Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 27 ff.

Akklimatisation. 1. A. der Menschen. 2. A. der Pflanzen. 3. A. der Zuchttiere.

1. A. der Menschen. Unter A. verstehen wir die gesundheitlich befriedigende Anpassung an fremdes Klima, und zwar nicht bloß die Anpassung des Individuums, sondern auch der Nachkommenschaft, der Rasse, so daß diese ohne Mischung mit fremdem Blut weiter gedeiht und ihre charakteristischen Eigenschaften ohne wesentliche Änderung von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt (s.a. Anpassung). Die A. von Nordeuropäern, insbesondere von Germanen, ist bisher in größerem Maßstabe nur in der gemäßigten Zone (Nordamerika) und in subtropischen Gebieten (Südamerika, Südafrika, Australien) gelungen. In den Tropen finden wir trotz vielfacher Ansätze nur ganz vereinzelte und zum größten Teil nicht einmal einwandfrei festgestellte Beispiele dafür. Daher wurde in der wissenschaftlichen Welt die Möglichkeit der A. der germanischen Passe in den Tropen von den meisten Autoren bis vor kurzem verneint. In der neuesten Zeit hat die Frage aber ein anderes Gesicht bekommen. Wir haben erst seit kurzer Zeit unterscheiden gelernt zwischen den Wirkungen des Tropenklimas im eigentlichen Sinne, d.h. den meteorologischen Einflüssen auf die menschliche Gesundheit in den Tropen und den tropischen Infektionskrankheiten, deren parasitäre, auf der Einwanderung krank machender Kleinlebewesen oder auch größerer Schmarotzer in den Körper beruhende Natur zum größten Teil uns erst seit wenigen Jahren bekannt ist. Man führte früher diese in ihren Erscheinungen zum Teil längst bekannten Krankheitsformen auf klimatische Einwirkungen zurück und hielt auch in den Fällen, in denen man die parasitäre Natur der Krankheiten mutmaßte oder sogar schon erkannt hatte, die Krankheitserreger für notwendige und unvermeidliche Klimaprodukte. Jetzt wissen wir, daß dem nicht so ist. Die Erreger der tropischen Infektionskrankheiten sind durchaus keine notwendige, sondern mehr eine zufällige, wenn auch weitverbreitete Beigabe des Tropenklimas. Je mehr diese Verhältnisse erforscht worden sind, desto mehr hat die Zahl und Bedeutung der Gesundheitsschädigungen auf rein klimatischer Grundlage eingeschränkt werden müssen, und es fragt sich jetzt, ob es überhaupt klimatische Schädigungen gibt, die die A. in den Tropen verhindern, ohne daß tropische Infektionskrankheiten dabei mitwirken. Wenn man diese Frage verneint, wird man mindestens für die Tropenländer, in denen Infektionskrankheiten keine Rolle spielen, und wenn man den Kampf gegen die tropischen Infektionskrankheiten für aussichtsreich hält, für die Zukunft und theoretisch für alle Tropenländer die Möglichkeit der Akklimatisation von Germanen in den Tropen zugeben müssen. - Die Infektionskrankheit, die für die A. am meisten in Betracht kommt, ist die Malaria (s.d.). Sie verursacht die meisten Todesfälle, bringt längeres Siechtum, zwingt zu vorzeitiger Rückkehr nach Europa und befällt mit Vorliebe auch die Kinder, deren Gesundheit und Entwicklung sie schwer beeinträchtigt. Die sehr ausgedehnte ältere Literatur über die Frage der A. in den Tropen, die fast ausschließlich über schlechte Erfahrungen berichtet, bezieht sich überwiegend auf tropische Küstengegenden, in denen die Malaria sehr stark verbreitet ist und meist in bösartiger Form herrscht. Die Krankheit herrscht aber auch vielfach im Innern, und sie beeinflußt auch das Wohlergehen derer, die zwar in malariafreien Tropengegenden, z.B. tropischen Hochländern, wohnen, sich aber beim Durchmarsch von der Küste bis zu ihren Siedelungen mit Malaria infiziert haben. Zwingen nun noch wirtschaftliche Rücksichten, von Zeit zu Zeit die malariaverseuchte Küste wieder aufzusuchen, so kann die Küstenmalaria auch das Gedeihen und die A. in den malariafreien Binnengegenden in Frage stellen. Ähnlich verhält es sich mit der Wurmkrankheit (Ankylostomiasis [s. Ankylostomum duodenale]), deren Bedeutung für die A. der Europäer in den Tropen erst spät erkannt ist, aber nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie ist nach der Malaria die häufigste und am weitesten verbreitete Ursache der sog. Tropenanämie (Blutarmut), die ganz sicher niemals durch das Klima an sich bedingt wird. Auch die Ankylostomenkrankheit bringt schwere Schädigungen in der Entwicklung der Kinder und soll auch moralische Degeneration verursachen (Faulheit, sexuelle Entartung u. dgl.). Im tropischen Queensland, wo Malaria fehlt, hat die Ankylostomiasis die A. der europäischen Einwanderer lange Zeit aufs schwerste bedroht. Nach der erfolgreichen Bekämpfung der Krankheit wächst dort ein gesundes, sehr kräftiges Geschlecht heran. - Von den rein klimatischen Schädigungen der Tropen kommen für die A. mehr die chronischen in Betracht, da man sich gegen die akuten (Sonnenstich, Hitzschlag u.a.) ohne große Belästigung des täglichen Lebens schützen kann. Als chronische Klimaschädigungen werden Schlaflosigkeit, zunehmende Nervosität, Herzschwäche, Darm- und Leberleiden, frühes Altern u. a. m. angeführt. Als Klimawirkungen, die die A. bei Kindern schädigen, gelten Zartheit, zu schnelles Wachstum, Verdauungsschwäche, zu frühe Geschlechtsreife u.a.m. Es fragt sich nun, ob diese Klimaschädigungen notwendig immer und in allen Tropengegenden eintreten müssen. Wir müssen da zwischen Küstengegenden und Binnengegenden, zwischen Hochland und Tiefland unterscheiden. In feuchtem Küstenklima und namentlich dort, wo die Schwankungen zwischen Tages- und Nachtwärme sehr gering sind, zeigen sich die klimatischen Schädigungen am stärksten und frühesten. Wo aber kühlere Jahreszeiten und namentlich verhältnismäßig kühle Nächte eine Unterbrechung der Hitzewirkung bringen, treten die Klimaschädigungen ganz entschieden erheblich zurück, und es ist jedenfalls noch nicht bewiesen, daß die A. Weißer in solchen Gegenden, sofern sie einigermaßen frei von Malaria und anderen tropischen Infektionskrankheiten sind, unmöglich ist. Es gibt einige ältere deutsche Siedelungen in den tropischen Hochländern, die heute noch, wenn auch nur in kleinen Resten, vorhanden sind und beinahe gänzlich malariafrei sein sollen. Sie befinden sich im tropischen Amerika, nämlich in den mittelbrasilianischen Staaten Espirito Santo, Minas Geraes, Sao Paulo, Rio, in Venezuela (Tovar), in Peru (Pozzuzo) und Mexiko. Diese Ansiedelungen sind jetzt über 50 Jahre alt. Es würde sehr zur Klärung der A.frage beitragen, wenn diese Siedelungen einmal gründlich anthropologisch und medizinisch untersucht würden. Jetzt haben wir nur dürftige und nicht einmal zuverlässige Angaben hierüber. Vielversprechende Ansätze zu Siedelungen aus neuester Zeit finden sich in einigen, fast malariafreien Gebieten des tropischen Zentralafrika, so im Hochplateau von Uganda, im deutschen Kilimandscharogebiet und an vielen anderen Stellen des deutsch-ostafrikanischen Hochlands. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die A. von europäischen Siedlern dort gelingen wird. Aber auch in tropischen Niederungen, falls sie nur malariafrei sind, scheint die A. nicht ausgeschlossen zu sein. Das zeigt das Beispiel von Queensland. Auch in dem noch innerhalb der Tropenzone gelegenen Teil von Queensland gedeihen Tausende von Engländern und Deutschen als Kleinbauern, die mit ihren Familien dauernd schwere Feldarbeit verrichten. Nach allen neueren, kritischen Erfahrungen kommt es bei der A. im wesentlichen auf die tropischen Infektionskrankheiten an, das Klima spielt keine ausschlaggebende Rolle. Da wir jetzt die Mittel in der Hand haben, um die tropischen Infektionskrankheiten, insbesondere die Malaria, zu bekämpfen und hoffen dürfen, daß diese Krankheiten in Zukunft mehr und mehr zurückgedrängt werden, so dürfen wir auch hoffen, daß die Zahl der Gebiete in den Tropen, wo eine A. von Europäern aussichtsvoll erscheint, immer mehr zunehmen wird (s.a. Gesundheitspflege). Unsere Zeit hat übrigens noch nach einer anderen Richtung hin die Beurteilung der A.frage geändert. Die besseren Verkehrsverhältnisse erleichtern in ganz anderem Umfange wie früher Besuch, Erholung, Kindererziehung in der Heimat und Blutauffrischung durch Heiraten zwischen Heimat und Kolonie. Das wird auch in gesundheitlicher und rassenhygienischer Beziehung für die Besiedelung unserer tropischen Kolonien mit Deutschen nur von bester Wirkung sein.

Nocht.

2. A. der Pflanzen. Pflanzen wie Tierarten sind, von manchen sehr tiefstehenden Formen abgesehen, auf ein beschränktes Wohngebiet angewiesen. Sie sind in erster Linie vom Klima abhängig und gehen schnell zugrunde, wenn sie plötzlich in Gebiete versetzt werden, deren Klima von dem ihres natürlichen Verbreitungsbezirkes stark abweicht. Sie haben aber daneben eine je nach der Art sehr ungleiche Anpassungsfähigkeit, d.h. sie sind bis zu einem gewissen Grade befähigt, über sich ändernde Vegetationsbedingungen ohne Schaden hinwegzukommen, sobald diese Änderung im allmählichen Übergange, im Laufe von Generationen, an sie herantritt. Sie vermögen sich zu "akklimatisieren". Die Möglichkeit der A. hängt damit zusammen, daß das Zellplasma, der Träger des Lebens in jeder Pflanze, durch die Umwelt in seiner physikalisch-chemischen Konstitution beeinflußt wird. Am deutlichsten treten uns die Erscheinungen der A. bei den Kulturpflanzen entgegen, und zwar darum, weil bei diesen der Mensch die A. dadurch künstlich fördert, daß er einerseits Zuchtwahl betreibt, andererseits seine Pfleglinge vor Schädigungen zu schützen weiß. Wenn es gelungen ist, den wilden liberischen Kaffeebaum des heißen westafrikanischen Tieflandes jetzt auch bei 1200 m Meereshöhe zu reichem Ernteertrage zu bringen, so ist dies wesentlich in zwei Umständen begründet. Man hat, schrittweise vorgehend, die Saat aufeinanderfolgender Generationen in immer höhere Regionen eines Bergeshanges ausgelegt, und man hat dafür gesorgt, daß die feindlichen Mitbewerber um den Raum, die dem Klima besser angepaßten Vertreter der wilden Vegetation jener höheren Lagen, von den jungen Kaffeepflanzen ferngehalten wurden. - Nur der durch den Menschen künstlich geförderten A. ist es zu verdanken, daß der Anbau so vieler tropischen Nutzpflanzen sich zurzeit gleichmäßig um den ganzen Erdball herum erstreckt.

Volkens.

3. A. der Zuchttiere. Zur Hebung der Viehzucht in den Kolonien, besonders in Deutsch-Südwestafrika, wird Zuchtvieh aus verschiedenen Ländern eingeführt, insbesondere liegt auch das Bestreben vor, aus Deutschland solches einzuführen. Ein endgültiges Urteil über die A. der verschiedenen Rassen liegt noch nicht vor, doch läßt sich heute schon sagen, daß die Rassen, die unter ähnlichen Verhältnissen gezüchtet werden wie in den Kolonien, sich gut akklimatisiert haben. Dies trifft vor allem auf die Zuchttiere zu, welche in großer Zahl aus Britisch- Südafrika nach Deutsch-Südwestafrika eingeführt sind. Deutsches Zuchtvieh hat sich in Deutsch-Südwestafrika im allgemeinen akklimatisieren lassen, sofern die Tiere nicht zu alt waren, aus widerstandsfähigen Herden abstammten und ihnen eine gute Pflege zuteil wurde. Der Schwerpunkt ist darauf zu legen, daß die Rassen nicht zu hoch gezüchtet sind und die Herden, aus denen die Tiere stammen, nicht weichlich gehalten werden. Pinzgauer und Simmentaler Rinder und Rinder des schwarzbunten Tieflandschlages, ostpreußische Pferde, das unveredelte und das veredelte Landschwein, sowie deutsche Wollschafe haben sich unter geeigneten Verhältnissen gut akklimatisiert, männliche Tiere der verschiedenen Rassen sind zur Veredelung der Viehzucht mit gutem Erfolg in Deutsch - Südwestafrika verwandt. Voraussetzung hierbei ist, daß eine den heimischen Verhältnissen entsprechende Fütterung stattfindet. In der Übergangszeit ist bei den Zuchttieren ein Stillstand im Wachstum und eine Verminderung des Geschlechtstriebes zu beobachten. - In den tropischen Kolonien haben Zuchtversuche mit hochgezüchteten europäischen Rassen im allgemeinen ein günstiges Ergebnis nicht gehabt, doch bedarf diese Frage noch weiterer Versuche. Von mancher Seite werden hinsichtlich der A. Zebus, von Hagenbeck auch Zebukreuzungen günstiger beurteilt. - S. auch Viehzucht, Pferdezucht, Schafzucht, Schweinezucht.

Neumann.

Literatur zu 1: Die Literatur über Akklimatisation ist ungeheuer groß. Eine kurze, aber gute Übersicht über die wichtigeren, älteren Arbeiten (Virchow, Hirsch, Stokvis, Markham, Jousset u. a. m.) gibt Wulffert, Sammlung klin. Vorträge Nr. 279. Lpz. 1900. - Über ältere, deutsche Ansiedelungen in den Tropen vgl. Pohl, Kritische Rundschau über ältere deutsche Ansiedelungen in den Tropen. Inaug.-Diss., Bonn 1905. - Am der neuesten Literatur: Steudel, Kann sich der Deutsche in den Tropen akklimatisieren? Arch. f. Schiffs- u. Tropenhyg. 1908, Beiheft 4. - Schmidt, Die Anpassungsfähigkeit der weißen Rasse an das Tropenklima. Ebenda 1910. - Ferner die Verhandlungen des III. deutschen Kolonialkongresses (Ref. von Plehn, Schmidt u. a. und von Nocht, Der derzeitige Stand der Akklimatisationsfrage). - Zu 2: Schimper, Pflanzengeographie auf physiol. Grundlage. Jena 1898. Hildebrand, Lebensdauer u. Vegetationsweise der Pfl., ihre Ursachen u. Entwickl., in Englers Bot. Jahrb. Bd. II. 1881.