Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 104

Austrische Sprachen, Sprachenfamilie, welche von den Südabhängen des Himalaya beginnend durch Teile von Vorder- und Hinterindien sich ausdehnt, die Sundainseln nebst Madagaskar, Philippinen und Formosa umfaßt und die gesamte Inselwelt des Stillen Ozeans bis zur Osterinsel innehat. Sie zerfällt in die beiden großen Gruppen der austroasiatischen und der austronesischen Sprachen, deren Zusammengehörigkeit 1906 durch W. Schmidt dargetan wurde, der ihre Benennungen von ihrer Lage - im Südosten Asiens - entnahm. (S. die Verbreitungskartekarte auf S. 105.) Zu den austroasiatischen Sprachen gehören die Munda- Sprachen in Vorderindien, das Khasi, die Palong-, Wa- und Riang-Sprachen, die Mon-Khmer-Gruppe in Hinterindien, die Sprachen der Senoi und Semang auf Malakka und die Sprache der Nikobareninsulaner. Die Zusammengehörigkeit dieser Sprachen wurde durch Logan, Forbes, Fr. Müller, E. Kuhn und W. Schmidt dargetan. Von den austronesischen Sprachen unterscheiden sich die austroasiatischen u.a. 1. durch das Vorkommen von Aspiraten (die allerdings auch bei ihnen kaum stammhaft sind), 2. durch häufigeres Vorkommen reiner (affixloser) Wortstämme (aus Konsonant+Vokal+einfacher Konsonant, oder Vokal + einfacher Konsonant, oder Konsonant + Vokal bestehend), 3. durch lebendigeres Funktionieren der Affixe, 4. durch weit überwiegende Verwendung bloßer Prä- und Infixe. Sie bilden gegenüber den austronesischen Sprachen eine ältere Stufe der Entwicklung. - Über die austronesischen Sprachen s.d.

Literatur: Die gesamte hierhin gehörige Literatur ist zusammengestellt und erörtert bei P. W. Schmidt, Die Mon-Khmer-Völker, ein Bindeglied zwischen Völkern Zentralasiens und Austronesiens. Braunschweig 1906.

Schmidt.