Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 40

Ameisen sind Insekten, welche zur Ordnung der Hautflügler (s.d.) gehören. Sie zeichnen sich besonders durch Schuppen- oder Knotenform des ersten Hinterleibsgliedes aus. Die Arten leben in Staaten. Ungeflügelte "Arbeiter" bilden die Hauptmasse ihres Staates. Geflügelte Geschlechtstiere, unter denen die Weibchen die größeren sind, erscheinen nur zu gewissen Zeiten. Beim sog. Hochzeitsflug findet die Paarung statt. Das Weibchen verliert nach demselben seine Flügel und wird entweder in einen schon vorhandenen Staat aufgenommen, oder es gründet einen neuen Staat. Außer den Geschlechtstieren und Arbeitern kommen vielfach noch Individuen einer dickköpfigen, flügellosen Form vor, die man als Soldaten bezeichnet. Manche A. halten auch Individuen anderer Arten als Sklaven in ihrem Staate, und manche Arten, die man Amazonen nennt, sind ganz auf ihre Sklaven angewiesen, weil sie mit ihren langen, spitzen Kiefern wohl kämpfen, aber nicht arbeiten können. Die Nahrung der A. besteht teils in tierischen, teils in pflanzlichen Stoffen. Mit Vorliebe besuchen sie Insekten, deren Kot stark zuckerhaltig ist (Blattläuse, Zikadenlarven, Schmetterlingsraupen) und gewähren diesen für den geleisteten Dienst Schutz. Durch Streicheln wissen sie sie zur Entleerung des Kots zu veranlassen, und da sie oft sogar "Ställe" für sie bauen und Blattläuse geradezu wie Milchkühe züchten, pflegt man das Streicheln als Melken zu bezeichnen. Außer A. anderer Arten befinden sich in den Nestern oft auch Tiere anderer Tiergruppen als Gäste, namentlich Käfer. Manche von diesen werden von den A. gehegt und gepflegt, weil sie ihnen in einer Drüsenausscheidung ein Genußmittel (nicht, wie man früher glaubte, ein Nahrungsmittel) liefern. - Als Nistraum benutzen manche A. vorgefundene Höhlungen. Manche leben in Termitennestern; manche in sog. A.Pflanzen (Myrmecodia, Tafel 2 Abb. 1), welche eine von vielen Gängen durchzogene Knolle, besitzen und an den Ästen kleiner Bäume hängen. Für den gelieferten Wohnraum verteidigen die A. ihre Wirtspflanze (Symbiose). Manche A. stellen sich selbst Wohnräume her, indem sie Höhlungen graben, ausnagen oder aufmauern. Manche Arten mauern sogar Gänge, die zu ihren "Milchkühen" führen (Technomyrmex). Eine große gelbe Ameisenart Neuguineas (Oecophylla smaragdina, Tafel 67/68 Abb. 22) stellt auf Bäumen Nester und Schutzräume aus Papier her und soll zur Herstellung der Papiermasse sich der Spinnfähigkeit ihrer Larven bedienen. Eine andere A. Neuguineas (Camponotus quadriceps) lebt in den Markröhren eines Baumes (Endospermum) (Tafel 2 Abb. 2) und nährt sich von dem Mark und Saft dieses Baumes, um ihrerseits den Baum der Benutzung der Eingeborenen fast unzugänglich zu machen, bildet also ebenso, wie Iridomyrmex mit Myrmecodia, mit dem Baum eine Symbiose. - Einige Arten der Gattung Monomorium, die sich durch eine sehr geringe Größe vor vielen andern auszeichnen, sind durch Schiffe fast über die ganze Erde verschleppt und kommen überall in unsern Kolonien vor, nicht nur in Häusern, sondern auch im Urwald. Über Weiße Ameisen s. Termiten.

Literatur: K. Escherich, Die Ameise. Braunschw. 1896. - F. Dahl, Anleitung zu zoologischen Beobachtungen. Lpz. 1910.

Dahl.