Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 222 f.

Blutkrankheiten. Es ist zu unterscheiden zwischen primären Erkrankungen des Blutes und sekundären Schädigungen desselben durch Erkrankungen anderer Art (OrganKrankheiten, Tropische Infektionskrankheiten). Die letztere Form der Blutkrankheiten ist in Tropen die bei weitem häufigere (s. Blutarmut). Von primären (essentiellen) B. sind die wichtigsten auch in den Tropen vorkommenden die folgenden: 1. Bleichsucht (Chlorose), Blässe der Haut und der sichtbaren Schleimhäute, Herzklopfen, Schwäche. Die Bleichsucht ist eine Krankheit der Entwicklungsjahre, besonders des weiblichen Geschlechtes. Charakteristisch ist die Verminderung des Farbstoffgehaltes des Blutes bei im wesentlichen unveränderter Zahl der roten und weißen Blutkörperchen. Behandlung besteht in Schonung, hygienischer Einrichtung der Diät und Lebensweise und in der Darreichung von Eisenpräparaten. In den meisten Fällen ist der Verlauf ein günstiger. - 2. Leukämie. Eine fast immer tödlich verlaufende Krankheit, deren wichtigstes Kennzeichen in einer Vermehrung der weißen Blutkörperchen besteht. Die Beteiligung der blutbildenden Organe an der Krankheit findet ihren Ausdruck in Vergrößerung der Milz, der Lymphdrüsen und in Schmerzhaftigkeit der Knochen (Beteiligung des Knochenmarks). Je nach dem Vorwiegen einer einzelnen dieser Organstörungen in dem Krankheitsbilde unterscheidet man eine Lymph- (lymphatische), Milz- (lienale) und eine Knochenmarksform (myelogene) der Leukämie. Über die Ursache der Leukämie ist nichts Sicheres bekannt. - 3. Perniziöse Anämie, fortschreitende hochgradige Anämie (Blutarmut), die zu schwerer Erschöpfung und in den meisten Fällen zum Tode führt. Es ist noch fraglich, ob es sich bei der perniziösen Anämie um ein einheitliches Krankheitsbild oder um verschiedene Krankheitszustände handelt, die keine selbständige Bedeutung haben, sondern als Folgezustände anderweitiger konkurrierender Krankheiten anzusehen sind. - Die Erkennung von B. wird ermöglicht teils durch klinische Anzeichen (Blässe der Haut und der sichtbaren Schleimhäute), teils durch das Mikroskop, welches Abweichungen von der normalen Blutbeschaffenheit aufdeckt. Sehr wichtige Dienste leistet für die Diagnose auch die Zählung der Blutzellen, der roten und weißen Blutkörperchen, welche in einer sinnreich erdachten Zählkammer (Thoma-Zeiß) vorgenommen wird. Auch die Bestimmung des Farbstoffgehaltes des Blutes ist von großem Nutzen für die Erkennung von Blutkrankheiten. Sie wird ermöglicht durch den Vergleich der Blutflüssigkeit mit einer Farbenskala. Die gebräuchlichsten Apparate für diese Bestimmung sind die von Tallquist, Gowers, Fleischl und Sahli.

Werner.