Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 80 f.

Arbeitszwang. In tropischen Kolonien hat ursprünglich überall in der Form der Sklaverei (s.d.) oder Hörigkeit A. bestanden und ist mit deren Aufhebung wieder verschwunden. Angesichts der Schwierigkeit der Beschaffung von Arbeitskräften ist der Vorschlag, Zwangsarbeit in irgendeiner Form bei den Eingeborenen einzuführen, oft gemacht und damit begründet worden, daß der Eingeborene wie ein Unmündiger einem Zwange unterworfen werden und dadurch zur Arbeit erzogen werden könne. Von vornherein stehen demgegenüber zwei Bedenken: die mit jedem A. unlöslich verbundene Gefahr des Mißbrauchs der Zwangsgewalt und die Minderwertigkeit erzwungener Arbeitsleistungen. Bei genauerer Betrachtung ist zu unterscheiden zwischen einem A. für Zwecke der öffentlichen Verwaltung und den für Erwerbszwecke des Staats oder Privater. Jener ist allgemein anerkannt. Namentlich für Bau und Unterhaltung öffentlicher Wege besteht er, wie in vielen anderen Ländern und Kolonien, auch in den deutschen Schutzgebieten. Doch ist ein eigentlicher Zwang bei der Heranziehung der Eingeborenen regelmäßig kaum nötig. Eine ausdrückliche Regelung ist in Ostafrika erfolgt durch die V. vom 5. März 1905 betr. Heranziehung von Eingeborenen zu öffentlichen Leistungen. Danach liegt die Reinigung und Unterhaltung der nicht befestigten öffentlichen Wege den Eingeborenen ob (den Stämmen, Sultanaten, Jumbenschaften, Dorfschaften). Außerdem können Eingeborene zu Bau- und sonstigen Wegearbeiten herangezogen werden, mit Genehmigung des Gouvernements auch zu sonstigen Arbeiten. Ein Entgelt wird dafür im allgemeinen nicht gezahlt. Auf Ponape ist 1909 bei Aufhebung des Lehnssystems den Eingeborenen als Entgelt für die Verleihung freien Eigentums die Verpflichtung aufgelegt, 15 Tage im Jahre gegen Tagelohn von 1 M Arbeit zu leisten. - Solcher A. kommt vor allem auch vor als Teil der Steuerpflicht bei solchen Eingeborenen, welche ihr nicht durch Zahlung von Geld oder Produkten nachkommen. Er bedeutet in den deutschen Schutzgebieten nur ein Übergangsstadium auf dem Wege zur Geldzahlung im Gegensatz z. B. zum System des Kongostaats (s. Eingeborenensteuern). Mit der Pflicht zur Erhaltung der örtlichen Wege ist die Steuerarbeit nicht zu verwechseln. - Während es sich hier um Leistungen handelt, die ihren Grund in dem Fehlen der Geldwirtschaft haben, liegt es bei dem A. für Erwerbszwecke ganz anders. Bei ihm treten die obengenannten Bedenken besonders hervor. Er besteht in den deutschen Schutzgebieten nicht, weder in der Form des Zwanges zum Anbau oder zum Sammeln bestimmter abzuliefernder Produkte (s. Kultursystem), noch in der Form des Zwanges, bei privaten Unternehmern Arbeit zu verrichten. Eine Ausnahme davon macht die in West-Usambara getroffene Einrichtung, wonach die Neger in je vier Monaten 30 Tage bei einem Weißen arbeiten müssen, was durch Ausstellung einer Arbeitskarte kontrolliert wird. Die Einrichtung ist in der Denkschr. Schutzgeb. 1907/08 scharf kritisiert, für die Deckung des Arbeitsbedarfes eines Gebiets, das mehr als neun Zehntel seiner Arbeiter von auswärts beziehen muß, auch minder bedeutsam. Als eigentlichen A. kann man es nicht bezeichnen, wenn Kontraktarbeiter während der Dauer ihres Arbeitskontraktes durch Disziplinarmittel zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen angehalten werden. Noch weniger sollte man von A. sprechen, wenn man eine moralische Einwirkung der Verwaltung auf die Eingeborenen fordert, um ihre Abneigung gegen Lohnarbeit zu überwinden. S.a. Arbeiter und Arbeiterverhältnisse.

Literatur: Wegen Ostafrika: Bursian, Die Häuser- und Hüttensteuer in D.-Ostafrika, Jena 1910, 66. S. im übrigen die Literatur zu Arbeiter.

Rathgen.