Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 50 f.

Androphagen, Anthropophagen, Kannibalen, Menschen, die Menschenfleisch genießen. Abgesehen von Fällen besonderer Hungersnot, wurde und wird Menschenfleisch in Zentralafrika und Ozeanien als Leckerbissen genossen, wobei den Häuptlingen und angesehenen Männern besondere Teile zustehn; vielfach werden auch die zur Nahrung bestimmten Opfer, besonders Kriegsgefangene, gemästet. Vor 20 Jahren etwa war gekochtes Menschenfleisch gelegentlich noch bei den Stämmen an der Blanchebucht, Bismarckarchipel, auf dem Markte zu haben; erst der Einfluß der Europäer hat in Melanesien wie in Afrika den offenen Verkauf verdrängt. Ursprünglich besteht anscheinend Widerwille gegen den Genuß von Menschenfleisch, wenigstens erhalten es in Melanesien die Kinder als Schweinefleisch und werden erst nach dem Genusse aufgeklärt, wonach häufig Erbrechen erfolgen soll. Erst später tritt Gewöhnung ein. Als besondere Motive für die Androphagie sind Rachsucht und mystische Vorstellungen zu nennen. Man verzehrt den erschlagenen Feind und vernichtet die ungenießbaren Reste oder läßt sie absichtlich herumliegen, um seine Seele ruhelos zu machen oder jedem Zauber preiszugeben; man schmückt mit den Zähnen Eßschalen und Spucknäpfe, um dem Toten seine Verachtung zu bezeugen. Anderwärts glaubt man, daß durch Verspeisen des Hirns, des Herzens usw. die hierin haftenden Kräfte und Eigenschaften des Erschlagenen in den Verzehrenden übergehen. Vielfach dienen besondere Schalen, Messer und Gabeln zur Androphagie, und die Zubereitung muß, zumal wenn es sich um die Verknüpfung mit mystischen Dingen handelt, in besonderer Weise geschehen. In Europa hat sich die früher verbreitetere Androphagie noch lange Zeit zu Zauberzwecken erhalten.

Literatur: R. Andree, Die Anthropophagie. Lpz. 1887. - Henkenius, Entstehung und Verbreitung der Anthropophagie. Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik. Wien 1893.

Thilenius.