Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 94 f.

Auasgebirge, auch Awasgebirge genannt, die höchste Erhebung von Deutsch-Südwestafrika von echtem Gebirgscharakter. Denn der noch um einige hundert Meter höhere Omatako (s.d.) ist ein vereinzelt aus den umliegenden Ebenen aufragender Bergstock. Das A., das zu dem zentralen Hochgebiet von Südwestafrika gehört, erstreckt sich in nach Norden offenem Flachbogen von Südwest nach Nordost unter 22 2/3° s. Br. vom Komashochland (s.d.), mit dessen Südostrande es durch Bergrücken verbunden ist, bis in die Hochflächen, die ihre Zuflüsse dem Nosob zusenden. Die Länge des Gebirges beträgt rund 50 km, die Breite nur etwa 10 km, so daß wir es mit einer richtigen Kette zu tun haben. Die Höhe beträgt in der Kammlinie mehr als 2000 m, doch ragen einige Höhen etwa 2300 bis 2400 m empor. Seiner Zusammensetzung nach gehört das A. zu der gleichen Zone, die das ganze mittlere Hochgebiet bildet und die man nach dem Komashochland als Komasschiefer bezeichnet. Es sind hauptsächlich die dünnflaserigen Gneise, die auch in der Gegend von Windhuk in der spitzen Form und den steilen Böschungen der Hügel sich zu erkennen geben, denen wir in diesem stattlichen Bergzuge begegnen. Weit mehr als die Zusammensetzung des Gesteins ist es die orographische Entwicklung, die dem A. eine wichtige Stellung innerhalb der Erhebungen des Schutzgebiets sichert. Obwohl es das Gebiet der Windhuker Täler selbst in seinen Kammlinien um mindestens 400 m überragt und obgleich seine Böschungen sich durch große Steilheit auszeichnen, bildet es dennoch kein besonderes Verkehrshindernis. Denn unmittelbar südlich von der Talweitung der Windhuker Rinnsale befindet sich eine so tiefe Einschartung innerhalb der Kammlinie, daß damit ein für südafrikanische Verhältnisse außerordentlich bequemer Paß gegeben ist, der selbst dem Ochsenwagenverkehr keinerlei ungewöhnliche Schwierigkeiten bereitete. Die Höhe der Paßstraße beträgt rund 1850 m, aber der Anstieg zum Scheitel derselben ist selbst von Windhuk aus nicht größer als 1:80, von Rehoboth aus beträgt er über Aris (s.d.) nicht mehr als 1:170. Auch innerhalb des Gebirges sind die Anstiegwinkel derart, daß ihnen ein Wagen selbst ohne stärkere Bespannung durchaus gewachsen ist und auch der Nordsüdbahn keine übermäßigen Schwierigkeiten bereiten werden. Obwohl das Gebirge keine große Breitenentwicklung besitzt, entbehrt es doch keineswegs ausgedehnter Flächen von geringerer Neigung, die wegen ihrer Höhe nicht allein gute Weide und brauchbare Wasserstellen besitzen, sondern die auch von den verderblichen Wirkungen der sog. "Pferdesterbe" (s.d.) bis zu einem gewissen Grade frei zu sein scheinen. Eine solche, in mehr als Rigihöhe gelegene Fläche ist das Gebiet von Arredareigas (s. Tafel 9), das auch in landschaftlicher Beziehung charakteristisch für das imposante Gebirge ist. Überhaupt bildet das A. auch als äußere Erscheinung den wirkungsvollsten Abschluß der Windhuker Landschaft. Weit über die Höhenrücken des die breiten Talniederungen umsäumenden Hügellandes schweift der Blick von Windhuk aus dahin, um immer wieder an der grauvioletten Riesenmauer zu haften, die fern im Süden das Land abschließt, die wunderbarste Naturgrenze zweier Welten, der des gelbhäutigen Nama und derjenigen des dunkelfarbigen Bewohners der nördlichen Steppenländer. Zu ihrer vollen Wirkung vermochte sie allerdings in den Zeiten wilder Rassenkämpfe nicht zu kommen. In friedlichen Zeiten, denen das Schutzgebiet nunmehr entgegengeführt wurde, wird man sie erkennen, denn hier schieden sich nicht allein die Hauptgebiete der Naman von denen der Ovaherero, sondern hier trennt sich auch das Land vorwiegender Rinderzucht von den Gegenden, in denen, wohl schon in Bälde, die Haltung des Wollschafs einen etwas andern Gang der wirtschaftlichen Entwicklung bedingt. Auch in hydrographischer Beziehung ist das A. von außerordentlicher Wichtigkeit. Denn es bildet die Wasserscheide zwischen dem fernen Oranje und den Wasserrinnen, welche den Überschuß der in der Regenzeit niederstürzenden Güsse dem Swakop und somit dem ihrer besonders bedürfenden Westen des Schutzgebietes zuführen. Ja, es ist anzunehmen, daß die ständige Zufuhr des Sickerwassers aus dem Windhuker Quellenlande zusammen mit den in den Senken des A.es versickerten Wassermassen in der Erhaltung des unterirdischen Flüssigkeitsvorrats des eigentlichen Swakop eine sehr wesentliche Rolle spielt. Denn es ist nicht etwa nur eine trennende Wirkung, die diesem Gebirge hinsichtlich der Wasserläufe zukommt. Vielmehr ist ganz wesentlich auch die Bedeutung, die es in der Entwicklung der sommerlichen Niederschläge namentlich für die nördlich von ihm gelegenen Gebiete besitzt. Da diese Regen mit Winden aus nördlicher bis östlicher Richtung heranziehen, spielt das A. als ein den Niederschlag im Windhuker Gebiet vermehrendes Hemmnis für die feuchten Luftströme eine äußerst wichtige Rolle, wie es auch selbst weit größere Regenmengen empfängt als sie dem Lande lediglich auf Grund seiner geographischen Breite zukämen. So nimmt es auch für die in seiner nächsten Umgegend entspringenden Flüsse die Stellung eines Wasserspeichers während der ersten Monate des Jahres ein. Kurz, es ist das A. in hydrographischer Hinsicht das wichtigste Erhebungssystem des ganzen Schutzgebietes. Als unzugängliche Landschaft diente diese Berggegend noch lange Zeit nach der Begründung von Windhuk nicht allein dem Hochwilde, sondern zugleich einer größeren Anzahl von im Urzustande lebenden Bergdamaras (s.d.) als Aufenthaltsort.

Literatur: H. v. François, Nama und Damara. Magdebg. - K. Dove, Erg.-Heft 120 zu Peterm. Mitt. Gotha 1896. - Ders., Deutsch-Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1913. - K. Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch-Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1904.

Dove.