Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 140 f.

Bastards. Das Wort "Bastard" wird in Südwestafrika nicht in demselben Sinne gebraucht wie in Europa. Vielmehr versteht man hier unter dieser Bezeichnung ausschließlich einen Abkömmling der von Buren (s.d.) und Hottentottenweibern (s. Hottentotten) stammenden Mischlinge. Da diese Abstammung bereits mehrere Menschenalter zurückliegt, so ist mittlerweile der Name B. zu einer vollgültigen Stammesbezeichnung geworden, die heute in demselben Sinne gebraucht wird wie etwa die Stammesnamen der Hottentotten. Die reinblütigen, d. h. die nicht aufs neue mit Weißen oder mit Hottentotten vermischten B. bilden einen körperlich hervorragenden Bestandteil der Eingeborenenbevölkerung. Die Männer zeichnen sich durch ein stark an Südeuropäer, bzw. an Zigeuner erinnerndes Äußere, durch wohlgebildete Gesichtszüge und durch eine an das Olivenbraun der Süditaliener erinnernde Hautfarbe sowie durch stattlichen Mittelwuchs aus. Die Frauen, die in der Jugend bisweilen recht anziehende Gesichtszüge besitzen, neigen in höheren Jahren zum Starkwerden, tragen aber sonst ein ebenfalls mehr nach der Seite der väterlichen als nach der der mütterlichen Vorfahren neigendes Äußere zur Schau. Bisweilen findet sich, hinsichtlich der Haarbildung sogar häufiger, eine gewisse Ähnlichkeit mit den hottentottischen Vorfahren. Die ursprüngliche Sprache der B. ist das Holländische. Erst mit ihrer Einwanderung in das nördlich vom Oranje liegende Land haben die Kinder und jüngeren Leute auch die Namasprache (s. Hottentottensprachen) beherrschen gelernt, die bezeichnenderweise noch in den neunziger Jahren von manchen Erwachsenen überhaupt nicht verstanden wurde. In ihrer Charakterbildung leiden die B., obwohl von Beginn ihrer Selbständigkeit an Christen, doch an manchen Fehlern des Hottentotten, wie Unzuverlässigkeit, Selbstüberhebung, Neigung zur Lüge u. dgl. Andererseits haben sie von väterlicher wie von mütterlicher Seite manche gute Eigenschaften geerbt. Von jener vor allem den Sinn für wirtschaftlich lohnende Arbeit, von der hottentottischen dagegen gewisse Fertigkeiten, wie sie dem in der Steppe und in der Wildnis lebenden Eingeborenen von Nutzen sind. Gleichzeitig sind sie, wie auch die Hottentotten, vorzügliche Wagentreiber. Der Einfluß der Weißen und speziell der Deutschen hat namentlich bei dem Hauptteil der B., den Bewohnern des Rehobother Landes, auch eine Hebung in mancher Richtung zur Folge gehabt, die den übrigen Eingeborenen versagt bleiben mußte. Besonders die militärische Ausbildung der jüngeren Leute dieses Volkes, das während des großen Witboikrieges (s. Hereroaufstand) treu zu Deutschland stand, hat den Beweis erbracht, daß man es mit einem in vieler Hinsicht recht bildungsfähigen Menschenmaterial zu tun hat. Auch darf die Tatsache nicht unerwähnt bleiben, daß die Bastards die einzigen Eingeborenen sind, die auch in neuerer Zeit in rationeller Weise an der Viehhaltung im Schutzgebiete sich beteiligen. Die Zahl der B. ist nicht mit völliger Sicherheit anzugeben. Nach Schwabes Schätzung beherbergt das Schutzgebiet etwa 4000 Seelen, von denen mehr als die Hälfte auf das Rehobother Land kommen mögen, während die übrigen zum größten Teil im Osten des Bezirks Keetmanshoop an der englischen Grenze angesiedelt sind. Die amtliche Statistik gibt ebenfalls kein zuverlässiges Bild, da sie die sämtlichen Mischlinge zusammenrechnet, so daß es unmöglich ist, aus den so entstehenden Angaben die Beteiligung der eigentlichen B. an der farbigen Bevölkerung zu erkennen. Freilich dürfte eine genaue Zählung wegen später erneut erfolgter Blutmischung auf Schwierigkeiten stoßen. Jedenfalls bilden unter den Mischlingen, die außer in den beiden genannten Bezirken auch in Karibib ziemlich zahlreich sind, die B. im engeren Sinne die überwiegende Mehrzahl. Die Geschichte des B.volkes reicht selbstverständlich nicht sehr weit zurück. Die Rehobother B., die erst zuletzt in das Schutzgebiet kamen, saßen noch im Jahre 1865 in der Gegend von Pella im Süden des Oranjeflusses. Im Jahre 1868, veranlaßt durch den Überfall räuberischer Horden von Korannahottentotten und Buschmännem auf ihre Siedelungen, wanderten sie indessen unter Führung ihres verdienten und allgemein geachteten Missionars Heidmann und ihres Häuptlings Hermanus van Wyk aus und ergriffen schließlich Besitz von dem Gebiet unmittelbar nördlich vom Wendekreise, in dem ehedem die Swartboihottentotten gesessen hatten. Hier, in dem Rehobother Lande, sind sie auch weiterhin geblieben. Ihre engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den Deutschen sind also auch in der Lage ihrer vornehmsten Wohnsitze begründet, denn als v. François (s.d.) von der damals herrenlosen Gegend von Windhuk Besitz ergriff, wurden sie zu unmittelbaren Nachbarn dieses Ausgangspunktes der deutschen Militärmacht, und der deutschen Siedelungen. Die im Süden ansässigen B. sind etwa ein Menschenalter früher in das Land nördlich vom Oranje gekommen und haben im Gebiet der südlichen Hottentotten, in dem Gebiet von Rietfontein ohne engere Berührung mit den ehemals im Lande tätigen Weißen gesessen.

Literatur: H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Berl. 1891. - K. Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch- Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1904.

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