Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 67 f.

Araber (s. Tafel 7) kommen in Deutsch- Ostafrika und im Tsadseegebiet vor. In Deutsch-Ostafrika unterscheidet man zwei Klassen von A., die aus Maskat und Oman und die aus Hadramaut. Die Maskat-A. sind ein vornehmes Herrengeschlecht. Sie sind vom Ende des 17. Jahrh. ab in Sansibar und an der Küste vertreten. Ihrem Volkstum gehört die Dynastie der Sansibarsultane an. Dem Glauben nach sind sie ibaditische Mohammedaner (s. Ibaditen). Der von ihnen gesprochene Dialekt ist von Carl Reinhardt, Ein arabischer Dialekt gesprochen in Oman und Zanzibar (Lehrbuch Orient. Seminar XIII), Stuttg. 1894, zur Darstellung gebracht. Bilden die Oman-A. die soziale Oberschicht der Eingeborenen unseres Schutzgebietes, so sind die Hadramaut-A. viel weniger angesehen. Diese armseligen Leute - auch physisch den Maskat-A. unterlegen - werden nach Schihr, der Hafenstadt ihrer Heimat, in Ostafrika meist Schihiri genannt. Als Kleinhändler und Handwerker sitzen sie seit undenklichen Zeiten an der ostafrikanischen Küste, und sie sind es, denen die Islamisierung zuzuschreiben ist. Es sind orthodoxe Mohammedaner des schafiitischen Ritus (s. Islam). Ihr Wandertrieb hat sie über alle Küstengebiete des Indischen Ozeans verbreitet. Für die Holländer in Niederländisch- Indien ist die Invasion dieser A. eine wichtige Frage der Eingeborenenpolitik. Daher stammen die besten Informationen aus holländischen Quellen, z. B. L. W. C. van den Berg, Le Hadramout et les Colonies Arabes dans l'Archipel Indien, Batavia 1886. Über ihre Sprache vgl. Le comte de Landberg, Études sur les dialectes de l'Arabie meridionale I Hadramout, Leiden 1901, und zahlreiche kleine Studien von C. Snouck Hurgronje. Auch in Deutsch-Ostafrika hat die A.herrschaft der Regierung viel zu schaffen gemacht; denn in ihren Händen lag der Sklavenhandel bis weit in das Kongogebiet hinein. Ihre Hauptniederlassung in Deutsch-Ostafrika war Tabora. Als die deutsche Herrschaft ihnen das Handwerk zu legen begann, organisierten sie den großen A.aufstand (s.d.) 1888/89 unter Buschiri (s.d.). Dann haben sie sich in die neuen Verhältnisse gefunden. Im Aufstande 1905/06 haben sie keine Rolle mehr gespielt. Natürlich muß die Regierung stets ein wachsames Auge auf diese Fremdbevölkerung haben. Besonders neu aus Arabien einwandernde Elemente, die sich durch Zauberpraktiken (Dawa-Dawa-machen, s. a. Abjed) Einfluß zu schaffen versuchen, bedürfen der Aufsicht. Solchen Elementen ist in den letzten Jahren gelegentlich das Handwerk gelegt worden. - Über die A. des Tsadseegebietes ist man - nach den grundlegenden Forschungen von Barth (s.d.) und Nachtigal (s.d.) - in neuerer Zeit gut nur über die französische Einflußsphäre orientiert. Doch gibt es A. auch auf deutschem Gebiet, die reichsten Stammgruppen sitzen in Englisch- Bornu. Wenn man von den rätselhaften Halb-A., die sich Tundjer nennen und den erst im 19. Jahrh. aus Tripolis durch die Sahara nach Kanem eingewanderten Aulad Soliman - auch Wassili genannt - absieht, bleiben als Gros der Tsadsee-A. die Schoa oder Schua, die einzigen A., die als "Arab" bezeichnet werden. Auch diese bilden keine einheitliche Gruppe; sie bestehen aus den von Osten (Ägypten-Kordofan-Darfur-Wadai-Kanem-Bornu) eingewanderten Djuhaina und den von Norden (Tripolis) aus vorgestoßenen Hassanua, die sich besonders im Westen des Tsadsees vorfinden. Die Hauptmenge stellen die Djuhaina; als Stammname kommt Djuhaina allerdings kaum mehr vor, aber alle die großen Einzelgruppen der Djusm, Hemat, Ssalamat, Eregat, Missirijje, Risegat usw. haben die gemeinsame Überlieferung von Abdullah al-Djuhaini abzustammen und von Osten eingewandert zu sein. Französische Aufnahmen im Tsadseegebiet (Carbou, La Région du Tshad et du Ouadai II, Paris 1912) und englische in Kordofan (MacMichael, The Tribes of Northern and Central Kordofan, Cambridge 1912) gestatten eine genaue Feststellung ihrer genealogischen Zusammenhänge und ihrer Geschichte. Diese noch heute lebendigen und zuerst von Nachtigal erkundeten Zusammenhänge ermöglichen dann weiter eine Anknüpfung an die altislamische Geschichte (Kampffmeyer in Mitt. d. Orient. Sem. II, 2. Abt. 143 ff; Becker in Der Islam I, 155 ff). Mögen einzelne Stämme schon sehr früh über die Wüstenstraßen vorgestoßen sein, der Hauptvorstoß von Ägypten nach dem Sudan ist erst im 11. bis 13. Jahrh. erfolgt. Schon bei ihrer Auswanderung aus Ägypten waren es keine reinen A., sondern zum großen Teil arabisierte Berber. Sie sind als Kamelzüchter mit heller Hautfarbe in den Sudan eingewandert, haben sich dann aber dort stark mit schwarzem Blut vermischt, am meisten die, welche nach dem Sudan vorstießen und hier auch zur Wirtschaftsform der Hirten des Sudans, zur Rinderzucht, übergehen mußten. So finden sich die gleichen Stammesnamen bei den Abbala (Kamelzüchtern) und den Baggara resp. Bakkara (Rinderzüchtern); letztere sind schwärzer, ja ganz schwarz, gelöster von arabischer Sitte und lauer im Islam als die "roten" Abbala. Ihre Sprache ist überall noch das Arabische, das jedoch seine Reinheit, namentlich bei den übrigens häufig mehrsprachigen Baggara, stark eingebüßt hat. Trotzdem steht die Beziehung zum ägyptischen Dialekt außer Zweifel. Auch für Deutsche geeignet ist das Handbuch von Carbou, L'Arabe parlé au Ouaday et à l'Est du Tchad, Paris 1913. In der Sprache unterscheiden sich von den Djuhaina nur wenig die Hassanua, als deren Eponymus Hassan al Gharbi gilt. Sie haben sich verhältnismäßig rein erhalten; sie sind wohl später eingewandert, als die Djuhaina, aber man weiß nichts Genaues über ihre Geschichte. Beide Gruppen haben sich durcheinandergeschoben. Die starke arabische Einwanderung nach dem Westsudan (Timbuktu) ist nie bis an den Tsadsee gelangt. Die Kulturbedeutung der A. im zentralen Sudan erhellt am deutlichsten aus der Tatsache, daß die Arabische Sprache dort zum Organ des schriftlichen Verkehrs geworden ist. Die Korrespondenz aller Sultane jener Länder sowohl untereinander wie mit den Europäern wird auf arabisch geführt, und Arabisch wird auch als gesprochene Sprache von vielen eingeborenen Stämmen benutzt oder doch verstanden.

C. H. Becker.