Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 154 ff.

Befestigungen. a) Befestigungen der Schutz- und Polizeitruppen: I. Permanente: 1. Art der Befestigung; 2. Stärke und Ausdehnung; 3. Grundriß; 4. Schußfeld; 5. Wasserversorgung; 6. Schutz gegen Brandgefahr; 7. Das sturmfreie Hindernis und seine Feuerverteidigung; 8. Reduit und Stützpunkte; 9. Hindernisse im Vorgelände; 10. Verschiedenheit in den einzelnen Schutzgebieten. II. Feldbefestigungen. - b) Befestigungen der Eingeborenen: 1. Allgemeine Lage seit der deutschen Besitzergreifung; 2. Das zu Gebote stehende Material; 3. Verschiedenheit der Befestigungsanlagen; 4. Feldbefestigungen; 5. In den einzelnen Schutzgebieten.

a) B. der Schutz- und Polizeitruppen (s. Tafel 43 und 89-94). 1. Permanente:
- 1. Die permanenten B. gegen Angriffe der Eingeborenen beschränken sich im allgemeinen auf die Herrichtung eines Hindernisses, das neben der Deckung gegen Waffenwirkung vor allem gegen das überraschende Anlaufen und Einbrechen eines Gegners Schutz gewährt. Eine regelrechte Belagerung, wie wir, kennen die Eingeborenen unserer Tropenkolonien nicht, ihre bevorzugte Kampfart ist seit alters der Überfall. In zahlreichen Fällen ist es lediglich auf die wertvollen Bestände des Weißen, insbesondere an Waffen, Munition und Verpflegung, abgesehen.
- 2. Stärke und Geschlossenheit der B.anlagen sind je nach Kampfesweise, Ausrüstung und Kriegsaufgebot des Angreifers in den einzelnen Schutzgebieten und in ihren Teilen verschieden. Bei Bemessung ihrer Ausdehnung gerät die militärische Forderung, sie mit einem Minimum von Kräften verteidigen zu können, in Widerstreit mit der hygienischen Rücksicht, die Wohnstätten der Weißen und Farbigen räumlich zu trennen. Auf die geschickte Anordnung von Flankierungsanlagen wird daher besonderer Wert gelegt, um ohne Gefährdung des Platzes einen möglichst hohen Prozentsatz der Besatzung für den offenen Feldkrieg verfügbar zu machen.
- 3. Für die Grundrißanordnung des sturmfreien Hindernisses hat sich die Vierecksform mit Flankierungsbastionen auf zwei Diagonalpunkten als praktisch erwiesen.
- 4. Ausreichendes Schußfeld ist, wie in der Heimat, Vorbedingung jeder wirksamen B.anlage.
- 5. Eine ausgiebige Brunnenanlage innerhalb der Verteidigungslinie oder wenigstens ihrer wirksamen Bestreichung ist unentbehrlich. Wo gleichzeitig ein größerer Viehbestand zu sichern ist, wird häufig durch die Anlage eines befestigten Vorwerks eine innerhalb der Schußlinie benutzbare Weidefläche sichergestellt.
- 6. Das nötige Baumaterial liefert im allgemeinen der Grund und Boden; nur für die Eindeckung ist, wo Ziegelherstellung nicht möglich, zum Schutz gegen Brandgefahr schleuniger Ersatz des Gras- und Mattenmaterials durch Wellblech geboten.
- 7. Das Hindernis selbst ist meist eine übermannshohe Stein-, Lehm- oder Ziegelmauer, häufig mit vorliegendem trockenen Graben und ev. mit einem Hindernis auf ihrem Kamm. Die Schwierigkeiten der Entwässerung verbieten der Moskitogefahr wegen die Anlage von nassen Gräben. Seine Feuerverteidigung erfolgt teils frontal aus Schießscharten und von Schützenauftritten aus, teils aus den bereits erwähnten Flankierungsanlagen. Für die Maschinengewehraufstellung werden besonders geeignete Punkte zur Bestreichung des Vorfeldes ausgesucht und hergerichtet.
- 8. Innerhalb der geschlossenen Anlage dient häufig noch ein besonderes Reduit zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit und zur Bergung von Waffen, Munition und Verpflegung. Bisweilen wird auch eines der Flankierungsbastione zu diesem Zwecke besonders ausgebaut und mit einem Turm versehen. Andererseits gestattet mitunter die natürliche Stärke des betr. Punktes durch seine überhöhende und die gedeckte Annäherung des Angreifers ausschließende Lage die Anordnung einiger weniger Stützpunkte mit Flankierungsanlagen für die Zwischenräume, die durch Drahtzäune und natürliche Hecken (Dorn- , Agaven-, Kaktushecken) geschlossen werden. In kleineren Verhältnissen (Posten) bildet schließlich das Reduit oder auch nur ein Stützpunkt häufig die einzigste B.anlage. Lebende Dornhecken gewähren meist einen hohen Grad von Sturmfreiheit.
- 9. Das Vorgelände wird durch starke Hindernisse (Stacheldraht, Hecken aller Art, Dornverhau u. dgl.) gesichert, deren Vervollständigung oft dem Kriegsfall vorbehalten bleibt.
- 10. Während in unseren Tropenkolonien, mit Ausnahme von Togo, grundsätzlich jeder Garnisonort im Innern zum Schutz seiner Besatzung und seiner Bestände permanente B.anlagen der vorgedachten Art erhält, beschränken sich letztere in Deutsch-Südwestafrika zurzeit auf die kleineren und abgelegeneren Stationen, namentlich in den Grenzbezirken, die noch mit Überfällen räuberischer Eingeborenenbanden zu rechnen haben. Ihre B. sind zumeist einfache, aus Feldsteinen oder Lehmziegeln errichtete Mauern mit Schießscharten. Bei den übrigen, aus früherer Zeit her noch bestehenden B.anlagen spielt bei dem heutigen Befriedungsstand des Schutzgebietes die zweckmäßige Auswahl des Platzes, seine Übersicht über das umliegende Gelände und die Beherrschung des Wasserplatzes eine entscheidendere Rolle, als seine Sicherung durch ein sturmfreies Hindernis.
- 11. Feld-B.: Die häufigste Form der Feld-B. in unseren Tropengebieten ist das befestigte (Kriegsmarsch-)Lager; seine einfachste Sicherung besteht im Freimachen des Schußfeldes, Schutz des Innern zum wenigsten gegen Sicht und Herrichtung einer gedeckten Postenaufstellung. Der Grundriß ist Dreiecks- oder Kreisform. Der weitere Ausbau erfolgt durch Anlage von Palisadierungen aller Art, Dornverhau, Ausheben eines Schützengrabens, Anlage von Frontalhindernissen in mehreren Reihen und Errichtung von Beobachtungsständen und Maschinengewehraufstellungen. Mit diesem Ausbau des Lagers zu einer Art behelfsmäßiger Anlage, wie sie beispielsweise für Etappenposten notwendig werden kann, wird meist auch zur Rechtecksform des Grundrisses übergegangen. Bei dem offenen Gelände Deutsch-Südwestafrikas liegt wiederum in der geeigneten Auswahl des Platzes die Hauptsicherung des Lagers, dessen Abschluß nach außen unter Umständen noch durch einen einfachen Dornverhau, insbesondere gegen das Ausbrechen der eigenen Reit- und Zugtiere, erfolgen kann. Das Verhalten der Besatzung bei plötzlichem Angriff, namentlich zur Nachtzeit, muß besonders sorgfältig vorbereitet und eingeübt werden. S. a. Gefecht und Kasernen.

b) B. der Eingeborenen.
1. Die B.maßnahmen der Eingeborenen unserer Schutzgebiete dienten ursprünglich dem Schutz von Hab und Gut gegen Überfälle der Nachbarn (s. Gefecht 7 b). Seit Einführung der deutschen Herrschaft hat die damit gegebene allseitige Gewähr des Besitzstandes einerseits, und andererseits die unter der einheitlichen Verwaltung zunehmende Verwischung der Stammesunterschiede allgemein einen Rückgang der Eingeborenen-B. zur Folge gehabt. Dieser zeigt sich am deutlichsten gerade bei den größeren Eingeborenenherrschaften, wie beispielsweise in den Residenturbezirken Deutsch- Ostafrikas und Kameruns, die - zum Teil wohl auch unter dem Eindruck unserer überlegenen Waffen und Kriegführung - die starken Umwallungen oder Steinmauern aus früheren Jahren zurzeit vollständig verfallen lassen. Die geistig tiefer stehenden und entlegeneren Stämme pflegen sich schwerer von ihren alten Gewohnheiten zu trennen. Wie hier, muß im Kriegsfall auch dort damit gerechnet werden, daß B. ad hoc neu erstehen.
- 2. Unter diesen sind Palisadierungen, Dornverhau und lebende Hecken aller Art (auch lebende, durch Schilfgeflecht miteinander verbundene Bäume, wie in Uha, Deutsch-Ostafrika) wohl am weitesten verbreitet; in wasser- und holzärmeren Gegenden treten Wall, Stein- und Lehmmauern an ihre Stelle. Diese Anlagen werden in der Front durch meist ausgedehnte Hindernisse, wie Fallgruben und schräg in die Erde gesteckte angespitzte Hölzer, noch besonders gesichert. Im allgemeinen zeigen die Eingeborenen bei Anordnung von Verteidigungsanlagen und Hindernissen viel Geschick und große Ausdauer.
- 3. Art, Umfang und Anlage der aus den genannten Materialien hergestellten B.anlagen sind, der Bewaffnung und Fechtweise der Eingeborenen entsprechend, sehr verschieden; das in dieser Hinsicht für das Gefecht der Eingeborenen (s.d.) Bestimmende gilt auch hier. Die Schlupfwinkel des Busches, schwer auffindbare Höhlen mit schmalen, leicht zu verteidigenden Eingängen, steile Felskuppen, Verstecke im Dornbusch der Steppe bieten den dortigen, verstreut wohnenden und verzettelten Stämmen den wirksamsten Schutz; ein einfacher Palisadenzaun, eine als Blockhaus ausgebaute Palaverhütte u. a. m. genügen zur Vervollständigung der natürlichen Deckungsmittel. In den großzügigeren Staatswesen aber finden wir diese einfachsten Anlagen durch Graben und Wall verstärkt oder letzteren durch besondere Höhe oder Steilanlage, verteidigungsfähige Zugänge und ausgedehnte Hindernisanordnungen in meilenweiter Ausdehnung und zu einem so hohen Grad der Sturmfreiheit ausgebaut, daß dem Angriff sorgfältige Erkundung und artilleristische Vorbereitung voraufgehen müssen. Letztere ist meist auch nicht zu entbehren gegen die in sehr starken Steinmauern ausgeführten und dem natürlichen Fels geschickt angepaßten B. und Schlüpfwinkel der Bergheiden (im Norden Kameruns). Innerhalb der ausgedehnten B. bilden häufig die Einfriedungen der einzelnen Gehöfte, insbesondere die mit starken und hohen Mauern abgeschlossenen Wohnsitze der Sultane usw. schwer zu beseitigende und zur Zersplitterung des Angriffs führende Hindernisse. Wo sich in Deutsch-Ostafrika Temben (s.d.) finden, kann in ihnen infolge der starken Bauart und ihrer stellenweise in die Erde versenkten Anlage Widerstand geleistet werden.
- 4. Auch im Bewegungskrieg sind B.anlagen vereinzelt bekannt, so beispielsweise bei den Bangwas in Kamerun, die außerhalb der Ortschaften verdeckt angelegten und auf eine starke, vom Gegner besetzte Palisadenfenzführenden Sackgassen, die beim Zusammenstoß die seitliche Entwickelung des Angreifers verhindern.
- 5. Im allgemeinen sind B.-maßnahmen der Eingeborenen in Deutsch- Südwestafrika und Togo nur vereinzelt, in Kamerun, den Südseebesitzungen und Deutsch-Ostafrika (s. Boma und Quikuru) dagegen in ausgedehnterem Maße bekannt und üblich.

Zimmermann.