Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 60 f.

Anpassung bei Menschen. Der Organismus jedes Lebewesens besitzt die Fähigkeit, in engeren oder weiteren Grenzen Form oder Funktion seiner Organe abzuändern, insbesondere auf die Einwirkungen der Umwelt zu reagieren. Die Gesamtheit der hierbei verlaufenden Abänderungen sowie deren Ergebnisse bezeichnet man als Anpassungen. Sie sind um so festere, je länger die Umwelt einwirkt, je einseitiger sie ist und je freier die ihr unterstellte Bevölkerung von Vermischung, Einwanderung usw. bleibt. Durch die Umwelt ist der Organismus, abgesehen von seiner ererbten Zusammensetzung, bestimmt, und wenn sich die Umwelt ändert, so wirken die neuen äußeren Bedingungen als Reiz, unter dem der Organismus "sich ihnen anpaßt". Da die A. unter dem Zwange der Umwelt erfolgt, so bezeichnet man die schließlich erlangten Formen als Zwangsformen, die je nach der Umwelt verschiedene und für den Organismus selbst nützliche oder schädliche oder indifferente sind. Die Zugehörigkeit einer Bevölkerung zu einer bestimmten Menschenrasse kommt hierbei insofern in Frage, als eine Rasse sich leichter anzupassen scheint als die andere (z. B. brünette Südeuropäer leichter als blonde Nordeuropäer in den Tropen). Die A. an die soziale Umwelt, die bei den Kulturvölkern eine erhebliche Rolle spielt, kann bei den Naturvölkern unberücksichtigt bleiben; um so wichtiger ist bei ihnen die A. an die physische Umwelt, von der sich die Kulturvölker durch die Fortschritte der Technik und die Entwicklung der Wirtschaft mehr oder weniger weit entfernt haben. In welchem Maße die einzelnen Menschen ihrer Umwelt angepaßt sind, ergibt sich jedesmal, wenn sie in eine andere Umwelt versetzt werden und sich hier neuerdings anpassen, sich "akklimatisieren" sollen (s. Akklimatisation). Je kräftiger und einseitiger die in der alten Umwelt erlangte Zwangsform ist, je schroffer oder geringer der Unterschied, je Rascher oder langsamer der Übergang von der alten zur neuen Umwelt ist, um so stärker oder schwächer ist die Reaktion des Organismus, d. h. der Verlauf der A. - Praktisch erscheint die A. beim Menschen einerseits als Eingewöhnung in die neue Umwelt, wenn auch unter gewissen für die Existenz des Individuums häufig belanglosen Veränderungen, anderseits findet sie ihren Ausdruck in geringer Tauglichkeit, Erkrankungen, Menschenverlusten usw. Die A. an die gegebene Umwelt und die damit zusammenhängende Nichtanpassung an eine andre tritt schon Krankheiten gegenüber auf. Bekannt ist die verheerende Wirkung der Masern auf Samoa, als sie dort zum erstenmal erschienen, und die Unzweckmäßigkeit der Verwendung polynesischer Missionare in dem malariareichen Melanesien, dessen Eingeborene eine relative Immunität erwerben. Wenn man ferner Ozeanier von den Atollen auf größere vulkanische Inseln, melanesische Polizeisoldaten nach Ostafrika ohne Erfolg brachte, so handelte es sich hierbei um A. an die Ernährung im weitesten Sinne, die auch im engeren in Frage kommen, wenn z. B. die an Milch und Bananenkost gewöhnten Kondeleute außerhalb ihres Landes schwer verwendbar sind, oder die Bewohner des Graslandes beim Bahnbau im Waldlande Kameruns unverhältnismäßig viele Verluste aufweisen. Auch der Transport der an das Wüsten- und Steppengebiet Südwestafrikas seit langer Zeit und ganz einseitig angepaßten Hottentotten nach dem tropischen Westafrika gehört hierher. In allen diesen Fällen mutet man den einseitig angepaßten Eingeborenen die Erlangung von neuen A. zu, die sie in der kurzen Zeit schwer zu leisten vermochten. Wo die Übergänge von einer Umwelt zur andern für eine gegebene Bevölkerung minder schroff sind, kommen dagegen A. zustande. Die westafrikanischen Neger haben sich in den Südstaaten der Vereinigten Staaten angepaßt, Europäer in Amerika, Südafrika, Australien, Neuseeland. Allerdings scheint hier mit der A. eine Änderung des körperlichen Typus einherzugehen: in Amerika bildet sich angeblich der aus der Karikatur bekannte Typus, des Uncle Sam heraus, in Australien soll eine Tendenz zur Ausbildung eines brünetten Typus bestehn, während in Neuseeland die Einwanderer umgekehrt dazu neigen sollen, blonde Nachkommen zu erzeugen, die überdies stark an Anomalien und Krankheiten der Zähne leiden. - Der körperlichen A. könnte eine psychische entsprechen. Klimatische und wirtschaftliche Faktoren der Landschaft beeinflussen die geistige Regsamkeit, die Stimmung und den Charakter, und folgerichtig würde die in eine neue von der alten verschiedene Umwelt verpflanzte Bevölkerung eine Wandlung auch in geistiger Beziehung erfahren können. S. a. Akklimatisation.

Literatur: J. P. Lotsy, Vorlesungen über Deszendenztheorien. Jena 1908. - W. Z. Ripley, The races of Europe. London 1900.

Thilenius.