Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band I, S. 2

Buschmänner (hierzu die Tafel 21 u. 22), Volk in Deutsch-Südwestafrika, das sich selbst San nennt. Die ethnographische Stellung der B. ist nach den bis heute vorliegenden Beobachtungen kaum zu entscheiden. Sowohl die Anschauung, daß wir in diesem merkwürdigen Volke die südafrikanische, mit den kleinen Völkern Innerafrikas zusammenhängende Urrasse zu sehen haben, wie die gegenteilige, daß wir es hier nur mit einem herabgekommenen Zweige der Hottentotten (s.d.) bzw. mit einem diesen sehr nahestehenden Volke zu tun haben, besitzt auch unter den persönlichen Kennern der San ihre Verfechter. Selbst die körperlichen Merkmale geben keinen sicheren Anhalt, da bei vielen als B. geltenden Eingeborenen tatsächlich eine große Ähnlichkeit besteht, die aber andererseits wieder als durch nachträgliche Mischung entstanden oder verstärkt gelten kann. So ist auch die Ansicht über die jedenfalls vorhandenen Beziehungen zur hottentottischen Rasse verschieden. Denn entgegen der eben gestreiften Auffassung, nach der die B. ursprünglich mit dieser identisch seien, betonen einige Forscher, daß umgekehrt die Hottentotten aus jenen hervorgegangen seien und zwar durch Vermischung einer höher stehenden, hellen Rasse mit dem südafrikanischen Urvolke. Sicherlich nicht reinblütig, sondern mit Hottentotten gemischt sind die in der Namib, der westlichen Wüstenregion des Schutzgebietes lebenden B., aber selbst von den im fernen Nordosten lebenden Vertretern des sonderbaren Menschenrestes wird angenommen, daß sie in einzelnen Stämmen bereits stark mit Mischlingen durchsetzt sind. Am reinsten sind wohl die innerhalb der Kalahari lebenden Vertreter des Volkes erhalten, während schon von den im Westen dieser Steppe wohnenden B. des Ostnamalandes das eben Gesagte gilt. Einzelne Forscher haben eine gewisse Verschiedenheit der Gesichtszüge des B. und des Hottentotten festgestellt. Die Hautfarbe gleicht sich bei beiden, denn der rötliche Unterton, der sich bei ersterem findet, ist auch manchen Hottentottenstämmen, wie denjenigen von Hoachanas, eigen. Bezeichnend ist die Kleinheit; an Größe werden die reinblütigen San entschieden von den Naman übertroffen, obwohl diese selbst zu den kleinen Völkerschaften gehören. Die mittlere Größe der Frauen dürfte nach den an verschiedenen Stämmen angestellten Messungen sich auf rund 145 cm, diejenige der Männer auf 150-155 cm belaufen. Von einem eigentlichen Zwergenwuchs kann also bei den B. nicht wohl die Rede sein, wohl aber von einer hinter dem hottentottischen Durchschnittsmaß ziemlich stark zurückbleibenden Körpergröße. Charakteristisch für den Körperbau des B. ist ferner ein schlanker, sehniger Bau der Glieder, zu dem der eigentümliche Hängebauch nicht selten in Gegensatz steht. Auch die Steatopygie (s.d.), jene auffallende Entwicklung des Gesäßes, die wir bei den Hottentottenfrauen kennen, ist bei den Weibern der B. beobachtet worden. Der Kulturstand, in welchem die B. leben, gehört zu den niedrigsten, die uns bekannt sind. Zu einer selbständigen produktiven Tätigkeit haben sie es nirgends gebracht. Vielmehr führen sie die Lebensweise eines echten Sammler- und Jägervolkes, zeigen aber in dieser Tätigkeit eine durchaus nicht geringe geistige Befähigung. Besonders in früherer Zeit, wo die ungeheueren Wildbestände noch nicht durch die Massenschlächterei weißer Jäger dezimiert waren, waltete beim B. das Jägertum vor. Mit Hilfe von Fallgruben, meilenlangen Wildgattern und Fallen gut durchdachter Konstruktion erlegte er die größeren Tiere. Mit Hilfe, des Hakenstocks, einer langen, aus mehreren Stäben zusammengebundenen Stange mit vorn befestigtem Haken, holte (und holt er auch heute noch) den Springhasen aus seinem Erdloch, den Nashornvogel aus seinem Nest. Andere Waffen für Krieg und Jagd sind Bogen und Pfeil, Kirri und Speer. Während der Bogen die Einfachheit selbst ist, nämlich eine kaum bearbeitete Spindel aus Greviaholz (s. Tafel 22, Abb. 5) mit Schnur aus Gemsbocksehnen, weist der Pfeil in seinem Bau auf einen ganz außergewöhnlichen Scharfsinn hin. Der Schaft besteht durchweg aus Schilfrohr (s. Tafel 22, Abb. 4). Soweit es nötig ist, wird er zwischen zwei mit je einer Querrille versehenen Steinen (s. Tafel 22, Abb. 13 a, b) gerade gebogen und geglättet. Die Spitze ist verschiedenartig je nach dem für sie bestimmten Ziel und den ihrem Verfertiger zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Für Kleinwild besteht sie aus einem einfachen, zugespitzten Knochenpfriem mit lang auslaufendem, stets vergifteten Vorderende. Die Mehrzahl jedoch ist aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, wobei kleine Muffen aus Gras usw. die Verbindung der Teile vermitteln (s. Tafel 22, Abb. 2). Die Einrichtung verfolgt den Zweck, beim Herausziehen des Geschosses aus der Wunde den vordern, vergifteten Teil in ihr zu belassen. Außer Gebrauch befindet sich der vergiftete Spitzenteil stets im Schaft (s. Tafel 22, Abb. 3); er wird erst unmittelbar vor der Verwendung umgedreht. Noch kompliziertere Spitzen sind mit seitlich angebrachten Plättchen versehen, die als Widerhaken dienen und das Herausziehen natürlich noch mehr erschweren. Die seltener auftretenden Eisenplättchen an den Spitzen sind nie vergiftet, sicher aus Furcht, der Gegner - sie werden nur auf Menschen gebraucht - möchte sie auf den Schützen zurücksenden. Das Gift ist teils vegetabil, teils animalisch. Euphorbien- und Zwiebelsäfte, Schlangengift und die Ngwa, eine sehr giftige Larve, spielen in ihm die größte Rolle. Getragen werden Bogen und Pfeil meist in hölzernen oder Lederköchern (s. Tafel 22, Abb. 6), die an Lederriemen über die Schulter gehangen werden. Der Speer ist dem Buschmann ursprünglich sicher fremd. Zumal die Eisenspitze (s. Tafel 22, Abb. 7) muß er stets im Tauschhandel mit schmiedekundigen Nachbarn erwerben. - Eine der seltsamsten, noch direkt an tierische Urformen erinnernden Jagdmethoden des Buschmannes ist das von ihm geübte Totlaufen des Wildes. Zu diesem Zweck bindet er unter seine Fußballen winzig kleine Sandalen aus dem steinhart getrockneten Leder des Buschbocks (s. Tafel 22, Abb. 16), deren vorderes Ende stark nach unten gebogen ist. So ausgerüstet verfolgt er in gemächlichem Lauf das Wild, ohne es jemals zur Ruhe und zum Wiederkäuen kommen zu lassen. Die Sandalenhaken haben dabei weniger den Zweck des Staubaufwirbelns, wie man gemeint hat, sondern des leichteren Fortkommens im lockeren Sande. Durch die ewige Ruhelosigkeit treten im Verdauungskanal des Wildes sehr bald Entzündungsvorgänge auf, die das Tier zum Stehen bringen, so daß der Jäger es abstechen kann. - Bei dem knappen Wildstand von heute ist auch der Mann mehr Sammler als Jäger. Gesammelt wird alles, was der dürre Boden bietet, Zwiebeln, Melonen, Kerftiere usw. Universalhilfsmittel sind dabei der Grabstock (s. Tafel 22, Abb. 1) und der große Sammelsack. Beim Manne enthält dieser Sack außer der etwaigen Ausbeute schon von Haus aus einen großen Teil der gesamten Habe seines Trägers: den oft in ihn hineingenähten Köcher, zwei Stäbchen zum Feuerquirlen in der bekannten Art (s. Tafel 22, Abb. 11), die Steine zum Pfeilglätten (s. Tafel 22, Abb. 13b) und etliche Stäbchen mit dick aufgetragenem, giftgetränktem Harz zum Vergiften der Pfeile. Außerdem führt der Mann noch eine Ledertasche, die außer der röhrenförmigen Pfeife für Hanf oder Tabak (s. Tafel 22, Abb. 15) noch eine Salbenbüchse oder ein Salbenhorn (s. Tafel 22, Abb. 12), ein primitives Messer und eine Eisennadel zum Ausziehen der Dornen aus dem Körper, zugleich auch zum Nähen der Felle beherbergt. - Ist der Buschmann auch zu keiner Eigenproduktion gelangt, so benutzt er doch die wenigen genießbaren Vegetabilien seines Schweifgebiets in durchaus verständiger Weise. So zerkleinert er seine sog. Feldkost, die Rosinkis, in ganz sauber gearbeiteten hölzernen Mörsern (s. Tafel 22, Abb. 8) und verwendet auch Holzschüsseln, Kellen und Schöpflöffel in seiner "Küche". Als Werkzeug zu deren Herstellung dient ihm ein mit gebogener Eisenklinge bewehrtes Schnitzmesser, das ohne jeden Zweifel auf fremden Einfluß zurückgeht (s. Tafel 22, Abb. 9). Auch die Eisenklinge an dem Schaber, mit dem die Frauen die Felle enthaaren (s. Tafel 22, Abb. 10), ist sicher übernommen. Vermutlich ist sie jedoch nur als der Ersatz einer früheren Steinklinge aufzufassen. - Neben der Sorge um die zur Trockenzeit ach nur zu spärlich werdenden Nahrungsmittel lastet auf dem Buschmann vor allem auch die andere um das lebenspendende Naß, das Wasser. Vorsorglich füllt er auf seinen Wanderungen leer getrunkene Straußeneier mit ihm und verbirgt sie an nur ihm bekannten Stellen als Rettungsanker bei seiner Rückkehr. Ist auch dieser Vorrat erschöpft und ebenso der Vorrat der Wassermelonen, auf die vor allem er seine Existenz stützen muß, so bleibt als letzte Maßnahme nur noch der Versuch, mittels langer Grashalme Wasser aus dem Boden emporzusaugen. Die Abb. 14 auf Tafel 22 stellt eine solche Saugvorrichtung dar. Sie besitzt unten eine Grasumhüllung, die wohl den Sand vom untern Ende fernhalten soll. - An einen geistigen Kulturbesitz glaubte man bis vor kurzem beim B. überhaupt nicht. Heute wissen wir, daß er sehr musikalisch ist und daß er religiöse Grundvorstellungen besitzt, die ihn von anderen primitiven Völkern durchaus nicht unterscheiden. Bei seinen Tänzen treibt er Fruchtbarkeitszauber, indem er die Tiere in ihrem Brunstgebaren nachahmt, um dadurch auch die Natur zu befruchten. Auch Geisterfurcht und Ahnenkult sind vorhanden, und Zauber- und Wahrsagehölzer spielen im Leben des B. keine kleine Rolle. Bei dem Divinationsapparat (s. Tafel 22, Abb. 17) stellt eines der Hölzchen den Befrager des Schicksals selbst dar. Man wirft das ganze Bündel in die Luft. Aus der gegenseitigen Lage der einzelnen Hölzchen auf dem Boden schließt der Kundige dann auf die Zukunft, das Wohl und Wehe seines Klienten, den Ausgang seiner geplanten Unternehmungen usf. - Die meist umstrittene Kulturerrungenschaft der B. sind jedoch ihre Malereien und Felszeichnungen; man traute dem verachteten Paria unter den Völkern Südafrikas alles zu außer der Fähigkeit, derart naturwahre Kunstwerke (s. Tafel 22, Abb. 18, 19) zu schaffen. Heute zweifelt niemand mehr an dieser Kunstfertigkeit. Fundorte der Malereien sind Höhlen- und Nischenwände vorwaltend im Osten des ehemaligen Verbreitungsgebiets der B.; Darstellungsobjekte sind vor allem die Tiere des Landes, also das Wild, das der alte Jäger täglich vor Augen hatte und dessen Formen ihm deshalb ganz geläufig waren. Außerdem der Mensch, sei es die eigene Rasse mit ihren Eigentümlichkeiten selbst, seien es die feindlichen Nachbarn. Auch ganze Szenen aus dem Volksleben kommen vor; daneben auch schwer zu deutende Darstellungen (Dämonen, Gottheiten? - Tafel 22, Abb. 19), niemals dagegen leblose Gegenstände außer den in den Händen der Krieger befindlichen Waffen. Zu größeren politischen Verbänden haben sie es auch nirgends gebracht, und über die Bildung von Werften sind sie nicht hinausgekommen, ja in den einsamen Gebieten der inneren Kalahari führen sie vielfach nur eine Familienexistenz ohne engeren Zusammenhang mit den anderen. Dagegen besteht nicht selten ein allerdings sehr loses Abhängigkeitsverhältnis zu den Naman (s.d.) oder (im Osten der Kalahari) zu den Betschuanen (s.d.), das sich namentlich in der Lieferung von Produkten der Jagd äußert. Daß indessen ein Volk, das als einziges in ganz Südafrika es zu künstlerischen Darstellungen, den vielerorts bekannten Höhlenzeichnungen (s. Kunst der Eingeborenen), gebracht hat, die stark an die aus unsrer europäischen Vorzeit stammenden Reste ähnlicher Art erinnern, daß ein solches Volk geistig nicht zu den Halbtieren gerechnet werden kann, wie dies ehedem von Zeit zu Zeit geschah, dafür sprechen die Schilderungen wirklich zuverlässiger Forscher zu sehr, als daß man heute noch gegenteiligen Äußerungen irgendwelchen Wert beimessen sollte. Daß der Charakter der B. bisweilen eine harte und abfällige Beurteilung erfährt, ist heute, vom Standpunkt des Kulturmenschen aus, gewiß berechtigt - es sei nur an die Viehräubereien der B. erinnert - trifft aber vielmehr die Umstände, unter denen dies unglückliche Restvolk den schweren Kampf ums Dasein führen muß, als die ursprüngliche Beanlagung, die uns auch im B. nicht nur ein höchst interessantes menschliches Wesen, sondern auch den der Natur seines Landes vielleicht am meisten angepaßten Bewohner Südafrikas erkennen läßt. Geschichtlich kann man über die B. natürlich nicht das Geringste aussagen, da wir sie von jeher nur als die von andern Völkern Unterdrückten und Verfolgten kennen. Von diesem Kampf, der mit vollster Grausamkeit auf beiden Seiten geführt wurde, berichten nicht nur die Annalen der Kapkolonie und der ehemaligen Burenstaaten, sondern wir kennen ihn auch aus dem Munde der übrigen Eingeborenen Südafrikas, in deren Augen der B. nicht anders dastand als ein wildes Tier und von denen er je nach den Umständen auch nicht viel anders behandelt wurde. Von der verhältnismäßig hohen Begabung erzählen uns die erwähnten Felszeichnungen, die Tiere und Menschen in ihrer Eigenart genau wiedergeben. Manche mögen recht alt sein, doch eine große Anzahl stammt sicherlich erst aus europäischer Zeit, wie die auf ihnen dargestellten Wesen, Menschen und besonders auch Pferde, beweisen. Auch von einer heutigen Geschichte selbst der in größeren Mengen zusammensitzenden Stämme kann kaum gesprochen werden. Wohl aber vermag man das baldige Aussterben des interessanten Volkes vorauszusagen, denn wenn irgendeine Rasse tatsächlich von der vordringenden Kultur vernichtet werden wird, so ist es sicher diese Urrasse der südafrikanischen Hochsteppe, die mit allen Fasern ihres Daseins so sehr mit der unberührten Natur verwachsen ist, daß sie sich der von der Kultur veränderten nicht mehr anzupassen vermag. Geographisch ist nur wenig über die B. zu sagen. Während sie im britischen Gebiet in bemerkenswerter Zahl nur noch im Kalaharigebiet vorkommen, treffen wir im Norden unseres eignen Schutzgebietes noch in weiterer Verbreitung auf B. Namentlich die Gegenden zwischen dem Waterberg und dem Okavango kann man noch heute als B.land ansehen. Daneben sitzen sie in größerer Zahl als ziemlich reinblütige Vertreter ihrer Rasse indessen auch im Osten des Schutzgebiets, wo man die zwischen dem 20. und 23. Breitengrade lebenden Auin, von den Hottentotten als Au-San bezeichnet, noch vor kurzem auf rund 3000 Köpfe schätzte. Schließlich sind B. in kleineren Trupps auch im Osten des mittleren Namalandes und in den Namibgebieten zwischen Kuiseb und Oranjefluß vorhanden. Doch sind diese Namib-B. nicht als reinblütige San, sondern als bereits mehr oder weniger mit Hottentotten gemischte Horden anzusehen.

Literatur: G. Fritsch, Die Eingeborenen Südafrikas; Breslau 1872. - H. Schinz, Deutsch-Südwestafrika. Lpz. 1891. - S. Passarge. Die Buschmänner der Kalahari, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1905. - L. Schultze, Aus Namaland und Kalahari. Jena 1907. - H. Kaufmann, Die Auin, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1910. - Trenk, Die Buschleute der Namib, Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1910. - Gentz im Globus Bd. 83 u. 84. - Werner, Anthropolog., ethnolog. u. ethnograph. Beiträge üb. d. Heikum- und Kungbuschleute. Zt. f. Ethnolog. 1906. - Müller, Erkundungsritt ins Kaukaufeld. Dt. KolBl. 1912. - Seiner, Ergebnisse einer Bereisung der Omaheke 1910-12; M. a. d. Sch. 1913. - Gretschel, Die Buschmannsammlung Hannemann, Jahrbuch 5 des Mus. f. Völkerkunde zu Leipzig. Lpz. 1913.

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