Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 187 f.

Beschneidung. Die Verstümmelung der äußeren Geschlechtsteile durch Abtragung eines Teils oder dauernde Verletzung wird an Knaben und an Mädchen vorgenommen. Technisch handelt es sich bei den Mädchen um die Abtragung der Klitoris oder nur ihrer Spitze, auch wird nur die Vorhaut der Klitoris oder ein Teil der kleinen Schamlippen entfernt. Bei Knaben kommen drei Hauptformen vor: die Zirkumzision, durch die die Vorhaut ganz oder zum Teil abgetragen wird, die Inzision, d.h. die Spaltung der Vorhaut, endlich die Spaltung der Harnröhre durch Subinzision. Gelegentlich findet sich neben der B. auch die Durchbohrung oder Einschneidung der Eichel u.a. Die Verstümmelung wird bei beiden Geschlechtern mitunter bald nach der Geburt oder in den ersten Lebensjahren vorgenommen, verbreiteter ist jedoch die Sitte, sie an den Eintritt der Mannbarkeit zu knüpfen. - Die Verbreitung der B. deckt sich zunächst ungefähr mit der des Judentums und des Islams; darüber hinaus aber üben sie z.B. in Afrika die Christen in Abessinien, ferner die Hamiten und Bantu. Ein weiteres Verbreitungsgebiet umfaßt Indonesien, Melanesien und Polynesien; vielleicht darf auch Australien hierher gerechnet werden, wo die B. vielfach mit der Subinzision (Mika) verbunden ist. Das letzte große Verbreitungsgebiet befindet sich in Amerika. In keinem dieser Gebiete ist die Sitte völlig lückenlos nachgewiesen, doch ist nicht ohne weiteres erkennbar, ob die Lücken nur auf mangelhaften Berichten beruhen oder auf dem Verschwinden des früher geübten Brauches oder auf primärem Fehlen. Jedenfalls ist es nicht möglich, die B. als Erfindung eines einzigen Volkes anzusehen, von dem sie an andere weitergegeben wurde. Zwar mögen in neuerer Zeit islamische Einflüße, in alter ägyptische und semitische die Verbreitung in Afrika, erklären können, im Malaiischen Archipel darf man an Mohammedaner als Vermittler denken. Australien, Ozeanien, vor allem Amerika, wo die Spanier schon bei den Karaiben die Sitte vorfanden, so daß sie deren Verwandtschaft mit den Juden annahmen, lassen sich dagegen nicht mit dem östlichen Mittelmeergebiet verbinden. Auch die verschiedene Ausführung der B. erleichtert nicht ihre Zurückführung auf ein Volk. So hat es den Anschein, als wäre die Sitte von mehreren Völkern unabhängig erfunden worden. - Die Entstehung des Brauches ist nicht klar. Die B. der Mädchen dürfte fast überall eine vermeintliche Begünstigung der geschlechtlichen Verbindung darstellen, durch die sie heiratsfähig werden. Auch bei den Knaben erscheint sie als Vorbereitung für die geschlechtliche Funktion, wenn z.B. Unbeschnittene als zeugungsunfähig angesehen werden oder Frauen ihnen den Geschlechtsverkehr weigern (Alt- Calabar in Süd-Nigerien). Auch die Sitte der Mandingo, die abgeschnittene Vorhaut als kräftiges Zeugungsmittel bei sich zu tragen, gehört hierher. Folgerichtig wird die B. zur Voraussetzung für die Aufnahme unter die vollwertigen Männer und Krieger. - Neben der Zeugung sind religiöse Elemente mit der B. verknüpft. Bei den Mannbarkeitsfesten (s. Tafel 34) (Massai und Yao in Ostafrika, Howa auf Madagaskar u.a.) finden sich Elemente des Baum- und Feuerkultus, die wiederum mit mystischen Vorstellungen über die Fruchtbarkeit zusammenhängen (s. Pubertätsfeste). Als reinigende Handlung gilt die B. den Kikuyu, nach deren Glauben die Quelle aller Übel sich durch die Zeugung fortpflanzt, weshalb die Zeugungsorgane gereinigt werden müssen. Doch dürfte diese ethische Erklärung fremder Herkunft sein, da die Auffassung der B. als Reinigung an der ostafrikanischen Küste besteht und auch in Arabien heimisch ist. Auch soziologische Bedeutung besitzt der Brauch, so bei den Völkern, die die gemeinsam Beschnittenen als eng verbundene Freunde oder die mit dem Häuptlingssohne Beschnittenen als dessen Gefolgschaft betrachten. Immerhin mag der Zusammenhang der B. mit der Zeugung ein alter sein, denn er wurde möglich, sobald der Mensch sich des Zusammenhanges zwischen Beischlaf und Geburt bewußt geworden war. Über B. im. Islam s.d.

Literatur: Ploß-Benz, Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. Lpz. 1911.

Thilenius.