Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 255 ff.

Buren (holl.: Boers, gleichbedeutend mit "Bauern") nennt man keineswegs nur die ländlichen Ansiedler niederländischer Sprache in den älteren Kolonialländern von Südafrika. Vielmehr hat sich das Wort im Laufe der Zeit alle Rechte des Namens einer Nation erworben, so daß dieser in den Kämpfen zu Beginn des Jahrhunderts eine weltgeschichtliche Bedeutung zu erlangen vermochte. Ihrer Herkunft nach sind die B. durchaus nicht reinblütige Holländer, obwohl das niederländische Blut unter ihnen überwiegt. Nicht unbedeutend ist die Beteiligung Deutscher an der allmählichen Heranbildung des Volkes U. a. stammte auch der nachmals so berühmte Präsident P. Krüger von deutschen Voreltern. Fast mehr noch als Deutsche zählen die heutigen Niederländer Südafrikas Franzosen zu ihren Stammvätern, denn auch die hugenottische Einwanderung in die Kapkolonie ist nicht unbeträchtlich gewesen. Zahlreiche Familiennamen französischen Ursprunges, wie de Villiers, du Toit, du Plessis u.a., erinnern noch heute an diese Vergangenheit, wenngleich die Nachkommen der Hugenotten geistig ganz im Holländischen aufgegangen sind. Körperlich erinnert indessen der nicht eben seltene dunklere Typus an diese Mischung von Niederländern und Franzosen. Die Namen der B., auch manche französische, begegnen uns bei den Bastards (s.d.) unseres Schutzgebietes wieder, da deren Voreltern die Familiennamen ihrer ehemaligen Herren und Erzeuger angenommen haben, wie sie ja auch sonst, in Lebensweise und Beschäftigung, an die einfachen Bauern der innern Kapkolonie erinnern. Vergegenwärtigt man sich die Entstehung des B.volkes und seine Geschichte, so wird man sich hüten, die übertriebenen Lobeserhebungen auf der einen, gehässige Angriffe auf der anderen Seite zu billigen. Zu den entschieden lobenswerten Eigenschaften des burischen Charakters gehören unbestritten eine tiefe Religiosität, deren Äußerungen in kirchlichen Gebräuchen etwas Puritanisches an sich tragen, ferner ein recht gesunder Bauernverstand sowie eine bewundernswerte Zähigkeit und Ausdauer gegenüber den Unbilden und Schwierigkeiten, welche die afrikanische Natur dem Vordringen in die Wildnis bereitete. Zu diesem allen kommt noch ein hochentwickeltes Gefühl für Unabhängigkeit, das sich allerdings auch in einer gewissen Abneigung gegen notwendige Autorität, wie z. B. in militärischen Dingen, zu äußern pflegte. - Dagegen fehlt dem B., zumal dem ländlichen, die Gewandtheit des Denkens und Handelns, die den Engländer als Kolonisten von jeher auszeichnet. Rückständigkeit der Anschauungen und Mangel an Bildung, die den Niederländern Südafrikas nicht selten hinderlich gewesen sind, darf man aber schließlich nicht sowohl ihrem Charakter als vielmehr der Umgebung zuschreiben, in der sie und vornehmlich wieder die ländlichen Kreise, seit einer Reihe von Generationen zu leben genötigt waren. Ursprünglich und in ihrer Hauptzahl noch heute ein echtes Bauernvolk mit allen guten und allen Schattenseiten ihrer niederdeutschen Berufsgenossen in Europa, eignen sie sich ausgezeichnet zur ersten Erschließung neuen Landes, weniger zu seiner Weiterentwicklung ohne fremde, in diesem Falle also deutsche oder englische Beeinflussung. Ihren Charakter als minderwertig zu bezeichnen, wie dies selbst in Parallele zu Eingeborenen von manchen Seiten geschehen ist, zeugt im besten Falle von einem ebenso bedauernswerten Mangel an Urteil wie die Verhimmelung, die man ihnen in Europa während des großen südafrikanischen Krieges hat zuteil werden lassen. - Die Sprache der B., das Afrikanerholländische, ist ein weniger fortentwickeltes Niederländisch, das manche fremde Ausdrücke aufgenommen hat, das aber im allgemeinen selbst dem einfachen Kenner der platten Dialekte Nordwestdeutschlands durchaus verständlich ist. Diese Form der holländischen Sprache hat sich in einem großen Teil des außertropischen Südafrika den Rang einer Verkehrssprache erworben. Vorwiegend wird das sog. Kapholländisch noch jetzt im Innern der westlichen Kapkolonie gesprochen, ferner aber in den ländlichen Teilen der ehemaligen B.staaten. Auch in Deutsch- Südwestafrika bildete es gewissermaßen die allgemeine Verkehrssprache. Zwar war es im Süden verbreiteter als im Norden, doch fanden sich in jeder größeren Hererowerft einzelne Leute, die diese Sprache wenigstens einigermaßen verstanden. Die Niederländer traten als die ersten Kolonisten in der Kapkolonie bereits im Jahre 1601 auf, doch erst 1652 wurde Kapstadt gegründet. Schon vor der napoleonischen Zeit versuchte England sich der damaligen holländischen Besitzungen zu bemächtigen, aber erst 1806 wurde das Land für immer englisch, ein Zustand, der 1814 im Pariser Frieden endgültig besiegelt wurde. Zu ernsten Zwistigkeiten mit der englischen Regierung führte die unvorsichtige und teilweise ganz verkehrte Behandlung der Eingeborenenfrage durch die Briten. Ein nicht geringer Teil der B. wanderte aus und half im Osten und Nordosten jene Niederlassungen gründen, aus denen nach mannigfachen und wechselvollen Schicksalen die Kolonie Natal und die beiden B.republiken, der Oranjefreistaat und Transvaal, entstanden sind. Das Schicksal dieser selbständigen Staaten wurde dann im Beginn dieses Jahrhunderts durch den großen Südafrikanischen Krieg zuungunsten der B. entschieden. Gleichwohl scheint es, daß sie als Nation neben und unter den Engländern weiter bestehen werden. Ein friedliches Zusammenarbeiten beider Völker wird infolge ihrer verschiedenen, sich aber gegenseitig ergänzenden kolonisatorischen Begabung für Südafrika ebenso vorteilhaft sein, wie es sich in einzelnen Landschaften unseres Schutzgebietes als günstig erweisen dürfte. Auch Deutsch- Südwestafrika hat verschiedene Berührungen mit dem burischen Element erlebt. Einzelne Händler und Frachtfahrer gab es schon lange innerhalb des heute deutschen Gebiets. Eine wirkliche Niederlassung von rund 20 Familien fand dagegen erst um die Mitte der achtziger Jahre im Norden des Schutzgebietes, in der Gegend des heutigen Grootfontein statt. Planmäßig in das Land zu ziehen versuchte sie Graf J. v. Pfeil (s.d.), der im Jahre 1892 mit einer Kommission von B. nach Windhuk kam; die Siedlungsgesellschaft (s.d.), als deren Beauftragter er reiste, beabsichtigte auf Grund der von ihm geführten Verhandlungen zunächst etwa vierzig Familien im Osten des Windhuker Gebietes seßhaft zu machen, von deren Anwesenheit man vor allem einen heilsamen Einfluß auf die übermütigen Herero (s.d.) erhoffte. Dieses Projekt fand indessen nicht die Genehmigung der Regierung. Erst um die Mitte des letzten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts finden wir eine größere Anzahl holländischer Ansiedler im Schutzgebiet, und ihre Anwesenheit erwies sich in den ersten unruhigen Zeiten, die die Kolonie gerade damals durchzumachen hatte, in verschiedener Hinsicht als nützlich. - Im Jahre 1901 gab es im Schutzgebiet 575 Einwohner, die die Staatsangehörigkeit des damaligen Oranjefreistaates und des Transvaal besaßen und die wohl zum größten Teile Holländer waren. Rechnet man zu ihnen die Zahl der B. von Grootfontein und einen Teil der als "Weiße ohne Staatsangehörigkeit" im Bezirk Gibeon angesiedelten Leute, so geht man mit der Annahme wohl nicht fehl, daß vor dem Ausbruch des großen Eingeborenenkrieges mindestens 600 Angehörige des B.volkes innerhalb des Schutzgebietes angesiedelt waren. Namentlich im Jahre 1901 hat nach der amtlichen Statistik eine sehr starke Zuwanderung von Transvaal-B. stattgefunden, die unmittelbar auf den damals ausgebrochenen südafrikanischen Krieg zurückzuführen war. Diese Einwanderer hatten sich namentlich in den südöstlichen Bezirken des Schutzgebiets niedergelassen. Ihre Zahl dürfte auch heute noch recht beträchtlich sein, da der größte Teil der von der amtlichen Statistik als Kolonialengländer verzeichneten Weißen burischer Abkunft ist. Auch von ihnen sind weitaus die meisten im Namalande, vorzüglich in den Bezirken Gibeon und Warmbad ansässig. Eine Anzahl von B. finden sich endlich auch im Sambesigebiet des Caprivizipfels. - In Deutsch- Ostafrika wanderten seit 1905 eine Anzahl von B.familien ein, nachdem in den beiden vorhergehenden Jahren Erkundungen des Landes durch vorausgesandte Vertrauensleute stattgefunden hatten. Sie ließen sich hauptsächlich am Meruberg nieder, wo ihnen von der Regierung Farmland zugewiesen wurde. Ein Teil der B., dem es weniger auf Farmbetrieb als auf Abschuß des Wildes ankam, verließ bald wieder das Land. Die übrigen blieben im Schutzgebiet und wurden später noch durch neu hinzuziehende B. verstärkt. Am 1. Jan. 1912 befanden sich nach der amtlichen Statistik 233 B. im Schutzgebiet (unter 268 Kolonialengländern), die sämtlich im Bezirk Moschi (einschl. Aruscha) ansässig waren. Diese B. wohnen größtenteils an den Abhängen des Meruberges, einige auch am Kilimandscharo. Sie betreiben auf ihren Farmen die Zucht von Rindern, Schafen und Ziegen. Auch mit der Straußenzucht sind von einzelnen B. Anfänge gemacht worden. Daneben wird meist, wo es die Wasserverhältnisse gestatten, etwas Getreide, Mais, Kartoffeln usw. gebaut, vereinzelt auch Kaffee. Viele der B. haben vor Vollendung der Eisenbahn nach Moschi durch Frachtfahren Geld verdient, in beschränkterem Maße wird jetzt noch der Frachtverkehr von Aruscha am Meru nach der Eisenbahnstation Neu-Moschi von ihnen wahrgenommen.

Literatur: Klössel, Die südafrikanischen Republiken. Lpz. 1888. - H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891. - K. Dove, Südwestafrika, Kriegs- und Friedensbilder aus der ersten deutschen Kolonie. Berl. 1896. K. Schwabe, Mit Schwert und Pflug in Deutsch- Südwestafrika. 2. Aufl., Berl. 1904. - Amtl. Jahresber. der deutschen Schutzgebiete.

Dove.