Deutsches Kolonial-Lexikon(1920), Band I, S. 264 f.

Caprivi, Graf von (1831-1899), deutscher Reichskanzler vom 20. März 1890 bis 27. Okt. 1894. Diese Zeit ist nicht nur an sich wichtig gewesen für die Fortentwicklung der deutschen Kolonialpolitik, C. selbst hat auch einen starken direkten Einfluß auf sie ausgeübt. Wie er in seiner ersten kolonialpolitischen Rede vor dem deutschen Reichstage, am 12. Mai 1890, ausführte, hatte er beim Beginn einer aktiven deutschen Kolonialpolitik nicht zu deren Freunden gehört. Aber nun gab er der Überzeugung Ausdruck, "daß, so wie die Sache heute liegt, wir nicht allein ohne Verlust an Ehre, sondern auch ohne Verlust an Geld nicht zurückkönnen, daß wir ebensowenig auf diesem Standpunkte stehen bleiben können, daß uns also nichts anderes übrigbleibt, als vorzuschreiten". Niemand würde die Rolle Hannibal Fischers für die Kolonien übernehmen. Tatsächlich ist gerade durch C. der Übergang von dem Bismarckschen Programm der bloßen Schutzgewährung (s. Kolonialpolitik Bismarcks) zu einer eigentlichen Regierung der Kolonien durch das Reich vollzogen. Wohl suchte er anfangs an dem alten Programm festzuhalten. Er sprach die Hoffnung aus, durch die Gesellschaften weiterzukommen (12. Mai 1890). Er erklärte für Deutsch-Südwestafrika (4. Febr. 1891), die Aufgabe sei, nur die Weißen zu schützen. "Erst muß etwas zu schützen sein, dann kommt die Truppe." Aber nachdem in Deutsch-Südwestafrika (1889) die ersten schüchternen Versuche einer Gesellschaftsverwaltung zusammengebrochen waren, als nach dem Deutsch-Ostafrikanischen Aufstand (s. Araberaufstand) die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (s.d.) zum Aufbau einer Verwaltungsorganisation unfähig war, erwies sich das weitere Eintreten des Reiches als unabweisbar, das C. einem zum Teil widerwilligen Reichstage gegenüber nachdrücklich vertrat. So wurde eine Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika geschaffen und allmählich verstärkt, die die anfangs vermiedene Einmischung in die Kämpfe der Eingeborenen und die Aufrichtung einer deutschen Herrschaft nach sich zog. Gegenüber den Angriffen der Kolonialgegner gerade auf diesen Besitz erklärte C. (l. März 1893), "Deutsch-Südwestafrika ist deutsches Land und muß als deutsches Land erhalten werden, einerlei, ob es gut war, es zu erwerben oder nicht". Den ersten Bewilligungen zur Niederwerfung des Ostafrikanischen Aufstandes folgten weitere erhebliche Forderungen und die Einrichtung der Reichsverwaltung durch den Gouverneur v. Soden (s. d.). Für Kamerun wurde mit einer Extrabewilligung von 1,5 Mill. M die erste intensive Einwirkung auf das Innere eingeleitet. Für die äußere Begrenzung des deutschen Kolonialreiches wurde für die Folgezeit entscheidend das Abkommen mit Großbritannien vorn 1. Juli 1890. Nach den vom Kaiser am 2. Mai 1890 gegebenen Richtlinien wurden die Grenzen in Afrika so festgelegt, wie sie gegenüber den englischen Interessensphären bis jetzt bestanden haben. Das wichtigste dabei war die Abgrenzung in Ostafrika: Erwerb der Hoheit über die Küste, Festlegung der Grenze im Seengebiet, Aufgabe der Schutzherrschaft über Witu, Ausdehnung des englischen Protektorats über Sansibar, dafür Erwerbung von Helgoland. Damit war dann die einheitliche Verwaltung von ganz Deutsch-Ostafrika ermöglicht. Einer weiteren Ausdehnung des deutschen Besitzes in Afrika war C. nicht geneigt, wie auch seine Zurückhaltung an der Ostgrenze von Kamerun zeigte. Tatsächlich hat auch nach C.s Zeit eine Vergrößerung des deutschen Kolonialbesitzes in Afrika bis zum Kongo-Kamerun-Abkommen vom 4. Nov. 1911 (s. Erwerbung der deutschen Kolonien 3) nicht mehr stattgefunden. "Die Periode des Flaggenhissens und des Vertragschließens muß beendet werden, um das Erworbene nutzbar zu machen. Es beginnt jetzt die Zeit ernster, unscheinbarer Arbeit" (Denkschrift zum Abkommen vom 1. Juli 1890). Danach ist dann gehandelt worden. Die von C. schon vorgefundenen Pläne der Schaffung einer besonderen Abteilung des Auswärtigen Amts für die Kolonialverwaltung (s. Kolonialabteilung) und der Errichtung eines Kolonialrats (s.d.) traten ins Leben. Das verfassungsrechtlich und politisch folgenschwere Gesetz vom 30. März 1892 über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete, die Organisation ihrer Verwaltung, die Umwandlung der Schutztruppen in Deutsch-Ostafrika und in Deutsch-Südwestafrika aus privaten Söldnertruppen in kaiserliche Truppen, die Durchführung der Beschlüsse der Brüsseler Konferenz (s. Brüsseler Antisklavereikonferenz), die Durchführung der deutschen Herrschaft im Innern der Schutzgebiete trotz mancher Rückschläge und großer Schwierigkeiten (1891 Vernichtung der Zelewskischen Expedition in Uhehe, 1892 Kämpfe am Kilimandscharo [s. Deutsch-Ostafrika, 17. Geschichte], Gravenreuths [s. d.] Tod vor Buea, 1893/94 Krieg mit den Witbois [s. d.]), die Unternehmungen der Antisklaverei-Lotterie (s. Antisklavereibewegung) seien besonders genannt. S. a. Kolonialpolitik Deutschlands.

Rathgen.