Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 136 f.

Barth, Heinrich, Afrikaforscher, Professor der Geographie an der Universität Berlin, Dr. phil., geb. 16. Febr. 1821 zu Hamburg, gest. 25. Nov. 1865 zu Berlin. Nach dem Besuche des Gymnasiums seiner Vaterstadt studierte B. in Berlin als Schüler Karl Ritters Geographie sowie Sprachwissenschaften und Altertumskunde und promovierte 1844. Seine Vorliebe für das Altertum bestimmte ihn, nach eingehender Vorbereitung 1845/47 die Randgebiete des Mittelmeeres zu bereisen. Hierbei gab ihm besonders das noch wenig bekannte nordafrikanische Gestadeland zum erstenmal Gelegenheit, sein Forschertalent zu betätigen. Die Früchte dieser Reise sind in dem Werk: Wanderungen durch die Küstenländer des Mittelmeeres, ausgeführt in den Jahren 1845, 1846 und 1847, 1. Bd.: Das nordafrikanische Gestadeland, Berl. 1849 (weitere Bände sind nicht erschienen) niedergelegt. Die dem Buch beigegebene Karte ist streckenweise noch heute die einzige kartographische Quelle. Nach Berlin zurückgekehrt, habilitierte sich B. 1848. Schon im folgenden Jahre brach er von neuem auf, um sich mit seinem Landsmann Overweg (s.d.) einer großzügigen englischen Expedition nach Innerafrika unter Richardson anzuschießen, auf welcher er seinen Ruf als Bahnbrecher der Afrikaforschung begründen sollte. Von Tripolis ausgehend (23. März 1850) zog die Expedition geschlossen über Murzuk nach Rhat und von dort unter vielen Fährlichkeiten durch die Wüste nach Air, wo die äußerste sudanische aber noch oasenhafte Kulturzone erreicht wurde. Von hier unternahm B. allein einen Abstecher nach Agades. Auf dem weiteren Vormarsch nach Süden sonderte er sich (Januar 1851) in Damerghu ab und marschierte über Katsena-Kano auf Kuka, während Richardson den direkten Weg über Zinder einschlug, aber bereits in Ngurutua starb, ohne Kuka zu erreichen. B., der jetzt die Leitung der Expedition übernahm, erreichte letzteren Ort im April 1851, erforschte seine Umgebung sowie das Ufer des Tsadsees und begann seine für alle Zeit grundlegenden Studien der Geschichte des Kanurivolkes. Dann brach er (29. Mai 1851), nachdem auch Overweg in Kuka eingetroffen war, zu einer kurzen, aber ungemein fruchtbaren Expedition nach Adamaua auf, wobei er streckenweise das heutige Nordkamerun durchzog. Die Entdeckung des oberen Benue war einer der wichtigsten geographischen Erfolge dieses Zuges. Hieran schlossen B. und Overweg eine Expedition in Gemeinschaft mit der Horde der Uelad Sliman um das Nordende des Tsadsees herum nach Kanem an (Sept. bis Okt. 1851). Ein kanurischer Sklavenraubzug (Nov. 1851 bis Febr. 1852) in das Musguland gab den beiden Reisenden Gelegenheit, das heutige Deutsch-Bornu und das Schari-Logone-Gebiet kennen zu lernen, wobei B. seine später glänzend bewiesene Theorie einer Art von Bifurkation zwischen Logone und Mao Kebi aufstellen konnte. Vom März bis August 1852 dehnte B. allein diesen östlichen Vorstoß bis nach Bagirmi hinein aus. Nach Kuka zurückgekehrt und durch den Tod Overwegs ganz auf sich allein angewiesen, brach B. bereits im Nov. 1852 zu einer Expedition nach Timbuktu auf (bis Dez. 1854), das hierbei durchzogene, ungeheure Gebiet, seine Völker und ihre Geschichte der Wissenschaft erschließend. Auf der Rückreise nach Kuka traf er am 1. Dez. 1854 bei Bundi mit Vogel (s.d.) zusammen, der B.s Forschungen ergänzen und fortsetzen sollte. Am 10. Mai 1855 brach B. von Kuka auf, um über Tripolis nach Europa zurückzukehren, wo er zwar mit großen Ehren empfangen, aber nicht dauernd seinen Verdiensten entsprechend behandelt wurde. B. nahm in Berlin seine akademische Lehrtätigkeit wieder auf und vollendete in kürzester Zeit sein Reisewerk: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentralafrika in den Jahren 1849-1855, Gotha 1857/58 (Auszug in 2 Bdn. 1859/60). Außerdem wurde er zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin erwählt und vollführte noch zahlreiche, ausgedehnte Reisen nach Kleinasien und den Mittelmeerländern. Den "historischen Zusammenhang der Menschheit mit der reichen Gliederung der Erdoberfläche" zu erfassen und zu schildern, ist das Hauptziel, das B. auf seinen Forschungsreisen verfolgt hat, und hierin ist er ein unerreichter Lehrmeister geblieben; sein großes Reisewerk bildet für alle Zeiten eine unerschöpfliche Fundgrube für die Geschichte, der afrikanischen Völkerbewegung. Meisterhaft sind aber auch seine mit ungeheurer Sorgfalt durchgeführten Aufnahmen, seine Schilderungen der bereisten Länder, der Flußsysteme, der Fauna und Flora. B. schrieb außer den genannten Werken: Sammlung und Bearbeitung zentralafrikanischer Vokabularien, Gotha 1861/63; Reise von Trapezunt durch die nördliche Hälfte Kleinasiens nach Skutari, Peterm. Mitteil., Ergänzungsheft 1860, sowie zahlreiche Berichte über seine Reisen.