Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 62

Anthropometrie, Hilfswissenschaft der Anthropologie (s.d.) zur exakten Festlegung der graduellen Unterschiede zwischen Individuen oder Rassen. Allgemeine Bezeichnungen wie kurz, lang, hell, dunkel, braun, grau usw. sind zu sehr von dem subjektiven Empfinden abhängig, um vergleichbare Beschreibungen zu geben. Die wissenschaftliche Schilderung verlangt vielmehr die Angabe der Maße in Millimetern (z.B. Körperlänge), Graden und Minuten (Profilwinkel), Kubikzentimetern (Schädelinhalt), zu welchem Zwecke besondere Meßapparate konstruiert wurden (Anthropometer, Tasterzirkel, Goniometer usw.), deren Anwendung wiederum zum Teil Hilfsapparate (Kraniophore usw.) zur exakten Einstellung der zu messenden Objekte nötig macht. Auch für beschreibende Merkmale wie die Farbe der Haut, die Beschaffenheit des Haares oder die Form der Nase sucht man durch graduierte Normaltabellen zahlenmäßige Ausdrucksformen zu gewinnen. Die Bearbeitung des so erlangten objektiven Beobachtungsmaterials geschieht nach mathematischen Regeln; beliebt ist die Darstellung der Ergebnisse durch Kurven, da diese die Unterschiede, die ein Merkmal in verschiedenen Gebieten zeigt (z.B. die verschiedene Häufigkeit langer Schädel bei Deutschen und Negern, oder die Verschiedenheit des Lebensalters, in dem die Geschlechtsreife in Europa und Melanesien eintritt) besonders augenfällig machen.

Thilenius.