Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 223

Blutschande, Geschlechtsverkehr zwischen nahen Blutsverwandten oder als solchen angesehenen Personen. B. gilt bei der Mehrzahl der Völker als strafbar, bei einer Minderzahl ist selbst die Geschwisterehe erlaubt. Nicht überall freilich gelten alle auf Grund der Ahnentafel (s. d.) Blutsverwandten als solche. In der totemistischen Gesellschaft (s. Totemismus) werden die Angehörigen einer Generation in jeder Sippe (s. d.) als Geschwister angesehen und dürfen untereinander geschlechtlich nicht verkehren, auch wenn tatsächlich keine besonders nahe Blutsverwandtschaft zwischen ihnen besteht. Jedes dieser Individuen darf jedoch ein anderes aus der durch Exogamie mit der eignen verbundenen Sippe heiraten, obgleich es mit ihm tatsächlich in naher Blutsverwandtschaft stehen kann. Indessen sieht man derartige Verbindungen z. B. in Melanesien nicht gern, während überall B. (oder was als solche gilt) härter als Ehebruch und oft mit dem Tode bestraft wird. (S. Ehe bei Naturvölkern. Inzucht.)

Thilenius.