Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 241 f.

Brillenschlangen, Hutschlangen, große und höchst gefährliche Giftschlangen aus der Unterfamilie der Giftnattern (s.d.), ausgezeichnet durch die Fähigkeit, ihren oft mit einer lebhaften Zeichnung geschmückten Hals durch Seitwärtsstellen der vorderen Rippenpaare hut- oder schildförmig auszubreiten. Die B. sind in ihrer Verbreitung auf Afrika und Südasien beschränkt. Zu den asiatischen Arten zählt das Urbild der Gruppe, die Indische B. oder Cobra di Capello (Naja tripudians), eine 1,5 m lange Schlange von lohgelber oder brauner Grundfarbe, die auf dem Halse regelmäßig eine helle, gewinkelte, zwei schwarze Augenflecken umschließende Binde trägt, die sog. Brille. Auf ihre Rechnung ist der größte Teil jener Tausende zu stellen, die in dem dichtbevölkerten Vorderindien alljährlich dem Bisse der Giftschlangen zum Opfer Fallen. Im östlichen Teile ihres Verbreitungsgebietes tritt neben ihr die Königshutschlange (Naja bungarus) auf. Sie trägt keine Brillenzeichnung, sondern auf dunklem, olivengrünem oder braunem Grunde weißliche Querbinden. Bei einer Länge von mehr als 4 m ist sie die gewaltigste und wohl auch furchtbarste aller Giftschlangen. Unter den afrikanischen Formen ist die Uräusschlange (Naja Haie), auch Haie und Ägyptische B. genannt, die bekannteste. Ihr Gebiet erstreckt sich über Nord- und Ostafrika, südwärts bis Transvaal, doch scheint sie in Deutsch-Ostafrika zu fehlen. An Größe erreicht die Haie mehr als 2 m; die Färbung schwankt zwischen Strohgelb und tiefem Schwarz, die südafrikanische Form trägt auf dunklem Grunde weiße Querbinden. Im Äquatorialafrika wird die Uräusschlange durch die Afrikanische B. (Naja melanoleuea, s. farbige Tafel Tropische Giftschlangen, Abb. 4) ersetzt, die an Größe ihre Verwandte noch etwas übertrifft und auf dem Halse häufig eine lichte Brillenzeichnung erkennen läßt, die den afrikanischen Arten sonst durchweg fehlt. Die verbreitetste B. Afrikas ist die sog. Speischlange (Schwarzhals, schwarze Mampa, Naja nigricollis). Wie schon der Name andeutet, speit diese Schlange, wie dies übrigens wohl auch andere B. tun, eine ätzende Flüssigkeit gegen den Angreifer, der für ihre Zähne nicht erreichbar ist, und sie soll sogar mit großer Sicherheit auf mehrere Schritte Entfernung den Kopf und die Augen des Gegners zu treffen wissen. - Die merkwürdige, höchst auffallende Drohstellung, die die Hutschlangen in gereiztem Zustande annehmen, hat sie von altersher zu einem besonders dankbaren Objekte für die Vorführungen der Schlangenbeschwörer und Gaukler gemacht. Den dabei benutzten Tieren sind in der Regel die Giftzähne ausgerissen, doch kommt es auch, wenigstens in Indien, vor, daß der Beschwörer sich lediglich auf seine Gewandtheit verläßt, und seiner Kühnheit alsdann auch wohl gelegentlich zum Opfer fällt. - Bei ihrer schlanken Körperform und dem ovalen, wenig vom Halse abgesetzten Kopie sind die Hutschlangen, wie alle Giftnattern, solange sie nicht ihre charakteristische Drohstellung eingenommen haben, nur sehr schwer von harmlosen Schlangen zu unterscheiden, ein Umstand, der ihre Gefährlichkeit nicht unwesentlich erhöht. Ganz besonders gilt das für die nahe verwandten großen Baumgiftschlangen der Gattung Dendraspis, die von harmlosen grünen Baumschlangen bei flüchtiger Betrachtung kaum zu unterscheiden sind. Die B. stellen hauptsächlich anderen Reptilien und Lurchen nach. Naja bungarus soll vor allem Verwandte der eigenen Ordnung verfolgen, und das gleiche gilt von Naja melanoleuea. Sie selbst werden von Raubsäugern (Ichneumon, Mungos) und Raubvögeln (Kranichgeiern) heftig verfolgt.

Sternfeld-Tornier.