Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 33 ff.

Alkohol. Die Gefährdung der Gesundheit, welche der Alkoholverbrauch nach sich zieht, ist schon aus physiologischen Gründen in den Tropen erheblich größer, als in Ländern gemäßigten Klimas. Gegenüber dem A.verbrauch der weißen Bevölkerung sind jedoch andere als die bei uns üblichen staatlichen Maßregeln der Verwaltung - wenigstens in den deutschen Schutzgebieten - nicht eingeführt. Man muß sich hier auf die wachsende Einsicht und Selbstbeherrschung der Weißen verlassen, soweit nicht die Beschränkung der Schankstätten und die Verteuerung durch Zölle und Lizenzabgaben schon einschränkend auf den Verbrauch einwirken. Die Bekämpfung des A.verbrauchs erscheint als eine besondere kolonialpolitische Aufgabe im Interesse der Eingeborenen, wegen der körperlichen, moralischen und wirtschaftlichen Schädigungen, die er bei Völkern niederer Kulturstufe hervorruft. Und zwar stellen sich diese Schädigungen vor allem ein durch den von den Europäern erst zu Handelszwecken eingeführten Branntwein. Wohl kennen fast alle Völker berauschende Getränke, die sie selber herstellen, wie Palmwein, Mais- oder Hirsebier. Aber diese Getränke werden nur zeitweise hergestellt und getrunken und führen nicht durch dauernden, regelmäßigen Gebrauch zu eigentlichem Alkoholismus, sind auch meist harmloser als der eingeführte Branntwein. Sobald die Bestrebungen zu pfleglicher Behandlung der Eingeborenen entstanden, wendeten sie sich naturgemäß auch gegen die Branntweineinfuhr. Deren Bekämpfung ist verhältnismäßig einfach, wo bei den Eingeborenen der Branntweinverbrauch noch nicht bekannt oder nicht üblich ist oder aus religiösen Gründen abgelehnt wird, wie bei der mohammedanischen Bevölkerung. Hier handelt es sich darum, die Entstehung des Branntweintrunkes zu verhindern. Schwieriger ist die Verhinderung der Einfuhr, wo herkömmlicherweise Branntwein einen regelmäßigen Handelsartikel bildete, wie im tropischen Westafrika. Hier steht die Gewöhnung an den Verbrauch einschneidenden Maßregeln im Wege, ebenso wie das fiskalische und das Interesse der Branntweinproduzenten und die Furcht, daß der Handel dadurch gestört werde. War man doch vielfach für Westafrika der Meinung, daß der Neger nur durch Branntwein zur Arbeit und zur Lieferung von Produkten veranlaßt werden könnte. Trotzdem hat sich die Überzeugung von der Notwendigkeit, der Bekämpfung des Branntweins durch die gemeinschaftliche Arbeit der Mission, der Kolonialverwaltungen und einsichtiger Kaufleute immer mehr durchgesetzt, und die Erfahrung hat gezeigt, daß die Beschränkung nicht hemmend, sondern fördernd auf die Handelsentwicklung einwirkt, daß aber auch die Notwendigkeit hemmend vorzugehen immer größer wird, je mehr das Innere der Kolonie dem Verkehr, namentlich auch durch Eisenbahnen, erschlossen wird, da sonst die Gewöhnung an Branntwein immer weiter um sich greift. Energischen Maßregeln in einer einzelnen Kolonie stand aber stets im Wege, daß die Hemmung, insbesondere Zollerhöhungen an einem Punkte nur zu Verschiebungen der Einfuhrstellen führt und nur die Einfuhr und die Zolleinnahmen in den Nachbargebieten steigert. So drängte sich die Notwendigkeit internationaler Maßregeln auf, sobald man ernsthaft an die Zivilisierung und Erschließung Innerafrikas ging. Demgemäß war schon auf der Kongokonferenz (s.d.) 1884 der Wunsch formuliert, daß eine Vereinigung der Mächte gegen den Mißbrauch geistiger Getränke zustande kommen möchte, welche die Humanität mit den Interessen des legitimen Handels vereinige. Daran anschließend beschäftigte sich 1889/90 die Brüsseler Antisklavereikonferenz (s.d.) mit solchen Maßregeln, vor allem auf Betreiben der englischen Regierung, welche allerdings für das Konventionsgebiet zwischen dem 20° nördlicher und dem 22° südlicher Breite noch nicht den geforderten Mindestzoll von 50 Fr. für den Hektoliter Branntwein (von 50°), aber für die nächsten drei Jahre 15, für die nächsten drei Jahre 25 Fr. festsetzte. Ebenso wurde die Verpflichtung aufgestellt, daß Gegenden, in denen der Branntweinverbrauch noch nicht üblich sei, für die, Einfuhr gesperrt und auf inländische Branntweinbrennerei eine dem Einfuhrzoll gleiche Akzise gelegt werden sollte. Auf dieser Grundlage arbeiteten die Konferenzen von 1899 und 1906 weiter; die anfangs 1912 in Brüssel zusammengetretene Konferenz ist aber zunächst ergebnislos vertagt, infolge des Widerstandes der französischen Regierung, die schon bisher hemmend gewirkt hatte. Die Konvention von 1899 setzte den Minimalzoll auf 70 Fr., für Togo und Dahomé auf 60 Fr. herauf und schrieb für stärkere als 50prozentige Spirituosen verhältnismäßige Erhöhung vor, erlaubte für schwächere Ermäßigung. Die Konvention vom 3. Nov. 1906 erhöhte den Minimalzoll auf 100 Fr. (Eritrea 70 Fr.). In Angola, wo allein in der Konventionszone eine merkliche Brennerei stattfand, durften von der Minimalsteuer von 100 Fr. 30 verwendet werden, um die Umwandlung der Brennereien in Zuckerfabriken herbeizuführen. (Durch Verordnung vom 27. Mai 1911 ist dann die Brennerei in Angola ganz verboten.) Die Zölle sind der Konvention entsprechend überall erhöht, in englischen und deutschen, außer Togo, über den Minimalsatz hinaus. In Kamerun wurde er für den Liter auf 1 M, 1910 auf 1,20 M, 1912 auf 1,60 M erhöht, mit 5 d Zuschlag für jedes Prozent Alkoholgehalt über 50%. Diese Sätze gelten für unversetzte Spirituosen im Werte von weniger als 1 M für das Liter. Für wertvollere Spirituosen (also wesentlich die für Europäerverbrauch) ist der Zoll höher (2,50 M für die Einfuhr in größeren Gefäßen als solche von 1l). In Deutsch-Ostafrika beträgt er 1 Rupie, in Deutsch-Südwestafrika 4 M für 50grädigen, 6 M für stärkeren Branntwein. In Deutsch-Neuguinea sind es 4 M, in Samoa 2,50 M. Nur in Deutsch- Südwestafrika ist bis jetzt die Notwendigkeit, eine inländische Branntweinsteuer (s.d.) einzuführen, entstanden. In Deutsch- Ostafrika besteht auch eine Steuer auf gegorene Eingeborenengetränke in der Höhe von 1-6 Rupien für jede zur Gewinnung von Palmwein angemeldete Palme und 1/2 Rupie jährlich für den Zapferlaubnisschein, eine Abgabe, die auch zum Schutze der Palmenbestände dienen soll. In den östlichen Karolinen ist es verboten, Palmwein zu bereiten oder feilzubieten. Der Verbrauch von A. wird ferner belastet dadurch, daß für den Ausschank und Kleinhandel Lizenzgebühren erhoben werden, in Deutsch- Ostafrika eine Gewerbescheingebühr von 100-2000 Rupien. In Togo wird von dem - genehmigungspflichtigen - Ausschank halbjährlich 75 M für jede Verkaufsstelle erhoben, für die Erlaubnis zur Einfuhr 200 M., in Kamerun beträgt die Gebühr 400 M jährlich, in Deutsch- Südwestafrika für den Großhandel 200 M, für Verkauf in Flaschen 800 M, für Ausschank 12 d vom Liter (V. vom 11. März 1911). Der in der Brüsseler Generalakte enthaltenen Verpflichtung zur Sperrung neuer Gebiete gegen die A.einfuhr sind die beteiligten Regierungen in immer größerem Umfange nachgekommen; nur Frankreich hat sich ihr bisher entzogen. In den deutschen Schutzgebieten ist in Deutsch-Ostafrika verboten der Verkauf, sowie die Gratisabgabe von Spirituosen an Mohammedaner und Angehörige anderer Negerstämme, in Togo ist der Norden gesperrt, in Kamerun ein sehr großer Teil des Schutzgebietes. Auch in den freien Bezirken ist der Ausschank nur in Plätzen und Ortschaften zulässig, in denen der Vertrieb ausdrücklich gestattet ist (V. vom 30. Sept. 1910). In Deutsch- Südwestafrika, wo seit 1892 die Abgabe von Spirituosen an Eingeborene nur nach Beibringung eines Erlaubnisscheins gestattet war, besteht ein vollständiges Verbot der Abgabe von Spirituosen an Eingeborene, ebenso in Deutsch- Neuguinea und in Samoa. Ein Schutz gegen das Eindringen des A. in das Innere kann auch herbeigeführt werden durch hohe Eisenbahnfracht für Branntwein. Doch ist das dadurch beschränkt, daß eine zu hohe Fracht den Transport auf die herkömmlichen Transportmittel zurückdrängt. Die Wirkung der bisher in den deutschen Schutzgebieten gegen den A.verbrauch getroffenen Maßregeln in Westafrika, wo allein sie umfangreich ist, war, daß die Branntweineinfuhr, die zunächst mit der Erschließung des Landes zunahm, nunmehr abnahm, dann stabil blieb, während die Gesamtwareneinfuhr stieg. In Kamerun war das Maximum der Einfuhr von Branntwein 1898 mit fast 20000 hl im Werte von 1235000 M (13% der Einfuhr); 1908/12 waren es durchschnittlich etwa 10000 hl im Werte von 600000 M (2-3% der Einfuhr). In Togo war das Maximum 1904 mit mehr als 16000 hl im Werte von 1741000 M (25% der Einfuhr), im Durchschnitt der Jahre 1908/12 9670 hl im Werte von 608000 M (6% der Einfuhr). Eine Schädigung des Handels, wie sie früher von manchen erwartet wurde, ist nicht eingetreten, Aus- und Einfuhr sind im Gegenteil andauernd gestiegen. Nach den gemachten Erfahrungen gehen die Wünsche der deutschen Regierung auf Fortführung der bisherigen Politik, d. h. weitere Steigerung der Einfuhrzölle, zunächst auf das Minimum von 150 Fr. und allmähliche Steigerung bis auf die von der englischen Regierung schon länger erstrebten 200 Fr. Zu dem gleichmäßigen und gleichzeitigen Vorgehen in den verschiedenen Kolonien sollte hinzukommen die Beseitigung der von Frankreich und Portugal ihren heimischen Spirituosen gewährten Begünstigungen. Die Sperrgebiete des Innern sollten, um die Kontrolle zu erleichtern und den Schmuggel zu verhindern, möglichst zusammenhängend gruppiert und durch eine fortlaufende Demarkationslinie umgrenzt sein, was auch die Sperrung jetzt noch offener Gebiete ermöglichen würde. Die Branntweineinfuhr betrug in Deutsch-Ostafrika 1908 199000 kg, 1912 299000 kg, in Deutsch-Südwestafrika 1908 1440 hl, 1912 890 hl. Dieser Abnahme der Einfuhr steht gegenüber die Herstellung von Trinkbranntwein in inländischen Brennereien (1912: 5). Über den Verbrauch der weißen Bevölkerung an geistigen Getränken enthalten die amtlichen Jahresberichte im statistischen Teil Zusammenstellungen, deren Grundlagen, Trennung des Verbrauches der weißen und der farbigen Bevölkerung, unsicher sind und von einem Jahr zum andern merkwürdige Schwankungen zeigen, so daß der Wert dieser Berechnungen zweifelhaft ist.

Literatur: Fiebich, Die Bedeutung der Alkoholfrage für unsere Kolonien, 1908. - Alkohol und Eingeborenenpolitik. Denkschrift über die Bekämpfung des Alkoholkonsums in den afrikanischen Kolonien. Dem d. Reichstage vorgelegt 26. März 1908.

Rathgen.