Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 107 f.

Auswanderung. Die deutsche überseeische A. hat für das Entstehen der deutschen Kolonialbewegung große Bedeutung gehabt. Der Beginn der großen Wanderbewegung (1837: 24000 deutsche Einwanderer in die Vereinigten Staaten; 1840: 30000) und die Bewegung, die in den dreißiger Jahren in England entstand, die dortige A. in die eigenen Besitzungen zu lenken, führten auch in Deutschland zu Erörterungen und Bestrebungen, die A. in nationale Siedelungen zu lenken, was bei dem Mangel eines staatlichen Rückhalts für derartige Versuche zu praktischen Erfolgen nicht führen konnte, so daß nach 1848 trotz des ungeheuren Ansteigens der deutschen A. der koloniale Gedanke wieder ganz einschlief. Das erneute Anschwellen der A. 1871/73 und seit 1880 (1881: 221000 Auswanderer) und der Schmerz über die dadurch dem deutschen Volkskörper entstehenden Verluste belebte in den siebziger Jahren den alten Gedanken, daß durch Erwerb von Kolonien die A. in nationale Bahnen gelenkt und dem deutschen Volkstum erhalten werden könnte. In solchen Gedankengängen liegt eine der Wurzeln der zweiten deutschen Kolonialbewegung, die dann den Anstoß zur Kolonialpolitik Bismarcks (s.d.) gab. Die nunmehr von Deutschland besetzten Kolonialgebiete entsprachen freilich nicht den damaligen Vorstellungen von nationaler Gestaltung der Massen-A. Auch soweit sie für weiße Besiedelung in Betracht kommen, konnte keine Rede davon sein, große Auswandererscharen dahin zu leiten. Inzwischen aber hat die ganze deutsche A. sich an Bedeutung und Charakter gewandelt. An die Stelle der endgültigen Auswanderung ist vielfach eine periodische Wanderung getreten. Vor allem aber ist seit etwa 1894 die deutsche A. sehr stark zurückgegangen. Nach der allerdings mit der Wirklichkeit sich nicht ganz deckenden amtlichen Statistik sind seit 1895 jährlich zwischen 18000 und 37000 deutsche Auswanderer gezählt worden. Wie groß die Rückwanderung Deutscher ist, wissen wir nicht. Immer größer wird dagegen die Zahl solcher Deutscher, die als Kaufleute, als Unternehmer, als Techniker usw. längere Zeit im Auslande leben, ohne die Absicht "auszuwandern". Für solche Elemente bieten aber die deutschen Kolonien ein Betätigungsfeld, nur ausnahmsweise dagegen für besitzlose Arbeiter und kapitallose kleine Leute, die an der früheren großen A. einen erheblichen Anteil hatten. Wie groß die deutsche A. nach den Kolonien ist, läßt sich nicht sagen. Wie die Gesetzgebung, so hält die Statistik an einem Rechtsbegriff der A. fest, die die Wanderung nach deutschen Schutzgebieten ausschließt. Man kann nur aus deren Bevölkerungsstatistik die Zunahme der deutschen Staatsangehörigen feststellen und daraus auf die A. dahin schließen. Dabei ist dann nicht außer acht zu lassen, daß diese Zunahme auch durch Naturalisation fremder Staatsangehörigen beeinflußt wird (Buren [s.d.] in Deutsch-Südwestafrika) und daß von den jeweils im Schutzgebiet Lebenden ein erheblicher Teil nicht als Auswanderer bezeichnet werden kann. In einer Beziehung ist die Konsequenz, daß Wanderung in die Schutzgebiete nicht A. sei, durchbrochen. Die Zentral-Auskunftsstelle für Auswanderer (s. Auskunftsstellen), die von der Deutschen Kolonialgesellschaft (s.d.) begründet, vom Reich unterstützt ist, gibt Auskunft auch über die deutschen Kolonien, und zwar bezieht sich etwa die Hälfte der an sie gelangenden Anfragen auf diese. Aus deren Zahl (1912/13: 13341) einen Rückschluß auf die deutsche A. nach den Kolonien zu ziehen, wäre offenkundig ganz unzulässig. Von einer allgemeinen Organisation der A. nach den deutschen Kolonien kann man bisher nicht reden. Indirekt wirkt auf sie die Organisation der Besiedlung (s. Siedelung). In einer Richtung aber besteht sie und zwar nach den viel älteren englischen Vorbildern. Die Deutsche Kolonialgesellschaft hat seit 1898 die A. von Personen nach Deutsch-Südwestafrika unterstützt (durch freie Überfahrt in 3. Klasse oder unterstützte Überfahrt in 2. Klasse). Es handelt sich dabei meist um Angehörige und Bräute von im Schutzgebiet lebenden Ansiedlern und Beamten, aber auch um andere weibliche Personen, namentlich Dienstboten. Von 1898-1912 sind unterstützt 1695 Personen (davon 1909: 208, 1910: 230, 1911: 288, 1912: 287). Darunter sind 303 weibliche Angestellte und Dienstboten, die 1909/12 auf Antrag des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft (s.d.) unterstützt wurden. S. a. Einwanderung.

Literatur: Aus der ungeheuren Literatur sei nur die neueste zusammenfassende Darstellung angeführt (die aber auf die deutschen Kolonien gar nicht eingeht): W. Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung 1912. Außerdem d. Verhandl. d. D. Kol.-Kongr. 1905 u. 1910.

Rathgen.