen Kolonien
mit Deutschen nur von bester Wirkung sein.
Nocht.
2. A. der Pflanzen. Pflanzen wie Tierarten sind, von manchen
sehr tiefstehenden Formen abgesehen, auf ein beschränktes Wohngebiet
angewiesen.
Sie sind in erster Linie vom Klima abhängig und gehen schnell zugrunde,
wenn sie plötzlich in Gebiete versetzt werden, deren Klima von dem ihres
natürlichen Verbreitungsbezirkes stark abweicht. Sie haben aber daneben
eine je nach der Art sehr ungleiche Anpassungsfähigkeit, d.h. sie sind
bis zu einem gewissen Grade befähigt, über sich ändernde
Vegetationsbedingungen
ohne Schaden hinwegzukommen, sobald diese Änderung im allmählichen
Übergange,
im Laufe von Generationen, an sie herantritt. Sie vermögen sich zu
"akklimatisieren".
Die Möglichkeit der A. hängt damit zusammen, daß das Zellplasma, der
Träger
des Lebens in jeder Pflanze, durch die Umwelt in seiner physikalisch-chemischen
Konstitution
beeinflußt wird. Am deutlichsten treten uns die Erscheinungen der A. bei
den Kulturpflanzen entgegen, und
zwar darum, weil bei diesen der Mensch die A. dadurch künstlich fördert,
daß er einerseits Zuchtwahl betreibt, andererseits seine Pfleglinge vor
Schädigungen zu schützen weiß. Wenn es gelungen ist, den wilden
liberischen
Kaffeebaum des heißen westafrikanischen Tieflandes jetzt auch bei 1200
m Meereshöhe zu reichem Ernteertrage zu bringen, so ist dies wesentlich
in zwei Umständen begründet. Man hat, schrittweise vorgehend, die Saat
aufeinanderfolgender Generationen in immer höhere Regionen eines
Bergeshanges
ausgelegt, und man hat dafür gesorgt, daß die feindlichen Mitbewerber
um den Raum, die dem Klima besser angepaßten Vertreter der wilden Vegetation
jener höheren Lagen, von den jungen Kaffeepflanzen ferngehalten wurden.
- Nur der durch den Menschen künstlich geförderten A. ist es zu
verdanken,
daß der Anbau so vieler tropischen Nutzpflanzen
sich zurzeit gleichmäßig um den ganzen Erdball herum erstreckt.
Volkens.
3. A. der Zuchttiere. Zur Hebung
der Viehzucht in den Kolonien, besonders in Deutsch-Südwestafrika, wird
Zuchtvieh
aus verschiedenen Ländern eingeführt, insbesondere liegt auch das
Bestreben
vor, aus Deutschland solches einzuführen. Ein endgültiges Urteil über
die A. der verschiedenen Rassen liegt noch nicht vor, doch läßt sich
heute
schon sagen, daß die Rassen, die unter ähnlichen Verhältnissen gezüchtet
werden wie in den Kolonien, sich gut akklimatisiert haben. Dies trifft
vor allem auf die Zuchttiere zu, welche in großer Zahl aus Britisch-
Südafrika
nach Deutsch-Südwestafrika eingeführt sind. Deutsches Zuchtvieh hat sich
in Deutsch-Südwestafrika im allgemeinen akklimatisieren lassen, sofern
die Tiere nicht zu alt waren, aus widerstandsfähigen Herden abstammten
und ihnen eine gute Pflege zuteil wurde. Der Schwerpunkt ist darauf zu
legen, daß die Rassen nicht zu hoch gezüchtet sind und die Herden, aus
denen die Tiere stammen, nicht weichlich gehalten werden. Pinzgauer und
Simmentaler Rinder und Rinder des schwarzbunten
Tieflandschlages,
ostpreußische Pferde, das unveredelte und
das veredelte Landschwein, sowie deutsche Wollschafe haben sich unter geeigneten
Verhältnissen
gut akklimatisiert, männliche Tiere der verschiedenen Rassen sind zur
Veredelung der Viehzucht mit gutem Erfolg in Deutsch - Südwestafrika verwandt. Voraussetzung
hierbei
ist, daß eine den heimischen Verhältnissen entsprechende Fütterung stattfindet. In der Übergangszeit ist
bei den Zuchttieren ein Stillstand im Wachstum und eine Verminderung des
Geschlechtstriebes zu beobachten. - In den tropischen Kolonien haben
Zuchtversuche
mit hochgezüchteten europäischen Rassen im allgemeinen ein günstiges
Ergebnis
nicht gehabt, doch bedarf diese Frage noch weiterer Versuche. Von
mancher
Seite werden hinsichtlich der A. Zebus, von Hagenbeck auch
Zebukreuzungen
günstiger beurteilt. - S. auch Viehzucht, Pferdezucht, Schafzucht, Schweinezucht.
Neumann.
Literatur zu 1: Die Literatur über Akklimatisation ist ungeheuer groß.
Eine kurze, aber gute Übersicht über die wichtigeren, älteren Arbeiten (Virchow,
Hirsch, Stokvis, Markham, Jousset u. a. m.) gibt Wulffert, Sammlung klin.
Vorträge Nr. 279. Lpz. 1900. - Über ältere, deutsche Ansiedelungen in den Tropen vgl. Pohl, Kritische Rundschau über ältere
deutsche Ansiedelungen in den Tropen. Inaug.-Diss., Bonn 1905. - Am der neuesten
Literatur: Steudel, Kann sich der Deutsche in
den Tropen akklimatisieren? Arch. f. Schiffs- u. Tropenhyg. 1908, Beiheft 4. -
Schmidt, Die Anpassungsfähigkeit der weißen Rasse an das Tropenklima. Ebenda 1910. - Ferner die
Verhandlungen des III. deutschen Kolonialkongresses (Ref. von Plehn,
Schmidt u. a. und von Nocht, Der derzeitige Stand der Akklimatisationsfrage). -
Zu 2: Schimper, Pflanzengeographie
auf physiol. Grundlage. Jena 1898. Hildebrand, Lebensdauer u. Vegetationsweise
der Pfl., ihre Ursachen u. Entwickl., in Englers Bot. Jahrb. Bd. II. 1881.
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