Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 63 f.

Antisklavereibewegung. Unter den idealen Motiven, welche dazu geführt haben, daß das tropische Afrika den europäischen Kultureinflüssen erschlossen wurde und europäischer Beherrschung unterworfen wurde, kommt der A. große Wichtigkeit zu. Für die Deutsche Kolonialpolitik hatte die A. vor allem dadurch Bedeutung, daß sie sich besonders auf den 1885 bis 1890 deutsch gewordenen Teil Ostafrikas bezog. Nachdem die Sklavenausfuhr aus Westafrika infolge der Beseitigung der Sklaverei in Amerika aufgehört hatte, wurde die Osthälfte Afrikas der Sitz des afrikanischen Sklavenhandels (s.d.) zur Versorgung der mohammedanischen Gebiete in Nordafrika und Westasien. Seine Träger waren die arabischen Händler, die auf ihren Raubzügen vom Osten her immer tiefer ins Innere, bis zum oberen Kongo eindrangen. Forschungsreisende und Missionare, zuerst mit Nachdruck David Livingstone (s.d.), lenkten die Aufmerksamkeit auf die furchtbare Verwüstung des inneren Afrikas durch die Sklavenjagden hin, denen jährlich Hunderttausende von Negern zum Opfer fielen. Die Kontrolle der ostafrikanischen Küste durch englische Kreuzer erwies sich als ungenügend, solange nicht das Übel an der Quelle angefaßt wurde. Durch das um 1880 beginnende Eindringen europäischer Unternehmungen ins Innere des tropischen Afrikas beunruhigt, wurden die in ihrer Tätigkeit bedrohten arabischen Sklavenhändler zu gefährlichen Gegnern der Europäer, wie um 1888 die Kämpfe gegen den Kongostaat bei den Stanleyfällen, gegen die Engländer am Njassa, gegen die Deutschen der Araberaufstand (s.d.) an der Küste Ostafrikas zeigten. Es war vor allem der Kardinal Lavigerie (s.d.) (1825/92), Erzbischof von Karthago und Primas von Afrika, der zu solidarischem Vorgehen der Europäer gegen die Sklavenjagden aufforderte und den Kreuzzug gegen die Araber predigte. Er veranlaßte den Papst Leo XIII. zu der Enzyklika vom 5. Mai 1888, hielt in Frankreich, England und Belgien große Versammlungen ab, was zur Bildung nationaler A.komitees führte und die alten Bestrebungen zur Bekämpfung der Sklaverei (s.d.), die in der Kongoakte (s.d.) eine noch sehr vage Empfehlung gefunden hatten, stärker belebte. In Deutschland fand eine große Versammlung, die am 27. Okt. 1888 im Gürzenich in Köln abgehalten wurde, und wo Wissmann die Notwendigkeit der A. darlegte, starken Widerhall. Die internationale Bewegung hatte den Erfolg, daß (17. Sept. 1888) die englische Regierung Leopold II. von Belgien, aufforderte, die Initiative zu gemeinschaftlichem Vorgehen zu ergreifen, und auf dessen Einladung am 18. Nov. 1889 die Brüsseler Antisklavereikonferenz (s.d.) zur Bekämpfung der Sklaverei zusammentrat. Für Deutschland fiel die ganze Bewegung zusammen mit der Notwendigkeit, den Araberaufstand (s.d.) in Deutsch-Ostafrika zu bekämpfen, der nach Übernahme der Verwaltung durch die Ostafrikanische Gesellschaft ausgebrochen war. Dieser war es unmöglich, allein des Aufstandes Herr zu werden. Die Herrschaft an der Küste und der Schutz der deutschen Interessen konnte so wenig sichergestellt werden, wie die Unterdrückung des Sklavenhandels, wenn man nicht die deutsche Macht auch im Innern des Landes zur Geltung brachte, wie das namentlich Wissmann (s.d.) betonte, der die Überwachung der Karawanenstraßen und die Besetzung der Seen mit bewaffneten Dampfern forderte. Die A. veranlaßte auch Kreise, die bisher einer deutschen Kolonialpolitik ablehnend gegenüberstanden, für die deutsche Machtentfaltung einzutreten, wie das die (14. Dez. 1888) vom Reichstag angenommene Resolution Windthorst zeigte, in welcher die Bereitschaft, Maßregeln der Regierung zur Bekämpfung des Sklavenhandels und der Sklavenjagden zu unterstützen, ausgesprochen wurde. Daraufhin forderte die Regierung 2 Mill. M für die Bekämpfung des Sklavenhandels und zum Schutze der deutschen Interessen in Ostafrika (Ges. vom 2. Febr. 1889, sog. Lex Wissmann), denen bald weitere Millionen folgten. Hatte die Regierung auch in der Begründung ihrer Forderung erklärt, daß sie an den Grundsätzen ihrer Kolonialpolitik festhalte, und es sich nur um die Ehrenpflicht handle, an der Beseitigung der Sklaverei mitzuarbeiten, so ist doch klar, daß es sich um einen Wendepunkt der ganzen deutschen Kolonialpolitik gehandelt hat, da zum erstenmal erhebliche Summen für deren Zwecke gefordert und bewilligt wurden, und da die Weiterentwicklung mit Notwendigkeit dazu führte, an die Stelle der Verwaltung durch die Ostafrikanische Gesellschaft die des Reiches zu setzen (s. Kolonialpolitik Bismarcks und Kolonialpolitik Deutschlands). Die Niederwerfung des ostafrikanischen Aufstandes durch Wissmann und die daran sich anschließenden Maßregeln im Innern (Emin Paschas [s.d.] Expedition, Besetzung Taboras) gehören, wie in den Bereich der Kolonialpolitik, so in den der A. Über die weiteren staatlichen Maßregeln gegen den Sklavenhandel zur Ausführung der Beschlüsse der Brüsseler Konferenz und gegen die Sklaverei überhaupt siehe diese beiden Artikel. Nur erwähnt sei, daß in den Zusammenhang der A. auch der Kampf gegen den Branntwein- und gegen den Waffenhandel gehören (s. Alkohol und Feuerwaffen). Die A. führte über die staatlichen Maßregeln hinaus zu privaten Unternehmungen, um den Sklavenhandel an den Seen zu unterdrücken. Die Mittel dazu wurden 1918/19 durch die A. - Lotterie aufgebracht, die mit dem Ergebnis sonstiger Sammlungen 2,1 Mill. M ergab. Die Ausführungskommission hat eine Anzahl Expeditionen ins Innere Afrikas veranlaßt, die der Erforschung des Landes zugute gekommen sind, auch bei den Kämpfen um Tabora 1892 Dienste geleistet haben. Sie hat Segelboote auf den Victoriasee gesetzt, vor allem durch Wissmann einen Dampfer auf den Njassasee bringen lassen, eine Expedition, die zur Begründung der deutschen Herrschaft am Njassa und am Tanganjika wesentlich beigetragen hat und der dann die Verbringung eines Dampfers auch auf den Tanganjikasee folgte. Am 11. Nov. 1893 schloß das Komitee seine Tätigkeit ab und übergab die in seinem Besitz befindlichen Gegenstände dem Reiche zur weiteren Förderung der Zwecke der A. - S. a. Sklaverei, Sklavenhandel, Brüsseler Antisklaverei-Konferenz, Afrikaverein deutscher Katholiken.

Rathgen.