Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 65

Anzer, Johann Baptist von, S. V. D., katholischer Missionsbischof von Südschantung (China) bis zu seinem Tode (1903). Geb. am 16. Mai 1851 zu Weinrieth (Bayern), schloß er sich als Theologiestudierender der 1875 in Steyl für die Missionen gegründeten Gesellschaft des Göttlichen Wortes (s.d.) an, wurde 1876 zum Priester geweiht und reiste 1879 nach Hongkong in China. 1882 übernahm er zunächst als apostolischer Präfekt den neuen Sprengel Süd-Schantung, der damals erst ca. 150 Christen zählte. Trotz der von den chinesischen Literaten und Beamten in den Weg gelegten unsäglichen Hindernisse machte unter seiner Leitung die inzwischen (1886) zum apostolischen Vikariat erhobene Mission, deren bischöfliche Residenz er von dem unbedeutenden und sehr entlegenen Puoly 1892 nach der Großhandelsstadt Tsining und 1896 nach Yentschoufu, der Hochburg des Heidentums und heiligen Stadt des Konfutse verlegte, rasche und große Fortschritte; er selbst wurde 1895 vom Kaiser durch Verleihung des roten Knopfes zum Großmandarin II. Kl. erhoben und damit den Vizekönigen gleichgestellt. Auf Anregung des deutschen Gesandten in Peking (von Ketteler) tauschte er 1890 das französische Protektorat mit dem deutschen ein, was nicht wenig zum Schutz und Gedeihen der Mission beitrug. Die Ermordung der beiden Patres Nies und Henle 1897 hatte jene berühmte Reise A.s von Steyl nach Berlin zur Folge, die für die deutsche Marineexpedition nach Tsingtau und die Besitzergreifung der Bucht von Kiautschou von besonderem Einfluß war. Als A. auf einer Missionsreise in Rom am 24. Nov. 1903 starb, hinterließ er 26000 Christen und 40000 Katechumenen. In Anbetracht seiner Verdienste war er von China wie vom Deutschen Reich durch hohe Orden ausgezeichnet und vom bayrischen Prinzregenten geadelt worden.

Literatur: Lebensbild von Anzers, Steyler Missionsbote 1904, 60 ff.