Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, 302

Brandenburgisch-preußische Kolonialgeschichte Da das alte Reich bei der Lockerkeit seines Gefüges und der Nullität seiner Mittel für die Kolonialpolitik nicht in Frage Kam, konnten nur die deutschen Territorien ihre Träger sein. Von diesen hat sich aber, wenn man von gewissen Ansätzen Österreichs absieht (Welser in Venezuela), die sich auf die habsburgischen Niederlande gründeten, energisch allein der brandenburgisch- preußische Staat in kolonialer Richtung betätigt. "Seefahrt und Handel sind die fürnehmsten Säulen eines Estats" hat der Große Kurfürst einmal gesagt. Dementsprechend hat er sein Leben lang zu handeln versucht; in den Zusammenhang dieser Bestrebungen gehört auch - selbstverständlich seine Kolonialpolitik. Der Verwirklichung der kolonialen Pläne Friedrich Wilhelms gingen mehrere Projekte voraus, die nicht zu entscheidender 'Tat gediehen sind. Schon vor dem Westfälischen Frieden setzen diese Bestrebungen ein. Von 1647/52 beschäftigte er sich intensiv mit dem Plane einer kurbrandelnburgisch-ostindischen Kompagnie. Sein vornehmster Ratgeber in allen diesen Dingen war damals der holländische Admiral Arnold Gijsels van Lier (geb. etwa 1593 in Gelderland), der 1647 in brandenburgische Dienste trat. Allein diese Ideen, konnten ebensowenig verwirklicht werden, wie die einer späteren Zeit (1660/61), in der der Kurfürst eine brandenburgisch-ostindische Kompagnie im Bunde mit Österreich und Spanien zu errichten bestrebt war. Und zwar scheiterten sie sowohl an den inneren Schwierigkeiten wie an der Hinwendung der brandenburgischen Politik zu England (Handels- und Schiffahrtsvertrag vom 20. Juli 1661). Als dann der Große Kurfürst in den 80er Jahren abermals an koloniale Projekte herantrat, war die Lage insofern außerordentlich viel günstiger, als er nun über eine Kriegsmarine verfügte, die zwar nicht um der Kolonialpolitik willen geschaffen worden war, ihr aber dennoch zugute kam. An Stelle Gijsels war inzwischen als vornehmster Ratgeber auf diesem Gebiete ein anderer Holländer getreten: Benjamin Raule (geb. 1634 zu Vlissingen, gest. 1707 zu Hamburg), "der erste und einzige Generaldirekter der Marine, den Brandenburg-Preußen gehabt hat". Nachdem unter lebhafter Feindschaft der Holländer vom Jahre 1680 an Fahrten nach der Goldküste unternommen und schon Verträge mit den Eingeborenen geschlossen worden waren; erfolgte am 17. März 1682 die Gründung der "Handelskompagnie auf den Küsten von Guinea", deren Sitz bald nach Emden verlegt wurde und deren Grundkapital 50000 Taler betrug, von denen der Kurfürst 8000 zeichnete. Noch 1682 segelte die erste Expedition der jungen Kompagnie, die beiden Schiffe "Churprinz" und "Morian" nach der Goldküste; am Neujahrstag 1683 hißte, nach Erneuerung jener Verträge mit drei Häuptlingen, der Major Otto Friedrich v. d.Gröben die brandenburgische Flagge am Kap der drei Spitzen und gründete eine befestigte Ansiedlung, der er den Namen Großfriedrichsburg gab. In den folgenden Jahren wurde durch weitere Verträge mit Negerfürsten der Besitz an der Goldküste vermehrt. Dazu kam im Jahre 1687 ein Erwerb in einem andern Teile Afrikas: Durch einen Vertrag vom 20. Dez. dieses Jahres trat der Herrscher der kleinen Insel Arguin, südöstlich vom Kap Blanko in Nordwestafrika, diese an Brandenburg ab. Sie war zwar völlig unfruchtbar, aber sie hatte kommerzielle Bedeutung (Gummihandel). Inzwischen hatte die Kolonialpolitik des Großen Kurfürsten auch auf die neue Welt übergegriffen. Im Jahre 1686 räumte Dänemark der brandenburgischen Kompagnie wichtige Siedlungs- und Handelsrechte auf der westindischen (dänisch bleibenden) Insel St. Thomas ein. Dagegen schlug das abermals auftauchende Projekt einer ostindischen wie das einer isländischen Kompagnie fehl. Der koloniale Handel des Großen Kurfürsten hatte mit der erbitterten Gegnerschaft mehrerer Staaten, oder genauer genommen, von deren Handelskornpagnien zu kämpfen. Vor allem kamen die Franzosen und in noch im weit höherem Maße die Holländer in Betracht. Die Gegnerschaft steigerte sich bei beiden bis zur offenen Feindseligkeit, so zur Wegnahme von Schiffen, zur Verhinderung des brandenburgischen Handels und zur Eroberung von brandenburgischen Plätzen (Accada und Taccarary) an der Goldküste. Mühsam erhielt der Große Kurfürst Genugtuung. Auf seinem Sterbebette erfreute ihn noch die Nachricht, daß die Stadt Amsterdam bei der holländisch-westindischen Kompagnie, welche die letztgenannten Schandtaten verübt hatte, für die Berechtigung der Genugtuungsforderung des Kurfürsten eintreten wolle. Die letzte Parole, die er ausgab, war infolgedessen "Amsterdam". Diese unmittelbaren Bedrohungen und Räubereien brachten es mit sich, daß von einem regelmäßigen und zuverlässigen Geschäft und Gewinn keine Rede sein konnte. Immerhin scheint eine Bilanz aus dem Jahre 1687 eine nicht unbefriedigende Geschäftslage zu ergeben.

Der Nachfolger des Großen Kurfürsten, Friedrich III., als König der I., 1688 (1701)- 1713, setzte die Kolonialpolitik seines Vorgängers fort. Aber er stieß dabei, weil ihm persönlich die Größe und politisch das Ansehen des Vaters fehlte, auf noch weit größere Schwierigkeiten als dieser. Die Holländer und Franzosen gingen rücksichtsloser vor denn je; dazu gesellte sich feindseliges Verhalten der Dänen auf St. Thomas. Die Finanzen der Kompagnie verschlechterten sich gleich in seinen ersten Jahren erheblich, hauptsächlich durch Totalverlust von Schiffen, der teils auf deren Untergang, teils auf ihrer Erbeutung durch französische Kaper beruhte. Gegenüber diesem Rückgang bedeutete es wenig, daß einige Inselchen neu besetzt oder gekauft wurden, so (1689) die kleine Krabbeninsel bei St. Thomas, so die Insel Tertholen im Karibischen Meere (1696). Besonders rapide wurde der Niedergang seit 1698. "Vom Jahre 1704 an bietet die einst so stolze .Kompagnie nur noch ein Bild des Jammers. Ihre Finanzen Wiesen ein riesiges Defizit auf. Arguin und Großfriedrichsburg waren infolge von Proviantmangel nur noch mühsam zu halten und infolge von Mangel an Waren zu geschäftlicher Nichtigkeit verdammt. Auch die nicht geringen Anstrengungen der letzten Jahre Friedrichs I. haben daran nichts Wesentliches geändert. Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), der große innere König, der Schöpfer der preußischen Staatsgesinnung, hatte - in der auswärtigen Politik überaus vorsichtig, wie er war - für Unternehmungen keinen Sinn, welche fortwährend zu Verwicklungen mit den fremden Mächten Anlaß gaben und die überdies durchaus keinen unmittelbaren Gewinn erhoffen ließen. Es ist sogar mehr als fraglich, ob er die kolonialen Schöpfungen seiner beiden Vorgänger aufrecht erhalten hätte, auch wenn er sie in blühendem Zustande übernommen hätte. Wie es war, stand ihm wohl von Anfang an der Entschluß fest, sie aufzugeben. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, die Kolonien loszuschlagen, verkaufte er die afrikanischen Besitzungen, einschließlich Arguins, 1717 für 6000 Dukaten an die alte Gegnerin, die holländisch-westindische Kompagnie. Aus St. Thomas zog sich Preußen endgültig erst 1731 zurück. Der letzte Grund, warum die immerhin großartige Kolonialpolitik des Großen Kurfürsten und seines Sohnes nicht von dauerndem Erfolg begleitet war, lag in der maritimen Schwäche ihres Staates. Die brandenburgische Flotte - die unerläßliche Vorbedingung für die Kolonialpolitik - genügte nicht, um die flottenstarken, älteren Kolonialvölker von einer Störung des Handels und einer Zerstörung der Kolonien der Brandenburger abzuschrecken. So wurden deren Unternehmungen für die brandenburgischen Kolonien von vernichtender Bedeutung. Auch damals hat es sich erwiesen, daß Macht die unerläßliche Vorbedingung für Handel, Seefahrt und Koloniengründung ist.

Literatur:
Das bis heute maßgebende Werk: Richard Schück, Brandenburg-Preußens Kolonialpolitik unter dem Großen Kurfürsten und seinen Nachfolgern (1647-1721), 2 Bde., Lpz. 1889. Bd. I: Darstellung. Bd. II: Urkunden und Aktenstücke. Das Werk enthält auch ein reiches Literaturverzeichnis. E. Heyck, Brandenburgisch- Deutsche Kolonialpläne. Zeitschr. F. Geschichte des Oberrheins,41 (N.F. 11., Bd. 2).
Hofmeister, Die maritimen und kolonialen Bestrebungen des Großen Kurfürsten. Emden 1886.
Paul Darmstädter, Geschichte der Aufteilung und Kolonisation Afrikas seit dem Zeitalter der Entdeckungen. Bd. 1: 1415-1870. 1913. Zweiter Abschnitt