Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 167 f.

Bergdamara (s. Tafel 18 u. 66), die schwarze Urbevölkerung von Deutsch-Südwestafrika. Während frühere Ethnographen ihnen die Stellung einer unselbständigen Mischrasse zuweisen wollten, hat die neuere Forschung sie gerade als ein Volk von außergewöhnlich einheitlichem Äußeren kennen gelehrt. Ob man sie den Bantuvölkern des kontinentalen Süddreiecks zuzuzählen berechtigt ist, steht allerdings dahin. Daß man sie als reine Neger aufzufassen hat, dürfte indessen heute keinem Zweifel mehr begegnen. Die Bergdamara nennen sich selbst Haukoin, wurden aber von den Herero (s.d.), die sich mit Stolz "Beestkaffern", d.h. Rinderkaffern nannten, als "Klippkaffern" bezeichnet. Die Hottentotten (s.d.) besitzen einen noch weniger anziehenden Namen für diese verachteten Wilden, die sie dem Pavian gleichstellten und die sie als "Chaudaman", d. i. "Scheißkaffern" bezeichneten. . Die B. zeichnen sich durch einen kräftigen und muskulösen Bau aus, erreichen aber nicht die stattlichen Körpermaße des zu den Bantu gehörigen Herero. Ihre Gesichtszüge sind echt negerhaft, vor allem beobachtet man bei ihnen niemals jene schärferen, an die kaukasischen Völker Nordafrikas erinnernden Züge, die uns so oft bei den südafrikanischen Bantu begegnen. Im Alter entwickelt sich bei ihnen häufig jene faltige Haut, die für die Buschmänner (s.d.) Südafrikas so bezeichnend ist. Doch dürfte das in erster Linie mit ihrer Lebensweise in der Wildnis zusammenhängen. Von Kultur in höherem Sinne kann bei den B. nicht die Rede sein. Nicht einmal zu irgendwelchen staatlichen oder größeren Stammesverbänden zusammengeschlossen, fristeten sie in ihren im Hochlande oder in den Gebirgen gelegenen Schlupfwinkeln ein kärgliches Leben. Ihre Nahrung lieferten ihnen die leichter zu erlegenden Jagdtiere, daneben niedere Tiere und die sog. Feldfrucht, d. h. eßbare Knollen und Beeren wildwachsender Pflanzen. Endlich spielte in ihrer Ernährung auch der Viehdiebstahl eine nicht unwesentliche Rolle. Von den Herero wie von den Hottentotten unterdrückt und häufig genug rücksichtslos verfolgt und getötet, waren sie ein völlig verschüchtertes Volk, dessen Hauptwohnsitze im Westen und Süden des Hererolandes liegen; vor allem das Erongogebirge südwestlich von Omaruru und das zentrale Hochgebiet, namentlich das Komasland, sind die Zufluchtstätten der wilden Bergdamara bis lange nach dem Beginn der deutschen Herrschaft gewesen. Schon lange indessen lebten sie in nicht geringer Anzahl als dienende Klasse unter den Herero wie unter den nördlicheren Hottentottenstämmen, um schließlich auch als Diener und Arbeiter der Weißen in immer größerer Menge zu erscheinen. Das merkwürdige Volk, das bereits vor dem Eindringen der zu den Bantu gehörigen Herero seine ursprüngliche Sprache eingebüßt und dafür die Namasprache angenommen hatte, zeichnet sich vor allen anderen Eingeborenen durch seine Gutmütigkeit und seine Arbeitswilligkeit aus. Die Intelligenz der B. ist beachtenswert, und all diese Eigenschaften bewirkten im Verein mit ihrer kräftigen körperlichen Entwicklung, daß sie als Arbeiterklasse und als Hausbedienstete von den Weißen sehr geschätzt werden. Selbst zu so verantwortungsreichen Stellungen, wie derjenigen der Postträger vor der Eröffnung der Eisenbahn wurden mit Vorliebe zuverlässige B. verwendet. Auch die Mission fand bei dem bescheidenen Volke im allgemeinen schnell Eingang, und so bildet heute der größte Teil der ehedem so verachteten "Bergkaffern" einen wegen seiner Brauchbarkeit geschätzten Teil der farbigen Bevölkerung. Die Zahl der bereits unter den Weißen lebenden Bergdamara kann man auf rund 19 600 ansetzen (Zählung von 1912). Wenngleich es solche in allen Verwaltungsbezirken gibt, befinden sich die meisten von ihnen doch in den ursprünglich von ihnen bewohnten Landesteilen. Mindestens zwei Drittel des schwarzen Volkes sitzen noch jetzt in den oben genannten Landschaften. In Lebenshaltung und Kleidung sind die B. nahezu ebenso anspruchslos wie die Buschmänner. Die Behausung verdient kaum den Namen einer Hütte, indem sie ein rohes Gerüst von in die Erde gesteckten Baumästen notdürftig mit Buschwerk und Reisig abdichten. Als Nahrungsmittel dient alles, was sich sammeln und erlegen läßt. In den Genußmitteln ähneln sie den ärmsten der Hottentotten, indem zum Tabak auch hier ein Honig- oder Zuckerbier tritt. Die von höher stehenden Südafrikanern übernommene Pfeifenform stellt Abb. 17 dar; sie wird zum Genuß von Hanf wie Tabak verwendet. Der Bauch des Horns dient zur Aufnahme des Wassers; die weite Öffnung wird so an Mund und Wangen gedrückt, daß beim Saugen ein Vakuum entsteht. Auf fremden - in diesem Fall von Herero - Einfluß weisen auch die Gefäße hin, s. Tafel 66 Abb. 14 und 15.

Literatur: K. Dove, Deutsch-Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1913. - H. v. François, Nama und Damara. Magdebg. - H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891. - P. Wegner, Die Bergdamara in Deutsch-Südwestafrika und die Arbeit der Rheinischen Mission an ihnen. Barmen 1907.

Dove. Weule.