Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 145 f.

Baukunst. Die B. in den Schutzgebieten ist insbesondere, soweit der Hochbau und die Architektur in Frage kommt, vor wesentlich andere Aufgaben gestellt als in der Heimat; einmal sind infolge der veränderten klimatischen Verhältnisse und Lebensbedingungen andere Anforderungen bei der Ausgestaltung der Hochbauten (s. Hausbau der Europäer) als in der Heimat zu erfüllen, und sodann sind die zur Verfügung stehenden Baustoffe und Arbeitskräfte vielfach wesentlich andere als man es in der Heimat gewohnt ist. Die möglichste Heranziehung und Verwertung der Stoffe, Mittel und Kräfte, wie sie das Schutzgebiet bietet, sollte aber hier stets eine der vornehmsten Aufgaben der B. sein; nur mit ihrer Lösung kann sie zu befriedigenden bodenständigen Schöpfungen gelangen und dabei das Ziel erreichen, daß das Neuland sich von der Zahlungspflicht an das Mutterland immer mehr frei macht und wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen lernt. Es handelt sich in den Schutzgebieten vorwiegend um Nützlichkeitsbauten, bei denen es weniger darauf ankommt, monumentale Architektur mit Prunkfassaden zu entfalten, als darauf, in schlichter aber gediegener Bauweise mit den geringsten Mitteln den Zweck des Baues insbesondere gegenüber den klimatischen Bedingungen restlos zu erfüllen und künstlerisch zum Ausdruck zu bringen; dabei sollen möglichst wenig einzelne Teile von der Heimat oder dem Auslande bezogen werden, die Ausführung muß von den eingeborenen Handwerkern in inländischen Baustoffen bewirkt werden können, und ihre Güte soll auf lange Dauer alle kostspieligen Ausbesserungs- oder Erneuerungsarbeiten überflüssig machen. Tropenbauten, die diese Bedingungen erfüllen, werden, auch wenn man dabei auf Anwendung arabischer oder sarazenischer Architekturmotive und sonstiger entlehnter Verzierungen verzichtet, ganz von selbst einen gewissen Tropenstil zur Schau tragen, dessen Wesen aber weniger in der Benutzung besonderer stilgerechter Kunstformen, als vielmehr in der geschickten Gruppierung der Mauermassen und der Öffnungen, in der zweckmäßigen Anordnung und Teilung der Dächer, in der richtigen Anwendung der den einzelnen Baustoffen zukommenden und zweckentsprechenden Farben besteht. Je mehr hierbei aus fernliegenden Architekturen entlehnte Motive rein verzierender Art vermieden werden, desto reiner wird der Tropenstil zum Ausdruck kommen. Beachtenswerte Beispiele dieser Art finden sich unter den steinernen Bomabauten (festen Stationen), Wohn- und Dienstgebäuden, Zollbauten usw. von Deutsch- Ostafrika (vgl. auch Zeitschr. f. Bauwesen 1905, S. 58 und Die Umschau, XV. Jahrg., 1911, S. 303: Wohnungen in den Tropen). Betreffs B. der Eingeborenen s. Hausbau der Eingeborenen.

Baltzer.