Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 71 ff.

Arbeiter. 1. Allgemeines. 2. Größe des Bedarfs. 3. Beschaffung. 4. Wanderarbeit.

1. Allgemeines. Wirtschaftliche Betriebe, die über den Umfang des Familienbetriebes hinausgehen, bedürfen zur Unterstützung des Betriebsleiters weiterer Arbeitskräfte. Nach Beseitigung der Unfreiheit können dies nur Lohnarbeiter sein. Ihre Beschaffung ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kolonialwirtschaft, da sie die Grundlage aller Nutzbarmachung von Kolonien sind. In Neuländern gemäßigter Klimata mit ganz geringer Bevölkerung, wie in Nordamerika, Australien, Argentinien, ist es die Aufgabe der Einwanderungspolitik, die nötigen Arbeiter heranzuziehen. In Kolonien mit eingeborener Bevölkerung muß der Arbeiterbedarf aus dieser gedeckt werden, nicht bloß in ungünstigen Klimaten, weil der Weiße in seiner Lebenshaltung mit den Farbigen nicht konkurrieren kann. Nicht nur da, wo das Klima schwere körperliche Arbeit des Weißen nicht erlaubt, sucht man dem Mangel an eingeborenen farbigen Arbeitskräften durch Heranziehung fremder Farbiger abzuhelfen (s. Kuli). Nur höherstehende, gelernte Arbeit wird von Weißen verrichtet, und die Tendenz besteht überall, auch hierfür die billigen und fügsamen Farbigen zu verwenden. Das ist der Zustand, der auch in sämtlichen deutschen Schutzgebieten besteht. Die Beschaffung der nötigen Arbeitskräfte ist die Lebensfrage vor allem für die Entwicklung der großen und mittleren Betriebe in der Landwirtschaft, dem Bergbau und dem Verkehrswesen. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte gibt das Maß für die Entwicklungsmöglichkeiten.

2. Größe des Bedarfs. In den tropischen Kolonien Afrikas spielt neben dem Arbeiterbedarf der Pflanzungen eine besondere Rolle die Notwendigkeit, alle Warentransporte durch Menschenkraft besorgen zu lassen, da die Verwendung von Last- und Zugtieren in weiten Gebieten auch nach dem Bau von Straßen nur begrenzt möglich ist. Mit der Zunahme des Warenverkehrs sind immer größere Trägermengen nötig geworden. Vor der europäischen Herrschaft lieferten die Sklavenjagden die nötigen Träger. Mit deren Bekämpfung versiegte diese Quelle, und es wurde nötig, die Träger durch Arbeitsverträge zu gewinnen. An den wichtigsten Verkehrswegen trat zuerst ein größerer Bedarf an Menschenkraft auf, die einen großen Teil der männlichen Bevölkerung, wenn auch immer nur zeitweise, in Anspruch nahm, was gelegentlich zu wirklicher Schädigung der Bevölkerung geführt hat. In Kamerun ergibt sich aus der Größe der Transporte, daß 1911 etwa 12000 Träger für die kaufmännischen Firmen regelmäßig beschäftigt waren. Durch den Eisenbahnbau wird das Trägerwesen mit seinen Mißständen zurückgedrängt. In Deutsch-Ostafrika nimmt man an, daß 50000- 80000 Träger, die zur Küste gingen, frei werden. Der Eisenbahnbau selbst nimmt große Arbeitermengen in Anspruch, aber doch nur vorübergehend (in Deutsch-Ostafrika 1911 ca. 22000 beim Bau, 5400 beim Betrieb, in Kamerun etwa 8000). Dauernd steigt der Bedarf an Arbeitern für die landwirtschaftlichen Betriebe, wie am auffälligsten ist bei den Pflanzungen, die regelmäßig Großbetriebe sind. Ein großer Bedarf besteht für deren Anlage, bei den meisten Produkten aber auch weiterhin für die Instandhaltung und für die Gewinnung der Produkte. Von wichtigen Pflanzungen sind es wesentlich nur die von Kokospahnen, die einen relativ geringen Bedarf an dauernden Arbeitskräften haben. Je mehr die Pflanzungen sich ausdehnen, wächst mit der Ertragsfähigkeit der Bedarf an Arbeitern, die ständig zur Verfügung stehen müssen. Die Zahl der Arbeiter wird in Deutschlands Schutzgebieten 1913 für Deutsch- Ostafrika auf 83366 (1909: 32000), für Kamerun auf 17827 (1909: 8200), für die Schutzgebiete der westlichen Südsee auf 15116 (1909: 8500), für Samoa auf 2118 angegeben, während es in Togo, dem Gebiet der vorherrschenden Eingeborenenkulturen, nur 841 sind. Die Zahl aller Pflanzungsarbeiter stieg von 1909/13 von 51000 auf 119 000. Im Bergbau waren 1911 in Deutsch-Neuguinea 1200, in Deutsch- Ostafrika 1912 in allen europäischen Betrieben durchschnittlich 140000 Arbeiter beschäftigt. In Deutsch-Südwestafrika kommen als Großbetriebe vor allem die bergbaulichen Unternehmungen (Kupfer im Norden, Diamanten [s.d.] im Süden) in Frage.

3. Beschaffung. Die Deckung solchen Bedarfes an farbigen A. macht keine Schwierigkeiten in Kolonien mit dichter Bevölkerung, die an Lohnarbeit gewöhnt ist, z.B. in Gebieten mit indischer oder chinesischer Bevölkerung. In den deutschen Schutzgebieten, ausgenommen Kiautschou, lagen solche Voraussetzungen nicht vor. Nirgends war die Bevölkerung mit regelmäßiger, meist überhaupt nicht mit Lohnarbeit bekannt, auch wo sie für die Deckung des eigenen Lebensbedarfes tätig und arbeitsam war. Vielfach ist die Feldarbeit ganz den Frauen überlassen. Fast überall war die Bevölkerung spärlich und daher die Zahl der Leute, die zur Lohnarbeit in europäischen Unternehmungen gewonnen werden konnte, gering. Schon dieser Umstand macht es schwer, einen etwas größeren A.bedarf aus der Nachbarschaft der Betriebe zu decken. Die Schwierigkeit ist aber dadurch gesteigert, daß solche Großbetriebe sich auf engem Raume zusammendrängen, in Kamerun am Abhange des Kamerunberges, in Deutsch-Ostafrika im Nordosten des Schutzgebietes, in den Bezirken Tanga, Pangani und Wilhelmstal. Von den auf Pflanzungs-, Farm- und Industriebetrieben Deutsch-Ostafrikas beschäftigten 91892 A. kamen 1912 auf diese drei Bezirke allein 52 465. Hier im Nordosten Deutsch-Ostafrikas kommt noch hinzu, daß diese Gebiete ganz besonders arm an Bevölkerung waren. Ebenso liegt es in Deutsch- Neuguinea. Dagegen entstehen in Samoa die Schwierigkeiten aus der unüberwindliehen Abneigung der Bewohner gegen Lohnarbeit, während in den übrigen Schutzgebieten in dieser Beziehung große Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkerschaften bestehen. In Deutsch- Südwestafrika besteht direkt Menschenmangel. Wo also nicht die Zahl der Pflanzungen im Verhältnis zur örtlichen Bevölkerung gering ist, wie im Süden Deutsch-Ostafrikas, ist man überall genötigt gewesen, mindestens einen Teil der A. aus größeren Entfernungen heranzuziehen.

4. Wanderarbeit. Die A. der großen Unternehmungen sind also größtenteils Wander-A. Daß es insbesondere in Afrika gelingt, solche in größerer Zahl zu gewinnen - man bedenke, daß sie allein im Bergbau Transvaals allmählich auf etwa 200000 gestiegen ist - hängt mit der noch geringen Seßhaftigkeit der Eingeborenen zusammen. Gefördert ist die Bereitwilligkeit, auf große Entfernungen auf Arbeit zu gehen, zuerst durch das Trägerwesen (s.d.), das mit seiner Ungebundenheit den Neigungen der Eingeborenen entsprach. Immerhin ist es erstaunlich, daß im tropischen Afrika so große Mengen von Wander-A. zu gewinnen sind, wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten solche Wanderungen mit ihrer Gefährdung von Leben und Gesundheit mit sich bringen. Das zeigt, daß der Erwerbstrieb schon stark geweckt ist. Eine Erleichterung der Anwerbung bedeutet es, daß vielfach die Häuptlinge sich einen Teil der Ersparnisse der A. aneignen und dadurch an der Wanderarbeit interessiert sind (z.B. bei den Ovambo [s.d.], in der Südsee).- Die Bereitwilligkeit, sich auf größere Entfernungen und auf längere Zeit zu verdingen, ist bei den verschiedenen Völkerschaften sehr verschieden. Seit langer Zeit sind an der afrikanischen Westküste die Kru-Neger aus Liberia als kräftige A. beim Löschen und Laden der Schiffe und im Betriebe der Handelsfaktoreien verwendet worden. In Kamerun kommen die Pflanzungs-A. namentlich aus den Bezirken im Norden des Kamerunberges, während die Neger aus dem Grasland nicht an der Küste arbeiten. Weiter im Süden werden auch Jaunde (s.d.) verwendet. In Deutsch-Südwestafrika kommen die Berg-A. vorzugsweise aus dem Ambolande, während die Eingeborenen des Südens und der Mitte mehr als Viehwächter und als Gesinde Verwendung finden. In Deutsch-Ostafrika sind es namentlich die Wanjamwesi (s.d.), dann auch die Wassukuma (s.d.), die große A.mengen stellen. Ob die Hoffnungen auf A.zuzug aus den dichtbevölkerten Landschaften Ruanda und Urundi nach der Erschließung durch Eisenbahnen sich verwirklichen werden, bleibt abzuwarten. In der Südsee rekrutieren sich die Wander-A. vornehmlich aus den Salomoninseln, Neumecklenburg, Neuhannover und einigen anderen Inselgruppen des Bismarckarchipels, in geringer Zahl aus Kaiser-Wilhelmsland. Beim Abbau der Phosphate (s.d.) auf Nauru und Angaur werden Karoliner und Chinesen (s. Kuli) beschäftigt. Landfremde Farbige Kontrakt-A. sind bisher meist nur versuchsweise, auf Pflanzungen regelmäßig nur in Samoa verwendet, 1912 gegen 1600 Köpfe (s. Kuli), bei den Bahnbauten und sonst in Südwest auch farbige A. aus der Kapkolonie. Die Tatsache, daß die großen Unternehmungen, namentlich auch die Pflanzungen, Wander-A. beschäftigen müssen, hat mancherlei Schwierigkeiten im Gefolge. Sie liegen zunächst in der Tatsache, daß eine besondere Organisation für die Anwerbung nötig ist. Diese, sowie die Beförderung zu und von dem Beschäftigungsort macht besondere Kosten (in Kamerun ca. 10 M für den Kopf, in Deutsch-Ostafrika meist höher), ebenso wie die Unterbringung und Beköstigung der Leute. Dem steht gegenüber, daß Tagelöhner aus der Nachbarschaft wohl meist höheren Geldlohn beanspruchen, wenn sie auch im ganzen billiger zu stehen kommen. Die Anwerbung selbst führt leicht zu erheblichen Mißständen. Sie ist in den Anfängen regelmäßig ein besonderes Gewerbe, dem sich leicht gewissenlose und gewalttätige Menschen zuwenden, die Personen gegen ihren Willen fortschleppen, sie nach anderen Orten bringen, als wofür sie sich verdungen haben, die gemachten Versprechungen nicht halten. Dadurch werden dann die Eingeborenen in Zukunft abgeschreckt, sich anwerben zu lassen. Zuweilen haben sie sich durch Gewalt und Mord gerächt. Zum mindesten muß dieses Gewerbe strengen Kontrollen unterworfen werden, damit es nur von vertrauenswürdigen Personen geübt wird. Besser ist es schon, wenn die Anwerbung durch die Angestellten der Pflanzungen selbst besorgt wird, wie in Kamerun und jetzt größtenteils in der Südsee, wobei freilich die kleineren Unternehmer im Nachteil sind. Bei starkem A.bedarf wird die Konkurrenz der Anwerber auch leicht die Löhne zu sehr in die Höhe treiben, worüber namentlich in Deutsch- Ostafrika geklagt wird. Vorgeschlagen ist daher eine Zentralisierung der Anwerbung durch eine gemeinschaftliche Organisation der Interessenten (wie mehrfach in Britisch-Südafrika) oder durch die staatliche Verwaltung, wie 1911 in Deutsch-Südwestafrika für die Anwerbung der Ovambo (s.d.) und bei der der Chinesen für Samoa geschehen ist. Sind die A. in großer Entfernung von der Arbeitsstätte geworben, so entstehen durch den Transport weitere Ausgaben für die Aufsicht, mag er sich nun zu Schiff vollziehen, wie in der Südsee, oder über Land, wie in Afrika. Ernährung und Gesundheit der Wander-A. muß sichergestellt, die Verbreitung von Krankheiten durch sie verhindert werden. Auch im Interesse der Arbeitgeber liegt solche Kontrolle, da sonst leicht die A. in entkräftetem Zustande ankommen. Durch die Eisenbahnen wird hier vieles erleichtert. Ein Nachteil der Wanderarbeit ist, daß die A. vielfach nicht auf lange Zeit sich verpflichten, so daß die angelernten Leute immer wieder weggehen, weil sie nicht zu lange von ihrer Heimat wegbleiben wollen. In Deutsch-Ostafrika, in Kamerun, mit den Ovambo in Deutsch-Südwestafrika sind bisher Verträge auf 6 Monate (resp. 180 Arbeitstage) die Regel, während in der Südsee dreijährige Verträge, namentlich mit den Melanesiern (s.d.) des Bismarckarchipels häufig sind. Vielleicht können durch höhere Löhne die einmal angelernten Leute mehr als bisher zu längerem Dableiben oder zu regelmäßiger Wiederkehr veranlaßt werden. Jedenfalls ist es unzulässig, die Leute über ihre Verpflichtungszeit festzuhalten, wie früher gelegentlich geschehen ist. Wenn über das Schwanken der Zahl der verfügbaren Kontrakt-A. geklagt wird, so ist zu beachten, daß Tagelöhner aus der Nachbarschaft, wie sie in Deutsch-Neuguinea, in Kamerun, im Süden Deutsch-Ostafrikas vielfach verwendet werden, den Nachteil haben, daß sie zur Zeit ihrer eigenen Erntearbeiten auch nicht kommen. Auch die Behandlung der Kontrakt-A. während ihres Aufenthaltes auf der Arbeitsstätte, ihre Ernährung, Unterkunft, ärztliche Fürsorge bedarf der Aufsicht und fordert Aufwendungen. Schließlich muß die Rückkehr der A. in ihre Heimat sichergestellt sein. Man darf nicht vergessen, daß die Eingeborenen durch die Wanderarbeit mannigfach gefährdet sind. Sie sind empfindlich gegen ungewohntes Klima (daher auch, wo nötig, mit Kleidung und Decken zu versehen). Sie sind es auch gegenüber den ganzen veränderten Lebensbedingungen, der Ernährung, der Unterkunft, der Beschäftigung. So ist anfangs oft die Sterblichkeit außerordentlich groß gewesen und zuweilen jetzt noch übermäßig hoch, wenn sie im allgemeinen auch überall sehr zurückgegangen ist. Durch Beachtung dieser Dinge, durch Verminderung von Krankheiten und Sterblichkeit, durch loyale Behandlung wird nicht bloß eine Pflicht der Menschlichkeit erfüllt. Es wird auch die Bereitschaft der Eingeborenen, auf Arbeit zu gehen, dadurch gefördert. Auch durch Verwendung geeigneter Lohnformen (Akkordarbeit) kann das geschehen, und auf der anderen Seite, indem man für Unterhaltung und dem Eingeborenen liebe Vergnügungen sorgt. Allgemein wirkt dahin die Ausdehnung der Geldwirtschaft und die Weckung des Erwerbstriebs, wie das durch die allgemeine Hebung des Kulturniveaus, durch die Einführung von Steuern, durch Einwirkung auf die Häuptlinge, Jumben usw. gefördert werden kann. Am letzten Ende kommt es auf die Vermehrung der überhaupt noch so spärlichen Bevölkerung an, die durch die Befriedung, durch Hebung des Wirtschaftslebens, durch Bekämpfung der Hungersnöte, der Volkskrankheiten und der übermäßigen Sterblichkeit bewirkt wird. Mit der Zahl der Arbeitenden muß auch ihre Leistungsfähigkeit gesteigert werden durch regelmäßigere und bessere Ernährung, durch Verbesserung der primitiven Arbeitsmethoden, wie durch Gewöhnung an stetigere Arbeit. Für die deutschen Schutzgebiete in den Tropen ist die Konkurrenz mit den Pflanzungsgebieten Asiens und Amerikas so schwer, weil dort nicht nur reichlichere, sondern auch leistungsfähigere Arbeitskräfte vorhanden sind. - Zu erstreben ist, daß die Zahl der seßhaften, in der Nähe der Arbeitsstätte wohnenden A. vermehrt wird, wie überhaupt zu erstreben ist, die Eingeborenen seßhafter zu machen und dem Umherziehen entgegenzutreten. So ist auch zu versuchen, die Wander-A. seßhaft zu machen, ihre Frauen mit heranzuziehen, auch auf die Möglichkeit hin, daß ein Teil solcher Ansiedler nicht A. bleibt, sondern zu selbständigen Bauern wird, wie das mit angesiedelten Wanjamwesi in Usambara der Fall gewesen sein soll. Auch eine Heranziehung arbeitsamer farbiger Einwanderer fremder Rasse, wie das für die Südsee vorgeschlagen ist, kann in Betracht kommen. Einer Weiterausdehnung der Wanderarbeit sind gewisse Grenzen auch gezogen durch die Rücksicht auf die Bevölkerung und die Gegenden, aus der die Wander-A. stammen. Schon eine unangemessene und übermäßige Tätigkeit der Werber wirkt beunruhigend. Vor allem besteht aber die Gefahr, daß die wirtschaftlichen und sozialen Zustände in den Abwanderungsgebieten geschädigt werden. Wohl wird durch die Wanderarbeit die Bevölkerung aufgerüttelt, werden ihre Bedürfnisse und damit ihre Leistungen gesteigert, vielleicht verbesserte Arbeits- und Anbaumethoden in entlegenere Gegenden gebracht. Aber es darf auch nicht vergessen werden, daß lange Abwesenheit einer sehr großen Zahl von A. aus ihrer Heimat den Anbau von Nahrungsmitteln vermindert, die zurückbleibenden Frauen überlastet, den natürlichen Volkszuwachs hemmt, die Sitte und das Familienleben lockert. Auch Krankheiten, namentlich Geschlechtskrankheiten, werden durch die Wander-A. verbreitet. Es klingt doch bedenklich, wenn in der Denkschr. Schutzgeb. für 1908/09 aus Kamerun berichtet wird, daß in den Bezirken Rio del Rey, Ossidinge und Joh.- Albrechtshöhe bis zu einem Drittel der Arbeitsfähigen aus ihren Wohnsitzen abwesend sind. In Unjamwesi soll der Anbau von Feldfrüchten zurückgehen. Ähnliche Klagen kommen aus dem Amboland. In Neumecklenburg wird der Wanderarbeit der Rückgang der Bevölkerung zugeschrieben, was im Zusammenhang damit steht, daß von dort viele Frauen angeworben wurden. Wo in einer Gegend schon größere Unternehmungen sind, wehren diese sich, daß in ihrem Gebiet für andere angeworben wird. Die Kameruner verwahrten sich dagegen, daß bei ihnen für Deutsch-Südwestafrika geworben werde. Im Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea lehnt man die Wünsche der samoanischen Pflanzer ab. Alle Kolonialmächte erschweren oder verhindern die Rekrutierung von A. für fremde Kolonien. S. a. Arbeiterverhältnisse.

Literatur: Die allgemeinere Literatur über die Eingeborenenpolitik. - Zahlreiche Angaben in den amtlichen Denkschriften und Jahresberichten, namentlich seit 1907. - Die Arbeiterfrage in den Kolonien, Verhandlungen des Vorstandes des Kolonialwirtsch. Komitees 1912 Nr. 1. Dazu G. Hartmann, Die Arbeiterfrage in den Kolonien, Tropenpflanzer, 1912, 283 ff. - R. Thurnwald, Die eingeb. Arbeitskräfte im Südseeschutzgebiet, Kol. Rundsch. 1910, 607 ff. - E. Backhaus, Die Arbeiterfrage in der D. Südsee, Kolon. Abhandl. H. 26, 1909.

Rathgen.