Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 210 ff.

Bilharziakrankheit (s. Tafel 16), Krankheit, die durch einen nach seinem Entdecker Bilharzia haematobia genannten, auch als Schistosomum haematobium bezeichneten Parasiten, der zur Klasse der Saugwürmer gehört, hervorgerufen wird. Das Männchen des Wurmes ist etwa 1 cm lang; das Weibchen ist beträchtlich länger, aber viel dünner als das Männchen und wird von dem letzteren in dessen "Canalis gynaecophorus" (einem Spalt, der durch Übereinanderschlagen der verbreiterten hinteren Körperabschnitte entsteht) dauernd mit herumgetragen. So leben die Männchen mit ihren Weibchen vereint in den Venen der Beckenorgane. Hier legt das Weibchen in die kleinen Blutgefäße seine mikroskopisch kleinen spitzschaligen Eier ab, die sich in kolossaler Menge im Gewebe ansammeln (s. Tafel 16) und allmählich sich nach dem Inneren der Blase und des Mastdarms hindurchbohren; denn sie müssen aus dem Körper des Menschen hinausgelangen, wenn sie sich weiter entwickeln sollen. Die Eier, die mit dem Urin entleert werden, haben fast durchweg einen endständigen Stachel, die mit dem Kote abgehenden dagegen meist einen seitenständigen. Manche Autoren nehmen an, daß die Eier mit Seitenstacheln einer besonderen Art (Schistosomum mansoni) angehören, während von anderer Seite betont wird, daß die B. haematobia sowohl Endstacheleier wie Seitenstacheleier hervorbringen kann. Jedenfalls ist es auffällig, daß in manchen Gegenden Amerikas anscheinend so gut wie ausschließlich Darmbilharziose (also Seitenstacheleier) angetroffen werden, während in Afrika, besonders in Ägypten, die Blasenbilharziose mit ihren Endstacheleiern ungemein verbreitet, und nur in einem Teil der Fälle mit Darmbilharziose kompliziert ist; doch kommt auch in Afrika reine Darmbilharziose nicht selten vor. - Kommen die Eier mit dem Kot oder Urin in reines Wasser, so schlüpft nach einigen Minuten oder etwas später eine bewimperte Larve (Miracidium) aus ihnen aus, die sich wie ein Infusionstierchen im Wasser herumtummelt. Was aus diesen Larven wird, ist noch nicht aufgeklärt; am wahrscheinlichsten ist es wohl, daß sie in eine Schnecke oder ein anderes Wassertier eindringen und sich darin ähnlich wie die Brut der ihnen verwandten Leberegel (s. Leberegelseuche) weiterentwickeln, doch vermuten einige Untersucher, daß sich vielleicht bereits das Miracidienstadium in den Menschen einbohren kann. Daß schließlich aber durch irgendwelche Stadien des Wurmes die Infektion in der Weise stattfindet, daß diese durch die Haut des Menschen, der sich in infiziertem Wasser aufhält, hindurchdringen, scheint sicher zu sein. Für eine nahe verwandte Art (B. japonica) ist letzteres jedenfalls einwandsfrei erwiesen (vgl. das Ende dieses Artikels). Die B. äußert sich hauptsächlich durch Beschwerden, die von seiten des Harn- Geschlechtsapparates und des Enddarmes ausgehen. Eine leichte Blasenbilharziose ist in manchen Gegenden Afrikas bei Knaben so häufig, daß sie fast als etwas Normales angesehen wird; sie äußert sich darin, daß am Ende der Harnentleerung einige Tropfen blutigen Urins gelassen werden. Schwere B. des Harn- Geschlechtsapparates - wie man sie freilich fast nur bei der ackerbautreibenden Bevölkerung Ägyptens antrifft - ist dagegen eine entsetzliche Krankheit, bei der es zu den schwersten Störungen der Blasenfunktion mit Harnfisteln und anderen Komplikationen kommt, und die nicht selten tödlich endet. Darmbilharziose äußert sich durch chronische Durchfälle mit oder ohne Blutbeimischung (s. Dysenterie) und kann ebenfalls zu sehr ernsten Erscheinungen führen und den Tod verursachen. Zuweilen scheint durch den Reiz der scharfspitzigen Eier, welche auch die sonstigen krankhaften Vorgänge bei der Bilharziose verschulden, Krebs der befallenen Organe zu entstehen. Da wir keine Mittel besitzen, um die Wurmeier aus dem Gewebe zu entfernen oder sie unschädlich zu machen, müssen sich unsere Heilbestrebungen darauf beschränken, die Beschwerden der Erkrankten durch Medikamente und Operationen möglichst zu lindern. Um sich vor der Krankheit zu schützen, bade man in Bilharziagegenden nicht in natürlichen Wasseransammlungen, die durch Menschenkot oder Urin verschmutzt sein könnten, resp. benutze aus solchen stammendes Wasser nicht zum Baden; letzteres ist auf Expeditionen freilich schwer durchführbar, während man auf der Station je meist Regenwasser zur Verfügung hat. Auch vor schlechtem Trinkwasser wird gewarnt, jedoch dürfte dieses für die Bilharziainfektion kaum in Betracht kommen. - Im Gegensatz zu der eingeborenen Bevölkerung, besonders der ackerbautreibenden, erkranken Europäer verhältnismäßig selten an B. und meist nur an leichteren Formen. Das Verbreitungsgebiet der Krankheit ist hauptsächlich Afrika; sie kommt jedoch auch dort nicht überall vor, sondern nur in bestimmten Gegenden. In unseren afrikanischen Kolonien ist sie mancherorts bei den Eingeborenen recht stark verbreitet, und zwar nicht nur Blasen-, sondern auch Darmbilharziose; nur in Südwestafrika scheint sie nicht heimisch zu sein. Jedenfalls macht die Bilharziose den Eingeborenen oft recht viel zu schaffen, ohne daß wir ihnen aber zurzeit eigentlich wirksam helfen könnten. Von rein theoretischem Standpunkte aus wäre das Baden resp. die Verschmutzung der Badestellen durch Kot und Urin zu untersagen. Badeverbote haben aber, wenn man sie nicht auf ganz bestimmte Tümpel beschränken und keinen vollwertigen Ersatz schaffen kann, natürlich auch ihre Kehrseite, ganz abgesehen von ihrer Durchführbarkeit bei einer afrikanischen Eingeborenenbevölkerung. Von manchen Teichen wissen übrigens die Neger sowohl in Ost- wie in Westafrika aus Erfahrung, daß deren Wasser (wie sie glauben durch Trinken) Blutharnen verursacht. Baden in der See kann man als unschädlich betrachten; stark fließendes Wasser dürfte weniger gefährlich als das von Tümpeln sein. - In Ostasien kommt ein naher Verwandter des Bilharziawurmes, die Bilharzia japonica (Schistosomum japonicum), bei Menschen und Haustieren vor. Der Wurm wird nachweislich, wie oben bereits erwähnt, nicht durch Trinkwasser, sondern durch Waten im Schlamme bei der Bestellung der Reisfelder erworben. Stellenweise spielt die durch ihn hervorgerufene "Katayamakrankheit" bei der Landbevölkerung Japans und Chinas eine sehr bedeutende Rolle, so daß sie im Hinblick auf unsere chinesische Interessensphäre nicht übergangen werden durfte. Die Katayamakrankheit verursacht niemals Blasenbeschwerden, sondern äußert sich hauptsächlich in Diarrhoen und zu Bauchwassersucht führenden Leberveränderungen.

Fülleborn.