Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 133 f.

Bantusprachen nennt man die in Zentral- und Südafrika gesprochenen Sprachen, die durch Vorsilben (Präfixe) die Substantiva in Klassen einteilen und diese Präfixe auch zur Konstruktion der Sätze gebrauchen. Man hat besondere Klassen für die Menschen, die Tiere, Naturerscheinungen (Geister, Krankheiten, Bäume, Rauch, Feuer usw.), Werkzeuge, große Dinge, kleine Dinge, Ortsbestimmungen usw. Die Grammatik ist überaus reich, sie hat eine große Fülle von Formen auch im Pronomen und Verbum und bietet eine überraschende Strenge der Konstruktion. Die Entstehung dieser Sprachengruppe ist lange rätselhaft geblieben; man kann es heute als ziemlich sicher betrachten, daß sie aus einer Mischung von zwei ganz verschiedenen Formen entstanden ist. Wahrscheinlich herrschten im ganzen Bantugebiet ursprünglich Sprachen, die den heutigen Sudansprachen (s.d.) ähnlich waren, bis dann vom Norden Stämme mit einer dem Ful (s. Fulbesprache) ähnlichen Sprache eindrangen und sich zu Herren über die Ureinwohner machten. Aus der Mischung dieser beiden Elemente entstand dann das Bantu, wobei die Grammatik ihren Zusammenhang mit dem Ful heute noch erkennen läßt, der Wortschatz aber zum Teil auf sudanische Verwandtschaft hinweist. Die einzelnen Sprachen unterscheiden sich trotz ihrer großen Ähnlichkeit im Bau doch so stark voneinander, daß die verschiedenen Stämme sich nicht ohne weiteres verständigen können. Wir kennen an 200 Sprachen dieser Gruppe und viele Dialekte. In Deutsch-Ostafrika, in Kamerun, sowie in Deutsch-Südwestafrika werden eine große Zahl von Bantusprachen gesprochen. Der erste, der die gemeinsamen Eigentümlichkeiten dieser Sprachen sah, war der Begründer des Zoologischen Gartens zu Berlin, Lichtenstein, der sich 1803/06 in Südafrika aufhielt. Eine wissenschaftliche Zusammenfassung der verschiedenen Vorarbeiten, wie sie von Reisenden und besonders von Missionaren geliefert waren, gab Dr. W. H. J. Bleek in seinem Buch: Comparative Grammar of South African Languages, Cape Town 1869. Er entdeckte eine Reihe von Lautverschiebungsgesetzen und sah die große Übereinstimmung der Grammatik in dem ungeheuren Gebiet. Er hat auch den Namen "Bantu" = Menschen vorgeschlagen, da dieses Wort in geringerer oder größerer Veränderung sich in dem ganzen Gebiet wiederfindet. Für die phonetische und grammatische Weiterarbeit war von besonderer Bedeutung: K. Endemann, Versuch einer Grammatik des Sotho, Berl. 1876. Nach ihm gab P. Torrend eine Zusammenfassung in seinem Werk: Comparative Grammar of South- African Bantu Languages, 1891, das aber keinen erheblichen Fortschritt gegen Bleek bedeutet. Auf dem von Endemann gezeigten Wege hat C. Meinhof weitere Lautgesetze gefunden und das Resultat niedergelegt in dem Grundriß einer vergleichenden Lautlehre der Bantusprachen, Lpz. 1899, 2. Aufl., Berl. 1910. Die hier befolgte Methode hat Meinhof dann auch auf Bantusprachen ausgedehnt, die in der Lautlehre nicht ausführlich behandelt sind, z.B. Venda, ZDMG. 1901, Kafir, ZDMG. 1905, Schambala, Pokomo, Nyika (Digo), Zigula, Bondei, Saramo, Makua, Yao, Mitt. d. Orient. Sem. 1904/08. Die Grammatik behandelt das Werk Meinhofs: Grundzüge einer vergleichenden Grammatik der Bantusprachen, Berl. 1906. Der Versuch von Finck, die B. zu gruppieren: Die Verwandtschaftsverhältnisse der Bantusprachen, Göttingen, 1908, befriedigt nicht, da der Verfasser nicht genügende Vorarbeiten gemacht hat und zu viel Ungenaues und Falsches bringt. Die B. sind durch fremde Sprachen mehrfach beeinflußt, z.B. durch das Hottentottische, vgl. Meinhofs Kafirstudie, durch Hamitensprachen, z.B. das Pokomo, durch das Arabische, z.B. Suaheli, und auch durch europäische Sprachen. Für das Studium der Grammatik und des Wortschatzes sind besonders wichtig Suaheli, Herero und Sotho (Sprache der Basuto und Betschuanen in Englisch-Südafrika). Die vollständigste Grammatik einer B., die wir besitzen, ist Röhl, Versuch einer systematischen Grammatik der Schambalasprache, Hamb. 1911. Das umfangreichste und am besten bearbeitete Wörterbuch ist: Endemann, Wörterbuch der Sothosprache, Hamb. 1912.

Meinhof.