Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 41

Ameisenpflanzen oder myrmekophile Pflanzen sind in erster Linie solche, die gewissen Ameisenarten durch Aus- oder Umbildung bestimmter Organe, sei es von Stammteilen, sei es von Blättern, Niststätten darbieten, die dauernd von ihnen bewohnt werden. Zuerst aufgedeckt wurden die Erscheinungen der Myrmekophilie an mittel- und südamerikanischen Akazienarten. Diese haben an den Zweigen rechts und links von den Blattansätzen je einen großen, hohlen, spindelförmig oder blasig aufgetriebenen Dorn, der gegen die Spitze hin eine kreisrunde Öffnung zeigt. Jeder Dorn beherbergt in seinem Innern eine Kolonie einer sehr bissigen Ameisenart. Was besonders eigentümlich erscheint, ist aber, daß die Pflanze ihren Gästen nicht nur Unterkunftsräume gewährt, sondern auch Nahrungsstoffe in Gestalt kleiner, birnenförmiger, dem oberen Rande und der Spitze der Blätter anhaftender, leicht zu entfernender, drüsiger Gebilde (Beltsche Körperchen), die außerordentlich reich an Eiweißstoffen sind und einen anderen Zweck, als den Ameisen Futter zu bieten, kaum haben können. Ähnliches ist für Cecropiaarten festgestellt, wenn auch hier die Ameisen in hohlen, gleichfalls mit einem Loch versehenen Stengelteilen hausen und die ihnen als Nahrung dienenden Gebilde (Müllersche Körperchen) den Blattstielpolstern aufsitzen. Man hat früher angenommen, daß ein symbiontisches Verhältnis zwischen Pflanzen und Ameisen vorliegt, indem die letzteren als eine Art Schutzgarde die ersteren vor den Angriffen der sog. Blattschneiderameisen bewahren sollten. Man ist davon zurükgekommen, hauptsächlich weil es viele A. auch in tropischen Gebieten gibt, die von Blattschneiderameisen ganz frei sind. In Neuguinea und anderen Südseeinseln sind A. besonders durch die Gattungen Myrmecodia und Hydnophytum vertreten, das sind epiphytisch lebende Rubiazeen, deren Stamm am Grunde- zu einer bis kopfgroßen, im Innern von Kammern durchzogenen und von Ameisen bewohnten Knolle anschwillt. In Westafrika ist eine der auffälligsten A. die Cola marsupium, die den Ameisen große, sackartige Ausstülpungen der Blattspreite als Wohnraum zur Verfügung stellt.

Literatur: Belt, The naturalist in Nicaragua. Lond. 1874. - Schimper, Die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Ameisen. Bot. Mitteil. aus d. Tropen, Heft 1. Jena 1888 - Ule, Ameisenpflanzen, Englers Bot. Lpz. 1906. - v. Ihering, Die Cecropien u. ihre Schutzameisen, Englers Bot. Jahrb. Lpz. 1907.

Volkens.