Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 124

Bambus. Die Bambuseen sind eine Abteilung der Gräser, die durch holzig werdenden Halm und den Besitz von oft 6 (sonst 8) Staubblättern gekennzeichnet ist. Ihre Verbreitung erstreckt sich über die Tropen, teilweise auch über die Subtropen der alten wie der neuen Welt, wenige sind der gemäßigten Zone Ostasiens eigen. Im Volksmunde beschränkt sich der Begriff B. auf die übermannshoch werdenden Arten, deren Halm eine Länge von mehr als 20 m und Oberschenkelstärke erreichen kann. Die Halme sind hohl, aber im Innern durch Querwände gegliedert. Im Wirtschaftsleben, namentlich der Inder und Ostasiaten, spielen sie eine hervorragende Rolle, ja man kann sagen, daß die Kultur dieser Völker durch den B. auf manchen Gebieten in bestimmte Bahnen gelenkt worden ist. Die glatte Oberfläche, die außerordentliche, mit Elastizität gepaarte Festigkeit der Halme, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Insektenfraß macht sie, ohne daß eine langwierige Bearbeitung nötig wäre, zu einem ausgezeichneten, stets billig zu habenden Material für Hausbauten, Stützpfosten, Wandbekleidungen und Dachschindeln, für Tragstangen, Lanzen- und Pfeilschäfte, Zäune u. dgl. Als Leitungsröhren für Be- und Entwässerungen, auch für Destillationszwecke, werden sie gebraucht, nachdem die Querwände, die die Halme in 1/4-1/2 m lange Abschnitte gliedern, durchstoßen worden sind. In Stücke zerschnitten, geben sie Schöpfgefäße und Wasserbehälter, Blumentöpfe, Pfeilköcher, Büchsen, Dosen und Schachteln ab. Splitter mancher B.arten, deren Außenhaut stark verkieselt ist und die darum einen äußerst scharfen Rand besitzen, dienen als Schaber, Messer und Dolche. Unentwickelte Halme, die von einem unterirdischen Wurzelstock aus den Boden gleich Spargel durchbrechen, sind ein beliebtes Gemüse. B., der zu den schnellwüchsigsten Gewächsen gehört, kommt in mehreren Gattungen und einer ganzen Reihe von Arten auch in den deutschen Schutzgebieten der Südsee wie des tropischen Afrika vor, findet aber hier keine so allgemeine Verwendung seitens der Eingeborenen wie in Ceylon, Britisch- und Niederländisch-Indien, China und Japan. - Eine Eigentümlichkeit vieler sehr hoch werdender Arten ist die, daß sie 10, 20 und mehr Jahre alt werden müssen, bevor sie blühen und fruchten und dann absterben. Eine Folge davon ist, daß ein und dasselbe Gebiet einem Reisenden durch seinen Reichtum, einem Nachfolger durch seine Armut an B. auffallen kann.

Volkens.