Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 104ff.

Austronesische Sprachen, Sprachengruppe, welche die großen und kleinen Sundainseln, Madagaskar, die Philippinen, Formosa und die sämtlichen Inselgebiete des Stillen Ozeans umfaßt mit Ausnahme einiger papuanischer Enklaven und des Innern und bestimmter Küstenstrecken von Neuguinea, die von Papuasprachen (s.d.) besetzt gehalten werden. Die austronesischen Sprachen bilden mit den austrischen Sprachen (s.d.) eine Sprachenfamilie; ihr charakteristischestes Kennzeichen diesen gegenüber ist das sehr häufige Zusammenwachsen des einsilbigen Wortstammes mit alten Prä- und Infixen, so daß neue, zweisilbige Wortstämme entstehen. Die ganze Gruppe zerfällt in drei Untergruppen: die indonesischen, die melanesischen und die polynesischen Sprachen, die untereinander in dem Verhältnis einer fortschreitenden Filiation stehen, wo aus den indonesischen die melanesischen, aus diesen die polynesischen Sprachen hervorgehen in einem Erstarrungs- und Zersetzungsprozeß, den die Wanderungen indonesischer Völker in die Südsee und ihre Mischung mit früher dort ansässigen anderssprachigen Stämmen einleiteten.

Erkannt wurde zuerst der Zusammenhang der indonesischen mit den polynesischen Sprachen, woher auch der ältere Name der ganzen Gruppe, malaio-Polynesische Sprachen, stammt, von W. v. Humboldt (s.d.), der das Malaiische als Vertreter der indonesischen Sprachen ansetzte. An Stelle der Bezeichnung "malaio-polynesisch", die besonders nach dem Bekanntwerden der melanesischen Sprachen unzutreffend wurde, setzte W. Schmidt 1899 die Bezeichnung "austronesisch". Schon vor W. v. Humboldt hatte übrigens der ehemalige Jesuitenmissionar P. Hervas, mit dem Humboldt in Briefwechsel stand, den Zusammenhang der austronesisehen Sprachen erkannt. Die Eingliederung der melanesischen Sprachen erfolgte durch die Untersuchungen von Fr. Müller (s.d.), v.d. Gabelentz d.Ä. (s.d.), H. K. Codrington (s.d.), H. Kern, W. Schmidt (s.d.). Seitdem ist die wissenschaftliche Vergleichung insbesondere der indonesischen Sprachen - die eine notwendige Vorbedingung zur befriedigenden Behandlung auch der melanesischen und polynesischen Sprachen bildet - besonders durch H. Kern, Fr. Müller, J. L. A. Brandes, K. Brandstetter gefördert worden. Die Zusammengehörigkeit der drei Untergruppen erweist sich 1. in der wesentlichen Gleichheit des Lautbestandes (der aber in den melanesischen und polynesischen Sprachen einer steigenden Verarmung entgegengeht); 2. in der Gleichheit der Wortbildung, wo zu den Prä- und Infixen auch Suffixe hinzutreten (in den melanesischen und noch mehr den polynesischen Sprachen erstarrt das Affixwesen, wächst mit dem Wortstamm zusammen, und die Funktionen der Affixe werden durch zahlreiche lose Partikeln übernommen); 3. in weitgehender Gleichheit des Wortschatzes, worin Pronomina personalia, demonstrativa, interrogativa und die Numeralia besonders hervorzuheben sind. Hier sei nur kurz das Gebiet der indonesischen Sprachen umschrieben, von denen nur zwei, die Sprache der Marianen und die von den Palauinseln, in deutschem Kolonialgebiet gesprochen werden. Für die melanesischen und die polynesischen Sprachen s. die betreffenden Artikel. Die wichtigsten indonesischen Sprachen sind: das Malagassi auf Madagaskar, das Batak auf Sumatra, das Dayak auf Borneo, das Bali, das Malaiische auf Sumatra und als ausgebreitete Verkehrssprache, das Altjavanische (Kawi) und Neujavanische, das Mankassar und Bugis auf Celebes, das Tagala, Bisaya, Ilocano, Ibanag auf den Philippinen, das Formosanische, das Chamorro auf den Marianen, das Palau. Die im Südosten liegenden kleineren Sundainseln weisen Sprachen auf, die durch Voransetzung des Genitivs und stärkere Ausbildung der Suffigierung von den übrigen indonesischen und überhaupt den austronesischen Sprachen sich stark abheben; es sind die Sprachen von Flores, Timor, Roti, Ceram, Ambon, Buru, der Südost- und Südwestinseln, Kei und Aru; die Besonderheiten dieser Gruppe sind teils auf Beeinflussungen von seiten nichtaustronesischer (papuanischer?) Sprachen zurückzuführen, teils bilden sie eine Überleitung zu den melanesischen und polynesischen Sprachen. Der allen indonesischen Sprachen gemeinsame Lautbestand ist ein sehr einfacher:

die Vokale i       u
    e ë o  
      a    
die Konsunanten '   h    
  k g   n m
  t' d' y ´n  
  t d s n r l
  p b w m  

Konsonantenhäufung ist sehr selten, höchstens muta cum liquida im An- und Inlaut; im Auslaut stets höchstens ein Konsonant. Von Lautgesetzen sind bis jetzt besonders erforscht: der Wechsel von ë (e) bei Kawi, Bugis in a bei Mankabau, e in Dayak, i im Tagala, e oder i im Malaiischen und Malagassi, e oder u im Javanischen, o im Bisaya und Batak; das RGH- Gesetz: r bleibt im Malaiischen, Bug., Makassar, wird g im Tag. und Bis, h im Dayak, verschwindet im Javanischen und Malag.; das RLD-Gesetz: ein anderes r wird in einigen Sprachen zu l, in anderen zu d. In der Wortbildung herrscht die Präfigierung vor: ma, masi, ba als Aktivpräfixe für das Verb, ma als Adjektivpräfix, ka, ta als Passivpräfixe, ka als Substantiv-, Ordinal- und Zeitadverbpräfix, pa als Kausativpräfix. - Als Suffixe treten auf: i als Transitivsuffix, an als Substantivsuffix. Als Infixe fungieren: um als Aktivinfix, in als Passivinfix. - Identisch sind in allen indonesischen Sprachen die sämtlichen Formen des Personalpronomens: aku ich, kau du, ia er, kami, kita wir, kamu ihr, (si)ra sie (wobei besonders der Unterschied von inklusiver und exklusiver Form in der 1. Pers. Plur. zu bemerken ist), und die Zahlformen für 1-5, für 10, 100 und 1000. - Die Kasusverhältnisse beim Substantivum werden durch bloße Stellung (Nachstellung des Genitivs) oder durch Präpositionen ausgedrückt, von denen die Genitivpartikel ni gemeinindonesisch ist. - Beim Verbum geht die Hauptkraft der Entwicklung auf Unterscheidung von Intransitiv, Transitiv und Kausativ, von Aktiv und Passiv; dagegen wird weniger Gewicht gelegt auf Ausbildung der Zeitformen. - Auf dieser Grundlage sind einige Sprachen, unter diesen besonders die philippinischen und einzelne Sprachen von Celebes, weiter fortgeschritten und haben besonders in der Wortbildung sehr komplizierte Formen geschaffen.

Literatur: (nur auf das Allgemein-Indonesische bezügliche Werke enthaltend): Lorenzo Hervas, Catálogo de las lenguas. Roma 1800-1802. - W. v. Humboldt, Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java, 3 Bde. Berlin 1836-1839 (Abh. d. k. preuß. Akad. d. Wiss. 1832, Bd. II- IV). - H. Kern, Kawi-Studien. 1871. - H. Kern, Bijdragen tot de Spraakkunst van het Oudjavaansch (Bijdrag. t. d. Taal-, Land- en Volkenk. v. Ned.-Indië, 6. volger., deel VI ff). - Fr. Müller, Grundriß d. Sprachwissenschaft, II 2. Wien 1882, S. 87-160. - J. L. A. Brandes, Bijdragen tot de vergelijkende Klankleer der westersche Afdeeling van de maleisch-polynes. Taalfamilie. Utrecht 1884. - R. Brandstetter, Monographien zur indonesischen Sprachforschung, I-VIII. Luzern 1893-1912.

Schmidt.