Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 82 f.

Armenwesen. Das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz vom 6. Juni 1870 hat weder in seiner ursprünglichen Fassung noch in derjenigen der Novelle vom 30. Mai 1908 in den deutschen Schutzgebieten Geltung erlangt. Eine allgemeine gesetzliche Regelung der öffentlichen Unterstützung von Hilfsbedürftigen ist für die Schutzgebiete bislang nicht erfolgt. Gleichwohl findet in den deutschen Kolonien eine geordnete Fürsorge für Arme statt. In den tropischen Schutzgebieten erfolgt die Armenunterstützung regelmäßig in der Weise, daß verarmte Europäer bis zur nächsten Dampfergelegenheit unterstützt und dann nach ihrer Heimat befördert werden. Soweit die Kosten nicht erstattet werden, Fallen sie dem betreffenden Schutzgebiete zur Last. In Deutsch-Ost- und Deutsch- Südwestafrika ist die Fürsorge für Arme nicht allein Sache der Regierung. Nach § 3 der ostafrikanischen Städteordnung vom 18. Juni 1910 (KolBl. S. 680) gehört die Armenpflege für Eingeborene und nichteingeborene Gemeindeangehörige zu den Aufgaben der Gemeindeverwaltung. Ebenso sind nach der V. des RK. vom 28. Jan. 1909 (KolBl. S. 141) die Gemeindeverbände und Bezirksverbände in Deutsch-Südwestafrika zuständig zur Fürsorge für Arme. Aber selbst in diesen beiden Schutzgebieten fällt ein großer Teil der Armenunterstützung tatsächlich bis heute dem Fiskus zur Last. Einer allgemeinen Regelung des kolonialen Armenrechts unter Anlehnung an die reichsgesetzlichen Vorschriften stehen namentlich in den tropischen Kolonien Schwierigkeiten im Wege, die bislang nicht zu überwinden waren.

Meyer-Gerhard.