Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 162 f.

Benguellastrom, Meeresströmung an der westafrikanischen Küste, die sich mit ziemlich mäßiger Geschwindigkeit von Süd nach Nord bewegt. Ihr Ursprungsgebiet liegt in den westöstlichen Triften des südatlantischen Ozeans, keineswegs aber in polaren Meeresgebieten, wie vielfach fälschlich angenommen wird. Ihre im Verhältnis zur geographischen Breite niedrige Temperatur ist also nicht sowohl dem Ursprungsgebiet des Strömungswassers als vielmehr seiner Richtung (sie fließt von kühleren Oberflächengebieten in wärmere) zuzuschreiben. So bildet sie das richtige Gegenstück zu der die Ostseite Südafrikas bespülenden Mosambikströmung, die, weil aus tropischen Breiten in höhere gerichtet, in diesen naturgemäß als Warmwasserstrom erscheint. Die Benguellaströmung, die sich bis in die Gegend des Äquators verfolgen läßt, ist aber durchaus nicht die alleinige Ursache für die allen Südwestafrikanern bekannte Kälte des Küstenmeeres und somit auch nicht der einzige Grund für die eigenartigen Temperaturverhältnisse der Uferlandschaften. Hier tragen vielmehr ganz andere Erscheinungen zu dem sonderbaren Mißverhältnis zwischen Breite und Mittelwärme bei. Sog. kalte Auftriebwässer, die sich namentlich in Afrika an verschiedenen Stellen zeigen, führen von unten stark abgekältete Wassermassen in vertikaler Richtung an die Oberfläche; diese sind erheblich kühler als die Gewässer des B., werden aber von den meisten mit ihr verwechselt. L. Schultze teilt eine Reihe von Messungen mit, die er unter dem Lande ausgeführt hat und die er mit den Temperaturmessungen vergleicht, welche die deutsche Tiefseeexpedition in rund 18 Seemeilen Küstenabstand in der echten Benguellaströmung feststellte. Hier wurden im Mai Oberflächentemperaturen von 18°, im August von 15-16° gemessen, während Schultze im Mai und Juli in der Küstennähe an verschiedenen Stellen die Wärme der Wasseroberfläche ungefähr gleichmäßig zu nur 11- 12° ermittelte. Zu Swakopmund wurde die Temperatur der Wasseroberfläche im Durchschnitt der Jahre 1903 und 1904 zu 13,8° gefunden. Die klimatische Einwirkung, welche die kühlen Gewässer des B. auf Deutsch-Südwestafrika ausüben, ist außerordentlich groß. Zunächst ist die im Vergleich mit den gleichen Breiten von Südostafrika viel geringere Jahreswärme des Schutzgebietes eine unmittelbare Folge der niedrigen Meerestemperaturen. Ferner aber ist die durch sie verursachte Abkühlung der über ihnen ruhenden und von hier aus die Küste überwehenden Luftmassen auch die Hauptursache der Regenarmut, zumal der an der Küste herrschenden beinahe völligen Regenlosigkeit. Endlich ist auch die Häufigkeit der Küstennebel als eine Folgeerscheinung dieses Zustandes anzusehen. Indessen hat die niedrige Temperatur der Benguellaströmung und der Küstengewässer auch eine günstige Erscheinung hervorgerufen. Der ungemeine Fischreichtum derselben und die damit zusammenhängende Häufigkeit von Robben und von geflügelten Fischvertilgern, zumal von den Guano erzeugenden Pinguinen, hängt mit der geringeren Temperatur des Südwestafrikanischen Meeres zusammen. Der Guano hätte sich schließlich ohne die Regenlosigkeit der westlichsten Striche niemals in so großen Lagern ansammeln können, wie dies tatsächlich an verschiedenen Stellen der Fall gewesen ist.

Literatur: L. Schultze, Aus Namaland und Kalahari. Jena 1907.

Dove.