Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 221
Blutarmut (Anämie) beruht gewöhnlich auf einer Verminderung der Zahl der roten Blutkörperchen; häufig ist sie kombiniert mit einer Verarmung der roten Blutkörperchen an Blutfarbstoff (Hämoglobin, s. d.), welch letztere Schädigung auch bei normaler Zahl der roten Blutkörperchen eine Blutarmut bedingen kann (Bleichsucht). Die B. macht sich klinisch bemerkbar in blasser Farbe des Gesichts und der sichtbaren Schleimhäute (Augenbindehaut, Lippen, Zunge) und in Schwäche, leichter Ermüdbarkeit, häufigem Frostgefühl, Schwindel- und Ohnmachtsanwandlungen, besonders beim Erheben aus horizontaler Lage. Die B. ist ein sehr häufiges Leiden der Europäer in den Tropen, so häufig, daß man lange Zeit annahm, daß lediglich durch den Aufenthalt in der Tropenzone eine B. herbeigeführt werden könne (Tropenanämie). Die fortschreitende Kenntnis der tropischen Infektionskrankheiten hat dahin geführt, daß man die Ursache der Tropenanämie in diesen Infektionskrankheiten erkannte, welche zu einer Schädigung des Blutes führen. In Wirklichkeit ist die Blutzusammensetzung des gesunden Europäers in den Tropen genau die gleiche wie die des Europäers in der gemäßigten Zone. Von Infektionskrankheiten, welche zu einer Schädigung des Blutes, zu Blutarmut, in den Tropen führen, ist in erster Linie zu nennen die Malaria (s. d.) und besonders das Schwarzwasserfieber (s. d.). Bei diesen Krankheiten kann es zu ganz außerordentlicher Verminderung der Zahl der roten Blutkörperchen kommen. Während im Kubikmillimeter Blut des Gesunden 5000000 rote Blutkörperchen gezählt werden, kommt es bei Malaria und Schwarzwasserfieber nicht selten zu Herabsetzungen auf 1000 000 und weniger. Entsprechend findet man auch den Farbstoffgehalt des Blutes bei diesen Krankheiten erheblich herabgesetzt, bisweilen auf Werte, die 1/5 bis 1/10 des Normalen betragen. - Von sonstigen tropischen Erkrankungen, welche zu B. führen, ist besonders die Wurmkrankheit (Ankylostomiasis, s. Ankylostomum duodenale) zu nennen, die in den Tropen eine enorme Verbreitung hat und die für Europäer und Farbige in gleicher Weise von Bedeutung ist. Die Kindersterblichkeit, besonders der Farbigen, in den Tropen beruht zum großen Teile auf einer durch Ankylostomiasis herbeigeführten B. Was die klinischen Erscheinungen der B. bei Farbigen anlangt, so sind diese schwerer zu erkennen als bei den Europäern, da die Hautfarbe der Farbigen die B. weniger hervortreten läßt. Immerhin ist der aschgraue Farbton der Haut für die B. des Negers charakteristisch. Werner.

DEUTSCHES KOLONIAL- LEXIKON (1920), Bd. I, S. 221.