Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 225 ff.

Bogen, die Waffe, die ihrer Entstehung nach noch nicht erklärt ist, aber mit wenigen Ausnahmen über die ganze Menschheit verbreitet oder verbreitet gewesen ist. Unbekannt ist sie den Australiern; sie fehlt auch, auf einer Reihe von Inseln in Amerika, Indonesien und Ozeanien. Allein sie kann dort früher vorhanden gewesen sein (mit Ausnahme wohl von Australien), denn noch in der Zeit, aus der Berichte vorliegen, läßt sich ihr Rückgang verfolgen. Sie verschwindet vor dem Feuergewehr, aber der Gebrauch des B. nimmt auch aus Gründen, die in den Völkern und ihrer Umwelt liegen, ab. So verringert sich die Größe und Sorgfalt der Ausführung, die Kriegswaffe wird nur noch Jagdwaffe für kleine Tiere und fristet schließlich eine Weile ihr Dasein als Kinderspielzeug, bis sie ganz verschwindet. Der Verwendung nach dient der B. zum Schleudern von Tonkugeln oder harten Früchten (Kugel-B. in Indien) oder von Pfeilen, die als Miniaturspeere aufzufassen sind (überall). Konstruktiv besteht der B. aus einem gekrümmten Stabe und der seine beiden Enden verbindenden Sehne. Neben der Form des Querschnitts (elliptisch, halbelliptisch, vierkantig, rund; mit einer Rinne auf der konkaven oder auf der konvexen Seite usw.) und der Länge des Stabes ist vor allem der Stab selbst und die Befestigungsart der Sehne von systematischer Bedeutung. Man unterscheidet 2 Hauptformen: A. Einfacher B. Ein Stab, wie man ihn vom Baum oder Busch schneidet, mit einem dünneren und einem dickeren Ende; der Regel nach wird auch das letztere dem ersteren entsprechend verjüngt geschnitten. Dieser B. war den Schweizer Pfahlbauern bekannt, über Europa (mit Ausnahme des Südostens) verbreitet und ist es noch in Amerika (außer dem höchsten Norden), in Ozeanien, Altindien, Arabien, Afrika (außer einigen kleinen Bezirken). B. Zusammengesetzte B. Der Stab besteht aus einem dickeren und annähernd runden Mittelstück, das sich jederseits in abgeflachte Flügel fortsetzt. Diese sind nach auswärts gebogen, so daß der B. eine konkave und eine konvexe Seite erhält. Die erstere trägt meist eine Rinne, die Hornstreifen aufnimmt und dann mit mehreren Schichten von Sehnen überdeckt ist, bis schließlich das Ganze mit Birkenrinde, Leder, Lackschichten u. a. überzogen wird. Der zusammengesetzte B. ist in Asien und Nordamerika verbreitet, reichte früher nach Westeuropa. Einzelheiten seiner Konstruktion sind in Afrika und Indonesien nachweisbar. Besehnung: Der zusammengesetzte B. trägt an jedem Flügelende eine scharf abgesetzte Verjüngung zum Aufstreifen der Sehne; ehe dies geschehen kann, müssen die Flügel zurückgebogen werden, so daß die Konkavität des unbespannten B. zur Konvexität (Außenfläche) des bespannten B. wird (Abb. 4). Dieses Bespannen erfordert große Kraft und Geschicklichkeit, dafür ist aber die Leistung des B. eine sehr große. Die Besehnung des einfachen B. ist wesentlich leichter. Der Stab trägt an seinen Enden entweder eine abgesetzte Verjüngung oder nahe der Spitze einen aus Rohrgeflecht, Holz u. a. gefertigten Wulst (Abb. 2, 3). Die Sehne besteht aus einem Bambusstreifen, Stuhlrohr, Pflanzenfaser, Leder usw. und wird mittels einer Schlinge aufgestreift. Andere in Afrika vorkommende Befestigungsarten zeigt die Abb. 1: Die "Sehne" aus einem Bambusstreifen ist mittels einer Schlinge aus anderem Material an den Stab befestigt, in den anderen Fällen ist die Ledersehne an den Stab gebunden, dann um den Stab gewickelt und verläuft schließlich durch eine Schlinge, durch das Stabende oder über eine Kerbe in ihm. Das Spannen des B. zum Schuß kann in verschiedener Weise geschehen: Daumen und Zeigefinger fassen den Pfeil, Mittel- und Ringfinger die Sehne; Zeige- bis Ringfinger fassen die Sehne, wobei der Pfeil zwischen Zeige- und Mittelfinger liegt; der gekrümmte und durch einen breiten Ring geschützte Daumen umfaßt die Sehne, der Pfeil liegt auf dem Daumen an den Zeigefinger gelehnt usw.

Literatur: Neben Monographien (Ratzel, Afrik. B.; Adler, v. Luschan, Asiat. B.; Frobenius, Ozean. und afrik. B. u. a.) L. Frobenius, Urgeschichte des Krieges, Bd. I. Hannover 1902. - Ders., Kulturtypen aus dem Westsudan, Peterm. Mitt., Erg.-H. 166. Gotha 1910.

Thilenius.