Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 197 f.

Bewaffnung a) der Schutz- und Polizeitruppen; b) der Eingeborenen in 1.Deutsch-Ostafrika; 2. Deutsch-Südwestafrika; 3. Kamerun; 4. Togo; 5. Deutsch-Neuguinea; 6. Samoa.

a) der Schutz- und Polizeitruppen: Die B. ist den verschiedenartigen Bedürfnissen der Schutzgebiete entsprechend eine recht mannigfaltige. Grundsätzlich wird, soweit angängig, auf die Bestände (auch bezüglich der Munition; s.d.) und Modelle der Heeresverwaltung zurückgegriffen. Gegenüber der einfacheren Kampfesweise und B. der Eingeborenen lassen sich auch ältere, in der Armee nicht mehr gebräuchliche Gattungen mit Vorteil verwenden. Andererseits machen die Eigentümlichkeiten des Kriegsschauplatzes, Transportverhältnisse und Klima Abweichungen und Neukonstruktionen notwendig, die die Waffenversorgung der Truppen verteuern und erschweren (Gebirgsgeschütze, tragbares Maschinengewehrmaterial u.a.m.). Soweit für Sonderkonstruktionen die Heeresverwaltung nicht in Frage kommt, erfolgt unter ihrer Mitwirkung die Lieferung durch die Privatindustrie. Die gemeinsame Verwendung von Schutz- und Polizeitruppe im Bedarfsfall wird durch möglichste Einheitlichkeit ihrer B. innerhalb desselben Schutzgebietes gewährleistet. Wegen Einzelheiten s. Waffen und Munition, Schutztruppen und Polizeitruppen.

b) der Eingeborenen. Wegen Einzelheiten s. ethnographischen Teil der Beschreibung der betr. Kolonie und Waffen der Eingeborenen.

1. In Deutsch - Ostafrika. Zur Führung einer Feuerwaffe - gegen jährliche Entrichtung von 1 Rupie - bedürfen die Eingeborenen der Erlaubnis der zuständigen Verwaltungsbehörde; für Hinterladergewehre, Pistolen usw. nebst zugehöriger Munition ist die, nur ausnahmsweise erteilte Genehmigung des Gouverneurs nötig; s. Feuerwaffen. Die ursprünglichen Trutzwaffen der Eingeborenen bestehen aus den verschiedensten Arten von Stoß- und Wurfspeeren, Bogen und Pfeilen mit und ohne Gift, Schwertern in Lederscheide, Äxten, langstieligen Haumessern, kurzen dolchartigen Messern und Keulen; zum Schutze bei Angriff und Verteidigung dienen Schilde von verschiedener Größe aus Holz, Leder oder Geflecht. An eingeführten Feuerwaffen finden sich im ganzen Schutzgebiet viele Tausende von Vorderladergewehren.

2. In Deutsch-Südwestafrika. Zum Tragen einer Feuerwaffe bedürfen Nichteingeborene und Eingeborene der behördlichen Genehmigung, ebenso zur Weitergabe von Waffen und Munition; s. Feuerwaffen. Von den Eingeborenen Deutsch-Südwestafrikas sind nur noch die Bastards und Bersebaner, die in den Aufstandsjahren 1904/07 der deutschen Regierung treu geblieben sind, mit Gewehren, und zwar zum größten Teil mit Hinterladern bewaffnet. Der Vorderlader ist fast ganz verschwunden. Die Ovambos im Norden des Schutzgebietes führen noch zum größten Teil Pfeil und Bogen, Speere verschiedener Art, dolchartige Messer in Holzscheiden, sowie den Kirri, d. i. ein Wurzelstock zum Schlagen oder Werfen, dessen oberes verdicktes Ende oft nach Art eines Haumessers mit einem zugespitzten Stück Eisen versehen ist. Die im übrigen ähnlich bewaffneten nomadisierenden Buschmänner sind ihres äußerst wirksamen Pfeil-(Pflanzen-)giftes wegen gefürchtet.

3. In Kamerun. Die Einführung von Feuerwaffen, Munition und Schießpulver ist für die Eingeborenen gemäß Brüsseler Vereinbarung vom 10. Okt. 1908 bis zum 15. Febr. 1913 verboten; s. Feuerwaffen. Im Busch-(Küsten-)gebiet herrscht der Vorderlader mit Feuersteinschloß, im Islamgebiet des Nordens Speer, Schwert, und Bogen vor; im Kameruner Mittelgebirgsland begegnen wir einer Vermischung beider Waffenarten. Allenthalben sind kurze Hüft- oder Dolchmesser, teils kunstvoller Ausführung, vertreten (s. Gefecht 7b). Der früher im Buschgebiet vorherrschende Speer und Bogen (Armbrust) dient seit Einführung der Feuerwaffe hauptsächlich der Jagd. In Eingeborenenschmieden (heimlich) hergestellte sog. "Kap"-Gewehre (für Zündhütchen statt Feuerstein abgeänderte Vorderlader) werden im Betretungsfall eingezogen; desgleichen die aus Zintgraffs Zeiten noch im Besitz der Bali und angrenzenden Stämme befindlichen Mausergewehre 71. Über die in den Islamgebieten vorhandenen modernen Hinterlader - meist französischen Ursprungs wird von den Dienststellen genaue Nachweisung geführt, ihre Einziehung bei sich bietender Gelegenheit verfügt. Das Pfeilgift, bei den Busch- und Mittelgebirgsstämmen durch die Feuerwaffe mehr und mehr in Vergessenheit geraten, spielt im Islamgebiet, insbesondere auch bei den dortigen Gebirgsheiden, eine mit Recht gefürchtete Rolle. Wurfmesser und Kirri (s. vorstehend unter 2) finden sich bei den Heidenstämmen des Nordens. Schilde verschiedener Größe und Form, aus Holz oder Leder oder Geflecht, sind nur bei den Stämmen des Mittelgebirgs- und Islamgebietes im Gebrauch. Ketten- und Wattepanzer, letztere auch für Pferde, sind im Islamgebiet besonders beliebt; bei den dortigen Heiden trifft man vereinzelt auch Lederpanzer an.

4. In Togo. Für den Handel ist nur das nichtgezogene Feuersteingewehr und sog. Handelspulver im Schutzgebiet zugelassen, ausgenommen einige Teile des Bezirks Sokode-Bassari, für die dieser Handel durch Verordnung vom 15. Nov. 1906 untersagt ist; s. Feuerwaffen. In den küstennahen Landschaften überwiegt das Feuersteingewehr, das zum Teil auch bei den organisierten Eingeborenenherrschaften des Hinterlandes bereits Pfeil und Bogen verdrängt hat. Diese bilden die hauptsächlichste B. der zahlreichen mehr oder weniger selbständigen und organisierten Heidenstämme. Schwert und Schild werden nur vereinzelt angetroffen.

5. Deutsch-Neuguinea. Die Abgabe von Feuerwaffen jeder Art an Eingeborene ist verboten; in Ausnahmefällen wird die Überlassung von Jagdflinten an Eingeborene vom Gouvernement genehmigt. Die HauptWaffen der Eingeborenen sind in verschiedener Verbreitung Speer, Bogen und Pfeil, Keulen, Schleudern, Schild. Im allgemeinen sind die Inselbewohner besser bewaffnet als die Bewohner von Kaiser-Wilhelmsland. Es ist damit zu rechnen, daß bei einzelnen Stämmen, insbesondere im Inselgebiet der Karolinen, aus früherer Zeit stammende oder unrechtmäßig erworbene Feuerwaffen verborgen gehalten werden.

6. Samoa. Die Einführung von Feuerwaffen jeder Art und ihr Besitz ist nur mit behördlicher Genehmigung gestattet. Die Abgabe von Feuerwaffen an Eingeborene ist verboten; nur Vogelflinten (Vorderlader) zum Taubenschießen dürfen nach eingeholter Genehmigung des Gouvernements an Eingeborene überlassen werden. Nach Entwaffnung, die nach der Flaggenhissung allmählich durchgeführt wurde, bilden längere Messer - nifo-oti genannt - die Haupt-B. der Eingeborenen. Die ursprüngliche B. bestand in Speeren, Keulen und Schleudern.

Zimmermann.