Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 158

Begnadigung. Das Recht der B., d. i. erkannte Strafen zu erlassen oder zu mildern, ist ein Souveränitätsrecht. Es steht z. B. für Preußen dem König zu (Art. 49 der Verf.). Für Sachen, in denen das Reichsgericht in erster Instanz erkannt hat, ist es dem Kaiser übertragen (§ 484 StPO.). Das gleiche gilt nach § 3 SchGG., § 72 KonsGG., falls das Gericht, welches in erster Instanz erkannt hat, ein Schutzgebietsgericht ist. Todesurteile dürfen erst vollstreckt werden, wenn die Entschließung des Staatsoberhaupts (Kaisers) ergangen ist, von dem Begnadigungsrechte keinen Gebrauch machen zu wollen (§ 485 StPO.). Bezüglich der im Disziplinarverfahren (s. d.) gegen Reichs- oder Schutzgebietsbeamte verhängten Strafen hat der Kaiser ebenfalls das Begnadigungsrecht (§ 118 RBG., § 1 KolBG.). Hinsichtlich der Eingeborenen wird neben dem Begnadigungsrechte des Kaisers allgemein ein in der Praxis ebenfalls als Begnadigungsrecht bezeichnetes Recht der Gouverneure zum Straferlaß angenommen. In der Strafverordnung der Neuguinea-Kompagnie vom 21. Okt. 1888 ist im § 40 ein solches Recht des Gouverneurs ausdrücklich vorgesehen. S. a. B. von Schutztruppenangehörigen.