Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 95 f.

Aufgebot. 1. A. zum Zwecke der Eheschließung. 2. A. im bürgerlichen Recht.

1. A. zum Zwecke der Eheschließung. Auch in den Schutzgebieten soll der Schließung einer Ehe ein A. vorausgehen, dessen Unterlassung indes die Gültigkeit der Ehe nicht in Frage stellt. Sind dem zuständigen Beamten (s. Standesbeamter) die gesetzlichen Vorbedingungen für die Eheschließung nachgewiesen (s. Eheschließung), so hat er das A. zu erlassen. Es erfolgt durch eine Bekanntmachung, welche die Vor- und Familiennamen, das Alter, Stand oder Gewerbe und den Wohnort der Verlobten sowie ihrer Eltern enthalten muß. Sie ist eine Woche hindurch im oder am Amtslokale des Standesbeamten auszuhängen und einmal in eine Zeitung einzurücken, wenn eine solche an dem Sitze des Beamten erscheint. Im letzteren Falle ist die Eheschließung nicht vor Ablauf von drei Tagen nach Ausgabe der betreffenden Zeitung zulässig. - Hat ein Verlobter während der letzten sechs Monate seinen Wohnsitz außerhalb des Amtsbezirks des angegangenen Standesbeamten gehabt, so muß die Bekanntmachung des A. auch an dem früheren Wohnsitze und zwar nach den dort geltenden Vorschriften erfolgen, bei Personen also, die vorher im Reichsgebiete wohnten, nach den Vorschriften der §§ 44 f. des Personenstandsgesetzes vom 6. Febr. 1875. Diese weitere Bekanntmachung kann der Verlobte selbst veranlassen, oder er kann hierfür die Vermittlung des Standesbeamten im Schutzgebiete in Anspruch nehmen. Die Bekanntgabe an dem früheren Wohnorte ist dann nicht notwendig, wenn ein gehörig beglaubigtes Zeugnis der Obrigkeit desselben beigebracht wird, daß dort Ehehindernisse nicht bekannt sind. - Aus dringenden Gründen können die Standesbeamten in den Schutzgebieten von dem A. aus eigener Entschließung ganz befreien. Sie sind hierin freier gestellt, als ihre Amtsgenossen im Reiche, die nur bei ärztlich bescheinigter, lebensgefährlicher Erkrankung eines Verlobten selbst von dem A. absehen können. - Das A. verliert seine Wirkung, wenn nicht binnen 6 Monaten nach seiner Vollziehung die Ehe geschlossen wird (§ 1316 Abs. 1 BGB.). Gesetzesquellen: §§ 3-7 des G., betr. die Eheschließung und die Beurkundung des Personenstandes vom 4. Mai 1870 (BGBl. 599, KolGG. I, 53) in der Fassung des Art. 40 EGBGB., §§ 8-12 der Instr. des RK. vom 1. März 1871 (KolGG. I, 58). Das A. im kirchlichen Sinne, das ist die Bekanntmachung einer beabsichtigten ehelichen Verbindung vor versammelter Kirchengemeinde, wird durch die vorstehend erwähnten gesetzlichen Bestimmungen nicht berührt. Es regelt sich auch in den Schutzgebieten nach dem Recht der Kirche, nach deren Ritus die kirchliche Trauung vollzogen werden soll.

2. A. im bürgerlichen Recht. Das A. im bürgerlichen Recht stellt sich dar als eine öffentliche gerichtliche Aufforderung zur Anmeldung von Rechten und Ansprüchen, deren Unterlassung den in der Bekanntmachung angedrohten Rechtsnachteil zur Folge hat. Dieser besteht in der Regel in dem durch ein Ausschlußurteil auszusprechenden Verlust des betreffenden Anspruchs oder Rechts. Nach § 3 SchGG. und § 19 KonsGG. gelten in den Schutzgebieten für das A. sämtliche materiellen und formellen Vorschriften des deutsch-preußischen Rechts. Von den ersteren kommen hauptsächlich in Betracht: BGB.: §§ 14-17 (zum Zwecke der Todeserklärung), §§ 1489, 1970 (zum Zwecke der Ausschließung von Gesamtguts- und Nachlaßgläubigern), §§ 799, 808, 1162, 1192, 1999 (A. von Schuldverschreibungen, Hypotheken- usw. Briefe); HGB. § 228 (A. von Aktien), Wechselordnung Art. 73 (A. von Wechseln). Die Vorschriften über das A.verfahren sind in den §§ 946-1024 der Zivilprozeßordnung gegeben. Zuständig an Stelle der Amtsgerichte sind in den Schutzgebieten die Bezirksrichter (in Kiautschou das Ksl. Gericht). - Über die Fälle des A. im Liegenschaftsrecht der Schutzgebiete s. Eigentumserwerb und Grundbücher.

Gerstmeyer.