Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 91

Asylrecht. Bei vielen Naturvölkern besteht die Sitte, daß bestimmte Orte oder Personen das Vorrecht haben, Menschen gegen jeden Angriff zu sichern. Die Sicherung kann eine dauernde oder vorübergehende sein und erstreckt sich auf Verbrecher, Fremde und Sklaven; entsprechend der Stellung des Menschen zum Tiere auf primitiven Stufen gibt es auch ein A. der Tiere. Das Vorrecht haftet an Kultstätten (Neuguinea), Gräbern (Neuguinea), dem Wohnhause überhaupt (Palau) oder dem des Häuptlings (Marshallinseln, Wadschagga), dem Wohnorte des Priesters (Usambara) oder am Markte (Neuguinea); anderwärts ist der Fremde usw. gesichert, sobald er den Häuptling berührt oder eine seiner Nebenfrauen oder Kinder (Bantu). Bei den Hottentotten muß der Fremdling einen Mann und eine Frau des Stammes als Eltern adoptieren. - Für den Sklaven handelt es sich lediglich um den Wechsel des Herrn. Der Freie muß sich den Sitten des Stammes fügen und behält wohl meistens seine Bewegungsfreiheit nur, wenn er förmlich aufgenommen, oder solange er sich wirtschaftlich selbständig halten kann. Gehn ihm etwa die Nahrungsmittel aus, so wird er vom Häuptling abhängig. - Der Ursprung der Sitte ist in der Gastfreiheit kommunistischer Gemeinwesen, vielleicht in der Überlegung, daß ein Mensch mehr einen Kräftezuwachs bedeutet, zu suchen, endlich in zauberischen und religiösen Vorstellungen (s. Gastfreundschaft).

Literatur: A. Hellwig, Das A. der Naturvölker. Berl. Jurist. Beitr., Heft 1. Berl. 1903. - Beitr. zum A. von Ozeanien. Zeitschr. f. vergl. Rechtw., XIX, 1906.

Thilenius.