Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 181 ff.

Beriberi (japanisch Kakke). Die Krankheit ist außerordentlich weit verbreitet, wir finden sie nicht bloß in wärmeren Ländern, sondern auch im kalten Klima. Die bei der Fischerei und Konservierung des Lachses im polaren Nordamerika beschäftigten Chinesen leiden sehr stark daran, und auch in den Südpolargegenden (z.B. auf der deutschen Südpolarexpedition) sind Fälle davon beobachtet worden. Sie ist nicht auf einzelne Menschenrassen beschränkt, auch Europäer erkranken unter geeigneten Bedingungen daran. Als ihr Hauptsitz gilt Ostasien (Japan, China, malaiischer Archipel, Hinterindien), sie ist aber auch in der Südsee, in Zentral- und Südamerika verbreitet, auch in Afrika wird die Krankheit vielfach und neuerdings in zunehmendem Maße beobachtet. Besonders besteht überall dort, wo größere Menschenmengen unter primitiven Verhältnissen, Farbige Arbeiter, farbige Soldaten, Sträflinge zusammen beschäftigt und beköstigt werden, die Gefahr des Ausbruches der Krankheit. Demgemäß beobachten wir sie auch auf Schiffen, hauptsächlich auf solchen mit chinesischen Kulitransporten, aber auch auf anderen Dampfern mit ostasiatischer Besatzung, unter besonderen Umständen aber auch auf Schiffen mit rein europäischer Bemannung, nämlich auf Segelschiffen, die lange Reisen machen. Je länger die Reise dauert, ohne daß ein Hafen angelaufen wird, desto mehr wächst die Gefahr des Ausbruches dieser "Segelschiff "-B. Die Krankheit tritt hier unter ganz ähnlichen Verhältnissen wie der Skorbut auf und ist auch recht häufig damit kompliziert. Die Krankheitszeichen der B. sind außerordentlich mannigfaltig, nicht bloß dem Grade nach, sondern auch in ihrer Art und Verteilung. Hauptsächlich spielt sich die Krankheit auf zwei Gebieten des Körpers ab, einmal nämlich zeigt sie sich als Schwäche, Lähmung und Schwund der Muskulatur, insbesondere der Gliedmaßen, zum andern als Schwäche des Herzens (Kurzluftigkeit, Herzangst, Herzvergrößerung, Stauungserscheinungen, Schwellungen der Gliedmaßen u.a.). Dementsprechend wird eine "trockene", atrophische und eine "feuchte", hydropische B. unterschieden, ferner eine unausgebildete Form, bei der nur einzelne Symptome leicht angedeutet sind und bleiben, und eine ganz akut verlaufende, schwerste Form, bei der - meist allerdings bei Leuten, die schon längere Zeit leichtere Symptome zeigten - das Herz plötzlich in schnell zunehmendem Verfall versagt, so daß die Krankheit in sehr kurzer Zeit - oft in wenigen Stunden - zum Tode führt. Diese verschiedenen Formen können ineinander übergehen oder sich verbinden, daher die große Mannigfaltigkeit des Symptombildes. Die anatomische Grundlage der Krankheit bilden Zerfallsvorgänge in den Nerven. Nach dem Grade und der Ausbreitung des Prozesses, insbesondere je nachdem mehr die Nerven der Gliedmaßen oder die Herznerven ergriffen sind, wechselt das Krankheitsbild. Bis vor kurzer Zeit wurde der zugrunde liegende, anatomische Vorgang von den meisten Autoren als ausgesprochene entzündliche Entartung beschrieben, nach neueren Untersuchungen treten aber die entzündlichen Erscheinungen an den Nerven dabei mehr in den Hintergrund, es handelt sich mehr um eine Zehrung des Nervengewebes. Das versehrte Nervengewebe kann sich u. U. wieder erholen. Das erklärt die kompletten Heilungen, die man auch in schweren Fällen noch beobachten kann. Auch in den Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarks finden sich in manchen Fällen Veränderungen. Die Erkennung der Krankheit ist oft, namentlich in Einzelfällen und bei Europäern nicht leicht. Wie noch immer vielfach in den Tropen Fieber ohne weiteres auf Malaria bezogen wird, so führen dort auch Kurzluftigkeit, Herzschwäche, Schwellungen, Gliederschwäche, namentlich der Beine, nicht selten ohne genügenden Grund zur Diagnose B. An dieser Stelle kann aber hierauf nicht weiter eingegangen werden. Von größter Wichtigkeit für die Behandlung und Verhütung der Krankheit und auch von sonstigem allgemeinen Interesse ist die Erörterung ihrer Ursachen. Da stehen sich seit Jahrzehnten zwei Ansichten gegenüber. Die einen meinen, die B. sei eine Infektionskrankheit, während die anderen behaupten, daß die Krankheit in Mängeln der Ernährung ihre letzte Ursache habe. Zur Stütze der "Infektionstheorie" dienen namentlich Beobachtungen aus früheren Jahren. Im letzten Jahrzehnt sind aber neue und unanfechtbare Tatsachen, die für die Infektionstheorie mit Fug angeführt werden könnten, nicht mehr berichtet worden, während die Beweise für die "Ernährungstheorie" sich stark gemehrt haben und von zwingender Kraft erscheinen. Es muß als wissenschaftlich festgestellt anerkannt werden, daß mindestens die große Mehrzahl der Erkrankungen, die das Symptombild der B. bieten, durch eine besondere Art von mangelhafter Ernährung hervorgerufen wird. Will man daneben die älteren Beobachtungen, die für die infektiöse Natur von B.erkrankungen sprechen, weiter gelten lassen, so bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß es sich bei der B. nicht um eine einheitliche Krankheit, sondern um eine Gruppe von Leiden mit ähnlichem Symptomenkomplex, aber verschiedener Ätiologie handelt. B. ist besonders unter den reisessenden Völkern Ostasiens verbreitet, und schon lange hat man vermutet, daß ein Übermaß von Reis an der Entstehung der Krankheit beteiligt sei. Schon in den achtziger Jahren führte das die Japaner zur Einschränkung der Reismenge und zum Ersatz des Reises durch andere Nahrungsmittel in der Verpflegung der Marine mit dem Erfolge, daß die Zahl der B.erkrankungen und Todesfälle in der Flotte mit einem Schlage auf ein Minimum zurückging und auch in der Folge so niedrig blieb. In Niederländisch- und Englisch-Indien wurde beobachtet, daß einige Volksstämme, trotzdem sie wie die Chinesen und Japaner in überwiegender Menge Reis als Nahrung genießen, von der Krankheit ganz frei bleiben. Sie essen aber nicht den gewöhnlichen weißen Reis, ihr Reis ist nur halb geschält (Paddy). Der äußere Spelz ist entfernt, nicht aber das dem Reiskorn unmittelbar anliegende Silberhäutchen, das Perikarp. Wenn Angehörige dieser Volksstämme zur Ernährung mit ganz zerschältem, weißem Reis, wie ihn die Chinesen und Japaner essen, übergehen, erkranken auch sie in beträchtlicher Zahl an B. Auch in den Gefängnissen von Niederländisch-Indien zeigte sich, je nachdem ganz geschälter oder halbgeschälter Reis verabfolgt wurde, dieselbe Erscheinung. Diese Beobachtungen dienten zur Grundlage für Tierversuche, die zuerst von den holländischen Forschern Eijkman und Vorderman angestellt wurden. Es gelang, durch Verfütterung von ganz geschältem Reis bei Hühnern eine der B. ähnliche Erkrankung hervorzurufen. Die Erkrankungen blieben aber aus, wenn die Tiere mit halb geschältem Reis gefüttert wurden. Später gelang es, auch durch einseitige Ernährung mit anderen Zerealien und auch mit sehr stark und anhaltend gekochten anderen Nahrungsmitteln, z. B. Fleisch, bei Tieren beriberiartige Lähmungserscheinungen - auch mit ähnlichem pathologisch- anatomischen Befund wie bei menschlicher B. - hervorzurufen. Holst beobachtete dabei, daß die Krankheitserscheinungen wie bei der menschlichen Segelschiff-B. zum Teil mit skorbutischen Symptomen verbunden waren, ja es gelang ihm, bei Meerschweinchen durch einseitige Fütterung mit gewissen Zerealien ausgesprochenen Skorbut zu erzeugen. - Schaumann fand, daß die Versuchstiere gesund blieben, die zu der ihnen sonst schädlichen Nahrung noch Reiskleie (aus den Silberhäutchen bestehender Schälabfall) hinzu bekamen. Ganz analog fielen absichtliche Versuche an Menschen aus, die namentlich von Fletcher, Fraser, Braddon, Ellis angestellt wurden. Es wurde wiederholt eine größere Anzahl von Versuchspersonen (chinesische Arbeiter und Sträflinge) unter sonst gleichen Bedingungen, namentlich sonst vollkommen gleicher anderweiter, den chinesischen Gewohnheiten entsprechender Beköstigung, einmal mit weißem, ganz geschältem Reis, zum andern mit nur halb geschältem Reis ernährt. Während nun die Personen, die nur halb geschälten Reis erhielten, gesund blieben, erkrankten die mit ganz geschältem Reis ernährten in großer Zahl an B. Wurde nun der Reis in der Verpflegung gewechselt, so genasen die vorher an B. Erkrankten durchweg und meistens sehr schnell, und die früher bei der Ernährung mit halb geschältem Reis gesund gebliebenen Leute erkrankten an B., nachdem sie längere Zeit ganz geschälten Reis bekommen hatten. Diese Tier- und Menschenbeobachtungen lassen gar keine andere Erklärung zu, als daß der ganz geschälte Reis von ausschlaggebender ätiologischer Bedeutung für die Entstehung der B. sein muß. Zur Erklärung dieser Verhältnisse wurde zunächst angenommen, daß sich in dem ganz geschälten (uncured) Reis unter Umständen, z. B. durch langes Lagern, Verschimmeln, ja auch durch übermäßiges Kochen Gifte bilden, die für die Krankheit verantwortlich zu machen seien. Den nur halb geschälten (cured) Reis sollte das Silberhäutchen vor solchem Verderben schützen. Diese Annahme ist aber aus verschiedenen Gründen nicht haltbar, ein Gift konnte auch nirgends nachgewiesen werden. Als erster stellte Nocht die Theorie auf, daß die Krankheit durch den Mangel gewisser, zur Erhaltung der Muskeln und Nerven nötiger Stoffe in der Ernährung bedingt sei, und zwar nicht etwa durch eine ungenügende Nahrungszufuhr, auch nicht durch ein Mißverhältnis zwischen den großen, bekannten Gruppen der Nahrungsstoffe (Eiweißstoffe, Kohlehydrate, Fette, Salze), sondern durch den Mangel feinerer Stoffe unbekannter Art, die vom Körper nicht aus den einfacheren Nahrungsstoffen zusammengesetzt werden können, sondern vorgebildet in der Nahrung aufgenommen werden müssen und entweder selbst als Ersatz verbrauchter Körpersubstanz nötig sind oder als Vermittler der Assimilation eine Rolle spielen. Nocht veranlaßte Schaumann zu weiteren Nachforschungen, und Schaumann machte es in ausgedehnten Untersuchungen wahrscheinlich, daß der Phosphorstoffwechsel bei der Krankheit eine Rolle spielt. Bei einer überwiegend aus ganz geschältem Reis bestehenden Ernährung fehlen gewisse, hoch zusammengesetzte Phosphorverbindungen, die nur in halb geschältem Reis in den Resten des Silberhäutchens noch in genügender Menge vorhanden sind. Ebenso fehlen häufig auch diese Stoffe in lange gelagerten, harten, oft nur durch überlanges Kochen weich zu bekommenden Bohnen, Erbsen, in altem Schiffszwieback aus Weizenmehl und altem Pökelfleisch, einer Kost, die nicht selten auf Segelschiffen mit langer Reisedauer gegeben wird, und die dann unter Umständen zu Erkrankungen an Segelschiff-B. führt. Durch Zufuhr solcher Stoffe kann man B. bei einer Ernährung, die sonst erfahrungsmäßig zu B. führt, bei Menschen wie in Tierversuchen verhüten, und Tiere, die an beriberiartigen Erscheinungen erkrankt sind, oft erstaunlich schnell heilen. In der allerjüngsten Zeit sind aber auch phosphorfreie Verbindungen aus Reiskleie isoliert worden, die - wenigstens in Tierversuchen - eine ganz ähnliche schützende Wirkung haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Stoffe die Rolle eines Fermentes oder Enzyms spielen und die Aufnahme und Assimilierung der organischen Phosphorverbindungen vermitteln. Diese Verhältnisse bedürfen noch weiterer Aufklärung. Sie sind nicht bloß für die Erkennung des Wesens der B., sondern auch für die Lehre von der Ernährung und dem Stoffwechsel überhaupt von größter Bedeutung. Im übrigen darf als genügend sicher festgestellt gelten, daß zur Verhütung der B. bei Europäern wie bei Farbigen eine abwechslungsreiche, aus guten, unverdorbenen und wenigstens zum Teil frischen Nahrungsmitteln bestehende Ernährung von der allergrößten Bedeutung ist.

Literatur: Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder. Jena 1910. - v. Baelz und Miura in Menses Handbuch der Tropenkrankheiten. Lpz. (Joh. Ambr. Barth) 1905. - Nocht in Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde. Berl. und Wien. Urban und Schwarzenberg. - Nocht, Schaumann, Bodenwaldt in Verhandlungen der Deutschen Tropenmed. Gesellschaft, 1. Tagung, Archiv f. Schiffs- u. Tropenkrankheiten 1908, Beiheft 5. - Schaumann, ibid. 1910, Beiheft 8. - Schaumann, ibid. 1912.

Nocht.