Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 68 ff.

Araberaufstand. Bereits bei Abschluß des Zoll- und Küstenvertrages vorn 28. April 1888, durch welchen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (s.d.) vom Sultan von Sansibar die Verwaltung der ostafrikanischen Küste und die Erhebung der Zölle übertragen erhalten hatte, waren Zweifel darüber aufgetaucht, ob die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft die dieser übertragenen Hoheitsrechte über die Küste auf die Dauer würden ausüben können. Die Araber (s.d.) Ostafrikas sahen in der Ausübung der Souveränität durch die Gesellschaftsbeamten im Namen des Sultans von Sansibar nur den Anfang einer völligen Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft und fürchteten durch zu scharfes Vorgehen der neuen Beamten gegen den Sklavenraub eine ihrer Haupterwerbsquellen zu verlieren. Dazu kam die Konkurrenz der Europäer auf kaufmännischem Gebiete, welche das Jahrhunderte alte Monopol der Araber im Handel mit Elfenbein, Kautschuk usw. zu vernichten drohte. Die Furcht vor europäischer Konkurrenz sowie die finanzielle Abhängigkeit der meisten Araber von den in Ostafrika lebenden Indern (s.d.) bestimmte auch letztere ihre Schuldner bei einem Aufstand zu unterstützen, wenn auch nicht öffentlich, so doch durch heimliche Lieferung von Waffen und Munition. Hinzu traten die eingeborenen Machthaber der Küstenplätze, welche bisher bedeutende Nebeneinnahmen durch Erhebung von Tribut von den ankommenden Karawanen gehabt hatten, da diese bei Übergang der Verwaltung an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft fortfallen mußten. Auf diese Weise in ihrer Existenz bedroht, verbanden sich die Araber mit den Indern und den eingeborenen Großen des Landes zur gemeinsamen Abwehr. Um auch die Masse der Bevölkerung in ihre Hand zu bekommen, wurde sie durch einige geschickte Führer mittels künstlicher Hereinziehung des religiösen Moments gegen die Fremden und Ungläubigen aufgewiegelt. Der Deutsch- Ostafrikanischen Gesellschaft standen als einziges Machtmittel die unter den Walis und Akiden der Küstenplätze stehenden Sultanstruppen zur Verfügung; von ihnen schloß sich jedoch ein großer Teil bald den Unzufriedenen an. So kam es Mitte August 1888 bei dem Inkrafttreten des Vertrages mit dem Sultan von Sansibar an den Küstenplätzen fast überall zu Unruhen. Den Anfang machten die Bewohner von Pangani, als der dortige Stationschef die Landung einer größeren Pulvermenge verbot. Die Bevölkerung rottete sich zusammen und setzte die Gesellschaftsbeamten gefangen. Erst einige Tage später konnten sie durch Truppen des Sultans von Sansibar befreit werden. Dasselbe Schicksal teilten die Beamten in Tanga; sie mußten von dem Kreuzer "Möve" mit Waffengewalt befreit werden. In dem damaligen Hauptplatz der Küste, Bagamojo, wo die Hissung der Gesellschaftsflagge am 16. August zunächst ohne Schwierigkeiten erfolgt war, spitzten sich die Verhältnisse allmählich so zu, daß am 22. September eine Menge Unzufriedener das Haus der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu stürmen versuchte. Sie wurden aber mit Unterstützung des Kreuzers "Leipzig" zurückgeschlagen. Auch konnte sich die Station unter fortwährenden Kämpfen bis zur Ankunft Wissmanns halten. Ebenfalls Daressalam konnte nur mit Hilfe deutscher Kriegsschiffe die Angriffe der Rebellen abschlagen. In Pugu bei Daressalam wurden im Januar 1889 drei Angehörige der katholischen Mission, welche sich trotz dringender Warnung nicht in Sicherheit gebracht hatten, ermordet. Die Stationen im Innern waren bis auf Mpapua bereits bei Ausbruch der Unruhen aufgegeben worden und fielen zum Teil mit Geschützen und Gewehren in die Hände der Aufständischen. - Im Süden des Schutzgebiets begannen die Feindseligkeiten Mitte Dezember 1888. In Lindi und Mikindani konnten sich die Gesellschaftsbeamten noch im letzten Augenblick retten. In Kilwa wurden die Vertreter der Deutsch- Ostafrikanischen Gesellschaft Krieger und Hessel in ihrem Hause umzingelt und nach längerer Belagerung getötet. Inzwischen hatte sich die Deutsch- Ostafrikanische Gesellschaft um Hilfe an das Deutsche Reich gewandt. Letzteres schloß zunächst im November 1888 ein Abkommen mit England und Portugal, um die Ostküste gegen die Einfuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von Sklaven blockieren zu können. Durch Gesetz vom 30. Jan. 1889 wurde sodann für Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutze der deutschen Interessen in Ostafrika ein Betrag von 2 Mill. M zur Verfügung gestellt. Die Ausführung der erforderlichen Maßregeln wurde dem damaligen Premierleutnant Hermann Wissmann (s.d.) als Reichskommissar übertragen. - Wissmann hatte bereits auf drei großen Expeditionen die afrikanischen Verhältnisse kennen gelernt. Zur Niederwerfung des Aufstandes warb er in Ägypten 650 Sudanesen und in Mozambique 350 Sulus an. Dazu kamen ca. 80 Eingeborene Askaris, welche in Bagamojo und Daressalam noch im Dienste der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft standen, und 40 Somalis als Mannschaft für die Flotille. Als Führer dieser Truppen traten 25 deutsche Offiziere, Ärzte und Beamte, 7 Deckoffiziere und 56 Unteroffiziere in die persönlichen Dienste Wissmanns. Für den Verbindungsdienst zwischen Sansibar und der Küste und für die Truppentransporte zwischen den einzelnen Küstenplätzen wurden in Deutschland vier kleine Dampfer angekauft. Außerdem wurden die Schiffe des deutschen Blockadegeschwaders unter Admiral Deinhard (s.d.) angewiesen, die Operationen des Reichskommissars auf dessen Ersuchen zu unterstützen. Bald nach seiner Ankunft in Sansibar wurden Wissmann von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft die einzigen noch in ihren Händen befindlichen Stationen Bagamojo und Daressalam übergeben. Die ganze Küste wurde unter seinen unmittelbaren Befehl gestellt, nur die Zollverwaltung verblieb den Gesellschaftsbeamten. Am 6. Mai 1889 hatte Wissmann seine Truppen in Bagamojo versammelt. Sofort ging er gegen den Hauptrebellenführer, Buschiri, vor. Dieser hatte sich gleich im Anfang des Aufstandes an die Spitze der Unzufriedenen gestellt und war mit 800 Mann von Pangani über Sadani nach Bagamojo gezogen, um sich hier mit den aufständischen Jumben der Umgebung dieses Platzes zu vereinigen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Station zu nehmen, hatte er sich in ihrer Nähe beim Dorfe Kaule verschanzt und brandschatzte von hier aus die Umgebung. Bereits am 8. Mai griff der Reichskommissar mit- Unterstützung von 200 Marinesoldaten das feste Lager Buschiris an und nahm es im Sturm. Buschiri selbst entkam jedoch in das Innere. Einige Tage später wurden die vor Daressalam lagernden Aufrührer in mehreren Gefechten zerstreut und die Umgegend der Station beruhigt. In Sadani und Uwindje hatte sich ein anderer Führer des Aufstandes, der Useguhahäuptling Bana Heri (s.d.), verschanzt; seine Leute hatten im Januar 1889 den aus dem Innern an die Küste ziehenden englischen Missionar Brooks ermordet. Gegen ihn wandte sich Wissmann am 6. Juni mit 500 Mann. Das Lager bei Sadani wurde erobert und zerstört, nachdem die Kriegsschiffe Möwe, Leipzig, Schwalbe und Pfeil von der Reede aus durch Beschießung der gegnerischen Befestigungen den Angriff vorbereitet hatten. Auch Uwindje fiel an demselben Tage nach geringem Widerstand. Nun ging man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Norden vor. Am 9. Juli gewann Wissmann nach hartnäckigem Kampfe Pangani zurück. Am nächsten Tage vertrieb ein Landungskorps der Marine die Aufständischen aus Tanga. Beide Plätze wurden durch befestigte Stationen gesichert. Nachdem so die nördlichen Küstenplätze im wesentlichen beruhigt waren, machte sich Wissmann daran, die Verkehrswege nach dem Innern zu sichern. Er säuberte zunächst die weitere Umgegend von Bagamojo, wo sich die mit Buschiri geschlagenen Jumben wieder festgesetzt hatten. Alsdann marschierte Wissmann nach Mpapua, baute die von dem ins Innere geflüchteten Buschiri zerstörte Station wieder auf und legte zur Sicherung des Handelsverkehrs eine größere Besatzung hinein. Während des Aufenthalts Wißmanns in Mpapua hatte Buschiri unter den Mafiti mehrere tausend Anhänger gefunden und marschierte mit diesen zur Küste. Er wurde jedoch mit seinem Anhang von einem Expeditionskorps von ca. 90 Mann unter von Gravenreuth (s.d.) in der Kinganiebene unter großen Verlusten geschlagen. Buschiri mußte sich mit wenigen Getreuen nach Norden flüchten. Anfang Dezember wurde er in Kwamkoro von Eingeborenen gefangen genommen und ausgeliefert. Er wurde, zum Tode verurteilt, am 15. Dez. 1889 gehängt. - In dem Hinterland von Sadani hatte sich inzwischen Bana Heri wieder festgesetzt und beunruhigte von hier aus die Umgegend. Gegen ihn ging nach der Rückkehr Wissmanns an die Küste im November 1889 von Zelewski (s.d.) vor. In mehreren erfolgreichen Gefechten wurden einzelne Abteilungen der Aufrührer geschlagen, ohne daß es jedoch gelang, die Hauptstellung Bana Heris ausfindig zu machen. Erst Ende Dezember stieß ein Expeditionskorps unter Rochus Schmidt (s.d.) auf die außerordentlich starken Befestigungen des Rebellenführers unweit Membule. Wissmann griff sie mit allen verfügbarenTruppen, im ganzen 500 Mann, 40 Europäern und 5 Geschützen, an und nahm sie nach zähem Widerstande am 4. Jan. 1890 ein. Nach einer weiteren Niederlage bei Palamakaa am 8. und 9. März 1890 war die Macht Bana Heris gebrochen. Aller seiner Hilfsmittel beraubt, unterwarf er sich am 6. April. Damit war der Aufstand im Norden niedergeschlagen. - Nach erneuter Anwerbung von 600 Sudanesen ging Wissmann an die Unterwerfung des Südens. Seine Bemühungen, die dortigen Küstenstädte durch friedliche Verhandlungen zur Unterwerfung zu bringen, waren nur in Mikindani und Ssudi erfolgreich. In Kilwa-Kiwindje und Lindi hatte die Kriegspartei die Oberhand behalten. Der Reichskommissar ging zunächst mit drei Bataillonen gegen Kilwa vor. Er schiffte sich in Daressalam auf dem Kriegsschiff "Schwalbe", dem Sultansdampfer "Barawa" und dem Flottillendampfer "Harmonie" ein. Nach stürmischer Fahrt wurden die Truppen bei Kilwa Kissiwani gelandet. Von hier aus rückten sie auf dem Landwege unter fortwährenden Gefechten gegen Kilwa Kiwindje vor. Die Rebellen hatten jedoch bei seiner Ankunft am 4. Mai die Stadt bereits verlassen, entmutigt durch das Bombardement des seit dem 1. Mai auf der Reede liegenden Kriegsschiffs "Carola", und waren in das Hinterland geflüchtet. Wissmann ließ in der schnell angelegten befestigten Station 2 Kompagnien und 2 Geschütze zurück und traf am 10. Mai vor Lindi ein. Auch diese Stadt wurde nach geringem Widerstand seitens der Bewohner besetzt. In Lindi wurde ebenfalls eine befestigte Station angelegt und mit 2 Kompagnien und 6 Geschützen besetzt. So war Mitte Mai 1890 der Aufstand auch im Süden des Schutzgebiets im wesentlichen niedergeschlagen. In der Folgezeit gelang es den Leitern der Küstenstationen, auch die Bewohner des Hinterlandes durchweg auf friedlichem Wege zur Unterwerfung zu bringen.

R. v. Spalding.